War was?

Lena - das Politikum

Lena Meyer-Landrut hätte es fast rumgerissen. Wäre da nicht Köhler gekommen, besser gesagt- gegangen.

Lena hatte nicht nur die Europameisterschaft im Singen gewonnen - sie hatte die wunde, deutsche Seele gerettet, und die europäische gleich mit. (Fast.) Vergessen waren erstmal Finanzkrise, Sparkurse, Griechenland und die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Endlich wieder was Schönes, Nettes, Aufbauendes. "Fräulein Wunder", "Du bist Deutschland", "Lena, unsere Erlöserin", riefen die deutschen Medien. Was ist das für ein Impuls, fragt man sich augenreibend, ausgerechnet den Sieg im Grand Prix Eurovision nun für Analysen über den Zustand Deutschlands sowie Europas zu bemühen? Es gelinge ihr, zu verbinden und zu solidarisieren, hieß es. Danke, Lena. Sie könne das Bild vom hässlichen Deutschen korrigieren und unsere europäischen Nachbarn für uns begeistern. Sie vermöge gar ganz Europa zu einem neuen Glauben an die europäischen Idee verhelfen. Danke, danke Lena.

Doch sie wurde auch analysiert als eine "Unschuldig-Unbedarfte, die sich durchsetzte gegen Abgebrühteres". Aha, Lenas Erfolg wird weniger auf ihr Können als vielmehr ihre Wirkung zurückgeführt. So wären wir dann bei dem nicht minder Interessanten, das durch alle Berichte aus Oslo mitschwingt - dem von Lena verkörperten Frauenbild. Auch hier wieder zahllose Experten und Küchenpsychologen, die vom Leder ziehen. Lena, der Gegenentwurf zu Nicole, das "Symbol für ein modernes Deutschland" - sie stehe für eine neue, selbstbewusste Generation von Frauen, die sich nicht verbiege. So weit, so gut.

Wir sollten nicht vergessen, dass das, was Lena an Abgebrühtem, Berechnendem fehlt, dafür Mentor Stefan Raab um so Vieles wettmacht. Wie viel ihres Erfolgs auf ihre eigene Natürlichkeit und Können und wie viel davon auf Raabs unbedingten Siegeswillen, Marktkenntnisse und Ausgebufftheit zurückzuführen ist, wird sich nie festmachen lassen. Und wie viel von der Ungekünsteltheit einer jungen Frau am Ende bleibt und sich in der Öffentlichkeit tatsächlich als neues Vorbild gegen die Heidi-Klums aus den Wie-sie-alle-heißen-Casting-Shows am Ende durchsetzt, müssen wir noch abwarten. Ihr Sieg trat nämlich plötzlich schneller als gedacht wieder in den Hintergrund. Der Köhlersche Rücktritt grätschte Lena nicht nur medial dazwischen und verdrängte sie von den Schlagzeilen. Mit dem Ex-Bundespräsident und seiner Dünnhäutigkeit sowie "Ich-bin-dann-mal-weg"-Maxime gibt - nach Roland Koch - ein weiterer ein schlechtes Zeugnis für unsere Demokratie ab und stürzt Deutschland in eine neue, alte Ratlosigkeit.