Anderswo

Landlust oder Landfrust

Idylle, Mythos oder Albtraum? Wie das Leben auf dem Lande wirklich ist, davon kann Axel Brüggemann erzählen.

Landleben - ein Hochglanzmagazin mit diesem Titel lässt alle anderen Printmedien vor Neid erblassen. Weil seine Abozahlen steigen und steigen und steigen. Weil es so umwerfend gut gemacht ist? Wohl kaum. "LandLeben" ist in Ordnung, aber Erfolg hat es in erster Linie, weil es einen romantischen Nostalgietraum erfüllt - den Wunsch nach der Dorfidylle, dem "heilen" Leben in frischer Luft, zwischen bodenständigen Bauern. Der gelegentliche Tritt in einen Kuhfladen wird billigend in Kauf genommen.

 

Das Landleben zwischen Klischee und Mistgabel


Ist DAS Land so? Naturnah, ökologische korrekt, sicher, freundlich? Nimmt es wirklich jeden zugezogenen Städter in die dörflichen Arme und bietet ihm Frieden? Axel Brüggemann, Redakteur und freier Autor für so renommierte Medien wie Welt am Sonntag, Stern, Focus und Cicero, für Deutschlandfunk, ZDF und arte, ist selbst von Berlin in ein Dorf gezogen. Und weil es dort weit weniger idyllisch zuging als er und seine Familie es sich erhofften, hat er Meldungen aus und über die deutsche Provinz gesammelt, ist quer durch Deutschland gereist, hat sogar einen kleinen bitterbösen Roman geschrieben, den er kapitelweise zwischen seine Reportagen und seine Faktenberichte abdruckt.

Das Ergebnis dieser Zusammenschau aus Fiktion, soziologisch eruiertem Ist-Zustand und Selbsterlebten: Das Dorf ist auch nicht mehr das, was es mal war. Falls es je das gewesen ist, was Großstädter sich erträumten: Dörfler sind nicht freundlicher als die Menschen am Presslauer Berg, westlich des Münchner Hauptbahnhofs oder hinter dem Hamburger Kiez. In den Kleinststädtchen gibt es vielleicht weniger Drogenabhängige, aber dafür mindestens soviele Säufer, weniger Fremde anderer Haut- und Haarfarbe, aber reichlich Neid, Hass, Familienfehden zwischen Alteingesessenen. Vielleicht riecht die Luft seltener nach Abgasen, aber oft genug nach Gülle oder Schweinemast, und Erntemaschinen machen so viel Krach wie LKWs.

 

Ahnungslose Großstädter


Axel Brüggemann versucht beinahe verzweifelt Idee vom schönen Leben auf dem Land nicht völlig tot zu reden, aber besonders in seinem zwischengeschobenen Romankapiteln und noch mehr, wenn er harte Zahlen über die Verödung der deutschen Provinz bringt - nicht nur im Osten -, wird klar: Jenseits der Stadtgrenzen geht das Leben mit den Menschen nicht freundlicher um als mit Stadtbewohnern. Und in manchen der schrumpfenden Dörfer eher schlechter.

"Landfrust" ist ein sehr passender Titel für Brüggemanns kluges Buch. Jeder der über die Großstadt schimpft, an einen Umzug aufs Dorf denkt, ahnungslos von der "guten" Natur schwärmt, in der die Dörfler leben, sollte dieses Buch lesen - über den Mangel an Ärzten, Schulen, jungen Lehrern. Und über die oft sehr offen gezeigte Ablehnung der Dorfbewohner gegenüber Zuzüglern mit ihren Ideen von naturnahem, ökologisch korrektem Leben. Nicht nur weil ihn "Landfrust" damit vor einem schnellen Umzug bewahren wird, sondern weil er plötzlich sein Stadtleben mit neuen, freundlicheren Augen sehen kann.