Women only

Latzhosenmädchen

Letztens fragte Jörg Thadeusz Anne Will in einem Interview, ob sie ein Latzhosenmädchen gewesen sei. Ich habe über diesen Ausdruck lange nachgedacht, denn im Gegensatz zu Anne Will war ich ein Latzhosenmädchen. Ich kann mich nicht erinnern, in den ersten zehn Lebensjahren überhaupt etwas anderes getragen zu haben als Latzhosen – Strampler inklusive.

Eigentlich hatte der Thadeusz wohl fragen wollen: „Frau Will, ab wann haben Sie eigentlich erkannt, dass sie lesbisch sind?“, weil er sich das aber im öffentlich rechtlichen Fernsehen nicht traute, verlagerte er das Thema auf ein Kleiderproblem im übertragenen Sinne: Tragen Lesben in ihrer Jugend Latzhosen? Oder umgekehrt: Machen Latzhosen lesbisch?

Ich war nicht nur ein Latzhosenmädchen, sondern überdies noch ein Nickipullovergirl und ein Unterhosenfräulein! Ich weiß nicht, was schwerer wiegt, im Hinblick auf frühkindlich-sexuelle Prägung, Latzhose, Unterhose oder Nickipullover. Was Herrn Thadeusz wohl zu meiner quergestreiften Sanetta- Unterwäsche-Kollektion eingefallen wäre? Vielleicht, dass ich die Reinkarnation eines bisexuellen Zebras bin.

Ende der 70er Jahren war die Welt im Hinblick auf Klamotten noch in Ordnung, oder sagen wir mal, geschlechtsspezifisch wenig ausdifferenziert! Durch den Unisexomat modisch gleichgeschaltet, konnten wir Mädchen uns noch bis kurz vor der Pubertät aussuchen, welches Geschlecht wir eigentlich sein wollten. Wir lebten ungebrandet, unbeschriftet, und unsere Modefarben waren nicht pink, rosa und hellblau, sondern umbra, beige, khaki und chamois. Wir hatten auch keine Babysweater mit Aufdruck „Abi Zweitausendsoundso“, „Mamas Liebling“ und keine Jacken, in denen wir aussahen wie lebende Plüschtiere ,und hätten meine Eltern mich in ein T-Shirt mit der Aufschrift „Zuckermaus“ gesteckt, ich hätte sie wegen grober Körperverletzung beim Jugendamt angezeigt.

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Ute Hamelmann wurde 1975 in Münster geboren. Sie lebt mit ihrem Mann in einem kleinen Dorf im Münsterland und zeichnet, schreibt und bloggt neben ihrem Hauptberuf bei einer Lotteriegesellschaft. Seit 2006 trägt sie den Künstlernamen Schnutinger, der aber mehr ein Zufallsprodukt ist, weil ihr Mann sie so genannt hat und das ihr erstes und letztes Bloggerpseudonym war. Ute Hamelmann hat zwei Cartoonbücher im Carlsen-Verlag veröffentlicht, produziert kabarettistische Beiträge für DerWesten und Sevenload und arbeitet an einem Buch für den Eichborn Verlag.

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