Starke Frauen

"Leidenschaften: 99 Autorinnen der Weltliteratur"

„Wir wollten Autorinnen vorstellen, deren Geschichte eine andere war und ist als die ihrer männlichen Kollegen. Und sie sollten für die Literaturgeschichte bedeutsam sein...“

Diesem Vorsatz folgen die renommierten Literaturkritikerinnen Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März und Ellen Schmitter in dem Lese-Buch „Leidenschaften: 99 Autorinnen der Weltliteratur“ auf eine anregende, faszinierende und auch leidenschaftliche Weise, und sie schicken selbst den versierten Leser auf eine spannende Entdeckungsreise. Die Autorinnen haben sich für 99 Schriftstellerinnen – berühmte, bekannte, anerkannte und erfolgreiche, unbekannte und verkannte – entschieden, weil „immer eine fehlt zum vollen, zufriedenen Hundert.“

 

Um das Zahlenspiel fortzusetzen: Man kann auf 640 Seiten den Werdegang, wesentliche Erlebnisse, Erfahrungen und Einflüsse von Schriftstellerinnen aus allen Kontinenten, vor allem aus Europa, über die Jahrhunderte verfolgen – und das nach der alphabetischen Gliederung von A- Z. Der hieraus zu schlussfolgernde Eindruck täuscht: Es handelt sich n i c h t um ein Lexikon, sondern um ein Kompendium mit einem ganz eigenen Charme – ohne jede Form akademischer Gelehrsamkeit.


Im Gegenteil, in den Porträts, bei denen schon die Überschriften neugierig machen - „Körper, Kleider, Katastrophen“ (über Margaret Atwood /Kanada); „Gezeiten im Krieg“ über Paulina Chiziane/Mosambik; „Opium fürs Frauenherz“ (über Hedwig Courths – Mahler/ Deutschland); „Antipodin ihrer selbst“ (über Susan Sontag/ USA); „Zorn und Melancholie“ (über Zhang Jie/ China) u.v.a.m. - erfährt man neben biografischen Details und Anekdoten auch, wie der Zeitgeist und das soziale Umfeld, Beziehungen und Beziehungskrisen, Depressionen und andere Krankheiten das Leben und Schreiben der Künstlerinnen prägten, erschwerten oder versuchten zu verhindern.


Man liest Verblüffendes, Unbekanntes, Fesselndes, wenn man Emily Dickinson (gest.1886) kennenlernt, die „Eremitin von Armherst,...eine singuläre Dichterin“, die zwei Drittel ihres Werkes, etwa 1200 Gedichte, für sich behielt - „Liebes-, Sehnsuchts-, Klage-, Zorn- und Bilanzgedichte“, die heute „als moderne Lyrik gelesen und von einem ständig wachsenden Publikum in aller Welt geliebt werden.“


Oder wer kennt Assia Djebar, geboren 1936 in Algerien, „...die berühmteste weibliche Stimme der arabischen Welt“? Fatima-Zohra Imalayene, wie sie eigentlich heißt, gab sich zur eigenen Tarnung und zum Schutz ihrer Familie ein Pseudonym, schreibt auf Französisch und lehrt auch als Professorin in New York. „Sie wurde als erste Autorin - und erster Autor- des Maghreb in die Academie Francaise gewählt.“


Hildegard von Bingen und Christine de Pizan hatten eine Schwester im Geiste – Juana Ines de la Cruz aus Mexiko, die als 21jährige 1669 aus Wissensdurst für 26 Jahre ins Kloster ging, dort eine umfangreiche Bibliothek gründete und kreativ in allen Formen des Schreibens war. Sie verfasste Gelegenheitsdichtungen, wie Singspiele, Tanzlieder, Huldigungsgedichte, aber auch Kurzepen und Essays sowie theologische Traktate. Deshalb wurde sie von ihren männlichen Konkurrenten und Gegnern so unter Druck gesetzt, dass sie sich dem paulinischen Schweigegebot – wie einst Hildegard von Bingen und Christine de Pizan - unterwarf. „Sie unterzeichnete ihre vollständige Unterwerfung, den Verzicht auf das Schreiben und die Wissenschaft, mit einer in ihr eigenes Blut getauchten Feder... und blieb als Schriftstellerin stumm. Ein Jahr später war sie tot.“


Auch Johanna Spyri wird porträtiert, die Autorin des legendären Trivialromans „Heidi“, dessen Wirkung noch bis heute als Exportschlager zu spüren ist und an dem das Prinzip einer unermesslichen Vermarktung demonstriert wird „mit Buchverkäufen in Millionenhöhe, Übersetzungen in über fünfzig Sprachen, mehreren Heidi-Verfilmungen und einer japanischen Heidi-Trickfilmserie, Heidihotels, Heidibekleidung...“ Es wird zwar nicht darauf eingegangen , dass Johanna Spyri offenbar die Erzählung von Hermann Adam von Kamp „Adelaide, das Mädchen vom Alpengebirge“ kannte, die 50 Jahre vorher erschienen war, und die sie nach ihrem Gusto verarbeitet hat, aber vor allem ist bedeutsam, wie kritisch mit allen Spielarten des Trivialen von der Verfasserin Gunhild Kübler ins Gericht gegangen wird, ohne dass die Persönlichkeit Johanna Spyris diffamiert wird, sondern dass dem Leser verschiedene Lesarten angeboten werden.


„Am Anfang dieses Buches stand die Leidenschaft – die der Autorinnen und unsere“, schreibt Elke Schmitter in dem klugen und lesenswerten Nachwort. Leidenschaft – das ist hier eine Haltung, die nicht mit Eifer sucht, was Leiden schafft, sondern eine, die Kraft ausstrahlt, die zum Lesen verführt, zum Genuss beim Lesen und zur Wiederbegegnung und Kennenlernen von Künstlerinnen mit ihren gewöhnlichen und außergewöhnlichen Schicksalen. Kurzum – ein wunderbares Buch!