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„La Môme Piaf“

Edith Piaf: Alle kennen sie, alle mögen sie – und ihre Chansons voller Tragik, die man schon im Französisch-Unterricht rauf und runter gesungen hat. Interessanter aber, weil dramatischer als mancher Roman, ist das Leben der nur 1,47 m großen Dame. Die bewegende Biografie diente mehreren Filmen als Vorlage. Zuletzt wurde sie von Regisseur Olivier Dahan verfilmt und Anfang des Jahres zur Eröffnung der Berlinale in die Kinos gebracht.

 

Als Mädchen hin- und hergeschubst zwischen Mutter und Vater, wuchs Piaf zunächst – genau wie Gérard Depardieu, der auch mitspielt in dem Film „La vie en rose“ – bei ihrer Großmutter im Bordell auf. Sie wurde mit dem bürgerlichen Namen Edith Giovanna Gassion als Tochter eines Akrobaten und einer Prostituierten am 19. Dezember 1915 in der Arrestzelle einer Pariser Polizeistation geboren.

 

Zwei Jahre lang war das Mädchen wegen einer Bindehautentzündung blind. Mit sieben Jahren zog sie mit ihrem Vater im Wanderzirkus umher und sang schon früh auf Marktplätzen. Mit fünfzehn streifte sie mit einer Freundin selbständig durch Paris’ Strassen und trat mit selbst geschriebenen Chansontexten in Cafés, Bars und Revuetheatern auf, bis sie von Louis Leplée, dem Revuekönig und Besitzer des Kabarettclubs „Le Gerny’s“, entdeckt wurde. Leplée gab ihr wegen der kleinen Körpergröße den Namen „La Môme Piaf“, was soviel bedeutet wie „der kleine Spatz“. Später wurde Piaf im Volksmund zum „Spatz von Paris“.

 

Eine von Drogenexzessen begleitete Traumkarriere

Eines Tages saß der französische Schauspieler und Chansonnier Maurice Chevalier in einer Vorstellung: Eine grandiose Karriere folgte, begleitet von Alkohol- und anderen Drogenexzessen. Piaf sang im berühmtesten Pariser Varieté-Theater „A.B.C.“ und mit der Gruppe „Les Compagnons de la Chanson“ auf zahlreichen europäischen Bühnen, wo sie legendäre Erfolge feierte.

 

Bald lernte sie die Konzertpianistin Marguerite Monnot kennen, die  für die Künstlerin viele Hits komponierte – so wie auch andere Franzosen es gerne taten. Im Film wird gezeigt, wie ein gewöhnlicher Soldat oder ein Musiker mit Melodien an Edith Piaf herantreten – und wie die Sängerin Gefallen an dem Vorgespielten findet und es kurzerhand in das eigene Repertoire aufnimmt. Mit dem melodramatischen Lied „La vie en rose“ gelang Edith Piaf dann der endgültige Durchbruch: Sie wurde weltweit berühmt.

 

Die große Liebe ihres Lebens und ein Flugzeugunglück

Nicht nur ihre Chansons, auch ihr Privatleben war von Tragik geprägt: Ihr uneheliches Kind Marcelle, das beim Vater aufwuchs, starb mit zwei Jahren an einer Hirnhautentzündung. Im Boxweltmeister Marcel Cerdan  fand sie die Liebe ihres Lebens. Doch als er sie in New York, wo sie das Publikum mit ihren Balladen begeisterte, besuchen wollte, stürzte sein Flugzeug ab. Ganz sicher gehörte dieses Unglück zu den schmerzhaftesten Erfahrungen, die Edith Piaf in ihrem Leben zu bewältigen hatte, und der Film setzt dies entsprechend in Szene:

Es wird gezeigt wird, wie Piaf ihren Geliebten anruft und bittet, sie zu besuchen, wie sie einschläft und am nächsten Morgen von ihm geweckt wird, wie sie in der Küche Kaffee macht und dort auf die verstörten Gesichter der Bediensteten trifft, bis ihr einer sagt, Cerdan sei tot, sein Flugzeug abgestürzt – diese Szene ist sicher der Höhepunkt des Films. Edith Piaf starb am 11. Oktober 1963 in Paris. Sie hinterließ rund 300 Chansons, darunter viele unvergessliche Melodien.

 

Grandiose Piaf-Darstellerin Marion Cotillard

Das Leben der Edith Piaf diente mehreren Kinofilmen als Vorlage. Vor La Môme (deutscher Verleihtitel „La vie en rose“, 2006), für den Regisseur Olivier Dahan die französische Schauspielerin Marion Cotillard engagierte, die Edith Piaf aus dem Gesicht geschnitten ist, war die Vita der Sängerin von Claude Lelouch (Edith und Marcel, 1983 mit Evelyne Bouix) und Guy Casaril (Piaf, 1984 mit Brigitte Ariel) verfilmt worden. Die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 31-jährige Marion Cotillard passt sich ihrer Rolle vorzüglich an. Ihre Darstellung sei „übermenschlich“, jubelte ein französischer Kritiker. Das jugendliche Antlitz nimmt in „La vie en rose“ allmählich das wächserne Aussehen der alternden Sängerin an; die eingangs energische Gestalt verwandelt sich in eine schmächtige, abgemagerte Silhouette.

Für alle, die das Kinoerlebnis verpasst haben: „La vie en rose“ ist seit dem 6. September als DVD erhältlich. Der Film mag wegen seines zeitweiligen Pathos Geschmackssache sein, doch die interessante Biografie und die schöne Einbettung der Chansons in den immer schneller geschnittenen Verlauf der Geschichte machen dies wieder wett.

 

 

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Katja Baigger, 28, schreibt gerade ihre Lizenziatsarbeit in Neuerer deutscher Literatur und verfasst Artikel für diverse Zeitungen, sie lebt in Zürich und reist immer wieder gerne nach Berlin.