CD des Monats

Laura Nyro

Original Album Classics

Laura Nyro ist seit dreizehn Jahren tot, einen wirklichen Hit hatte sie – zumindest in Deutschland – nie. Gerade deshalb soll an die 1947 als Laura Nigro in New York City geborene Singer-/Songwriterin erinnert werden, die auch nach heutigen Maßstäben nur als wegweisend, emanzipiert und unbeugsam bezeichnet werden kann.

 

Lauras italienisch-russische Eltern mit katholischen und jüdischen Glaubensbekenntnissen waren selbst sehr musikalisch und unterstützten die ersten künstlerischen Gehversuche ihrer Tochter nach Kräften. Das Klavierspielen brachte sich die kleine Laura allerdings weitgehend selbst bei: Den Unterricht brach sie ab, weil sie sich von ihrem Lehrer unter Druck gesetzt fühlte. Mitte der 1960er Jahre konnte sie bereits eine beträchtliche Anzahl selbstkomponierter Lieder vorweisen, die von klassischer Musik ebenso beeinflusst waren wie von Jazz, Blues, Soul und Folk.

 

Unverwechselbarer Stil der Autodidaktin


Laura liebte vor allem Musik von Frauen: Zu ihren Vorbildern zählten Joan Baez und Nina Simone, Martha & The Vandellas, Billie Holiday und Patti LaBelle. Aus diesen verschiedenen Einflüssen gestaltete Laura Nyro schon früh einen eigenen, unverwechselbaren Stil, der sie von anderen Sängerinnen unterschied – und sie machte alles selbst: von der Komposition über die Arrangements, das Einspielen der Instrumente bis hin zum Backgroundchor, den sie allein in verschiedenen Tonlagen einsang.


Ohne männliche Schützenhilfe funktionierte es in der damaligen Plattenindustrie aber (noch) nicht. Laura Nyros erstes Album erschien 1967 auf dem renommierten Verve-Label, dessen Chef Jerry Schoenbaum argwöhnte, ihre Musik sei zu kompliziert für den Mainstream-Markt: „Wenn du alle 30 Sekunden das Tempo wechselst, verlierst du die normalen Hörer“, warnte er Laura, die sich aber nicht nicht beirren ließ. Die perfektionistische Autodidaktin war nicht bereit, Kompromisse einzugehen, um einem breiten Publikum zu gefallen. Ihre Kompositionsweise erinnerte an George Gershwin und Burt Bacharach, ihre somnambul-klagende Sopranstimme brachte ihr den zweifelhaften Ruf einer modernen Ophelia ein. Ein Auftritt beim Monterey-Festival 1967 geriet zum Desaster, weil die aus Love-and-Peace-Hippies bestehende Zuschauermenge Nyros dramatischer Performance keine Aufmerksamkeit schenkte, Laura Nyro war dort ganz offensichtlich fehl am Platz. Schwierige Bedingungen für eine Karriere im Popbusiness, die sie dennoch anvisierte.

 

Tuna Fish Music


Erneut trat ein mächtiger Mann in ihr Leben: Der umtriebige Produzent David Geffen glaubte an Nyros Talent und gründete mit ihr das Label Tuna Fish Music, auf dem ihre Platten erschienen; später verhalf er ihr zu einem Deal mit Columbia Records. Ihre Platten aus den späten sechziger Jahren wie „Eli And The Thirteenth Confession“ und „New York Tendaberry“ sind so ungewöhnlich wie bezaubernd: Nyro verzichtete auf die übliche Pop-Instrumentierung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug, sie arrangierte ihre Songs mit schwermütigen Celli, Streichern und Klavier.


Eingängige Refrains sucht man vergeblich, und doch bleiben die Melodien im Ohr. Nyros Texte sind poetisch und melancholisch, dabei von klarer Einfachheit, die vor allem von jungen Mädchen mit Begeisterung aufgenommen wurden. Ohne je ein ganz großer Star zu werden, erreichte sie doch ein treues Publikum, das sie hingebungsvoll verehrte. Ihre Songs wurden von Bands wie Blood, Sweat and Tears und Fifth Dimension gecovert, Bob Dylan wollte sie kennen lernen (nicht etwa umgekehrt!), und bis heute ist ihr Einfluss bei jungen Singer-/Songwriterinnen zu spüren.


Ab 1970 begann Nyro zu experimentieren: Mit dem Frauentrio LaBelle („Lady Marmalade“) nahm sie „Gonna Take A Miracle“ auf, ein Album, das nur aus Soul- und Rock-Coverversionen bestand. 1976 erschien die jazz- und fusionbeeinflusste Platte „Smile“. Bis zu ihrem Krebstod im Jahr 1997 blieb sie musikalisch aktiv, wenn sie auch weniger eigene Alben veröffentlichte, so ist sie beispielsweise als Gastsängerin von Manhattan Transfer zu hören.

 

Unkonventionelles Privatleben


Ihr Privatleben gestaltete Laura Nyro genauso unkonventionell wie ihre musikalische Karriere. Nach mehreren kurzen Beziehungen wuchs in ihr der Wunsch nach einem Kind – nicht aber nach einem Leben als Ehefrau. Jahrzehnte bevor Madonna ihren Fitnesstrainer zum Vater ihres Wunschkindes machte, bekam Laura Nyro ein Kind von einem Mann, der nicht ihr Partner war und das auch nicht werden sollte. Sie lebte mit einer Frau zusammen, bekannte sich aber nicht als offen lesbisch, sondern sagte über diese Partnerschaft nur, „I found my soulmate“. Spekulationen kommentierte sie nie.


Das Werk dieser als Mensch und Künstlerin faszinierenden Frau kann jetzt wiederentdeckt werden: Unlängst erschien ein 5-CD-BoxSet mit Laura Nyros wichtigsten Alben „Eli And The Thirteenth Confession“, „New York Tendaberry“, „Christmas And The Beads of Sweat“, „Gonna Take A Miracle“ und „Smile“.