Starke Frauen

„Leben? Oder Theater?“ – Die Lebensgeschichte der Charlotte Salomon

Mit ihrer außergewöhnlichen und eindringlichen Bilderzählung legt uns die jüdische Künstlerin - 1943 hochschwanger in Auschwitz ermordet - ihr Leben zu Füßen.

Von: Verena Manhart

vom 26.09.07

Zwei Jahre und drei Farben benötigt die 23jährige Charlotte Salomon, um ihr Leben zu malen. Im französischen Villefranche beginnt sie 1940 die Arbeit an „Leben? Oder Theater? Ein Singespiel“ und schafft bis 1942 einen Zyklus von über 1300 Gouachen, ausschließlich in den Farben Blau, Gelb und Rot. Zu dieser Zeit befindet sie sich in einer schweren Lebenskrise und hält sich nur durch ihre künstlerische Arbeit am Leben.

 

 „Und sie sah sich vor die Frage gestellt, sich das Leben zu nehmen oder etwas ganz Verrückt-Besonderes zu unternehmen.“ (Charlotte Salomon, Blatt 4922r)

Ihr Werk, das in einer Wanderausstellung präsentiert wurde und nun als letzte Station im Jüdischen Museum Berlin zu sehen ist, ist ein einzigartiges Zeugnis jüdischen Lebens vor und während des zweiten Weltkriegs und eine autobiografische Bilderzählung, die unter die Haut geht.

 

Der Untertitel „Ein Singespiel“, die Vorform der Operette, bezieht sich darauf, dass den einzelnen Blättern oftmals bestimmte Melodien, den dargestellten Personen einzelne Textpassagen zugeordnet sind. Um diesen Gesamteindruck zu verstärken und auch um Distanz zu wahren, gibt Charlotte den Protagonisten ihres Stückes – alles wichtige Bezugspersonen aus Familie und Freundeskreis – Phantasienamen. Aus ihrer geliebten Stiefmutter, der bekannten jüdischen Sängerin Paula Salomon-Lindberg, wird Paulinka Bimbam. Der von Charlotte verehrte Gesangstherapeut Alfred Wolfsohn wird in Bezug auf Wolfgang Amadeus Mozart, der im Hause Salomon oft gehört wird, und darauf, dass er meist ohne Arbeit und Geld war, Amadeus Daberlohn genannt. Charlotte selbst distanziert sich von ihrer eigenen Person durch die Namensgebung Charlotte Kann.

 

Wie im Theater unterteilt Charlotte auch ihren Gouachenzyklus in Vorspiel, Hauptteil und Nachwort. Das Vorspiel dreht sich um die Geschichte ihre Eltern, ihre Heirat und die wenigen glücklichen Jahre vor und nach Charlottes Geburt. Als Charlotte 8 Jahre alt ist, nimmt sich ihre mittlerweile stark schwermütige Mutter das Leben. Charlotte erzählt man, sie sei an der Grippe gestorben. Auch ihre Tante, nach der das kleine Mädchen benannt ist, hatte einige Jahre vor Charlottes Geburt den Freitod gewählt. Diese Serie an Suiziden in der Familie mütterlicherseits gipfelt am 5.März 1940 im Selbstmord ihrer Großmutter. Jetzt erst erfährt Charlotte von ihrem Großvater, wie Mutter und Tante wirklich starben. Ihr Großvater prophezeit dem jungen Mädchen das gleiche Schicksal und Charlotte glaubt wahnsinnig zu werden.

 

Der Hauptteil ist ihrer schwierigen Beziehung zu Paulinkas Gesangslehrer Amadeus Daberlohn gewidmet, den Charlotte verehrt und unsterblich liebt. Er wird zu ihrem Vorbild und inspiriert und beeinflusst sie mehr, als ihm lieb ist. Charlotte, ein introvertiertes Kind, klammert sich verzweifelt an den intellektuellen und philosophischen Mann, und aus Verehrung wird jugendliche Leidenschaft, von der ungewiss ist, ob sie tatsächlich erwidert wurde. Die reale Person Alfred Wolfsohn war sich scheinbar nie über seine Wirkung auf die junge Charlotte bewusst. Als „Leben? Oder Theater?“ einige Jahre nach Charlottes Tod ihrem Vater und ihrer Stiefmutter, die den Holocaust durch ihre Flucht nach Amsterdam überlebt haben, übergeben wird, zeigt sich Wolfsohn erstaunt über seine zentrale Rolle in ihrem Leben.

 

Das Nachwort schließlich spielt in Südfrankreich, Charlotte emigriert 1939 zu ihren Großeltern nach Villefranche-sur-Mer. Hier erfahren sie vom Ausbruch des Krieges, die Nachricht treibt die Großmutter in den Selbstmord. Daraufhin werden Charlotte und ihr Großvater nach Gurs interniert, sie dürfen aber aufgrund des hohen Alters des Großvaters kurz darauf nach Nizza zurückkehren.

Hier beginnt Charlottes Aufarbeitung, sie scheint getrieben von den Ereignissen ihres Lebens und das Malen verhindert, dass sie wahnsinnig wird. So schrecklich die Lebensgeschichte der jüdischen Malerin ist, so tiefbeeindruckend ist ihr Werk. Es ist keine Abrechnung mit dem Nationalsozialismus, kein apokalyptischer Aufschrei, es ist die anrührende Geschichte eines Mädchens, die die intimsten Erinnerungen ihres Lebens festhält. Eine selten persönliche Erzählung, die gerade vor dem Wissen um ihr Schicksal stark berührt.

 

Im Jüdischen Museum Berlin wird die Wanderausstellung mit rund 277 sorgsam ausgewählten Blättern aus dem umfangreichen Zyklus um eine ausführliche Dokumentation erweitert. Und es erfolgt eine Gegenüberstellung mit dem Werk „Neben seinen Schnürsenkeln in einen leeren Kühlschrank laufen“ der zeitgenössischen belgischen Künstlerin Chantal Akerman. In ihrer Videoinstallation beschäftigt sich die Enkelin polnischer Holocaust-Überlebender mit dem Tagebuch ihrer Großmutter. Hierdurch wird der generationsübergreifende Drang nach künstlerischer Verarbeitung der ganz persönlichen Schicksalen jener Zeit deutlich.

 

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog mit zahlreichen Illustrationen erschienen. Besonders hervorzuheben ist der Artikel „Kunst! Und Leben“ von Sabine Schulze, in dem erstmals der Versuch gemacht wird, Charlotte Salomon in einen kunsthistorischen Kontext einzubetten.

 

 

 

Jüdisches Museum Berlin

Lindenstraße 9-14, Kreuzberg  

tgl. 10-20 Uhr, Mo 10-22 Uhr

17.8.-25.11.2007

 

Bilder- und Fotonachweis:

* Charlotte Salomon Foundation

* Jens Ziehe/Jüdisches Museum - Foto der Installationsansicht von Chantal Akerman