Lesen

Lesen oder lesen lassen?

Ein Selbstversuch

Von: Tanit Hahn, Foto: stock.xchng

vom 09.05.07

Das Medium Hörbuch spaltet die Leute – insbesondere Leseratten halten gar nichts von ihm. Auch ich habe mich lange dagegen gewehrt und als „Alternative für entsetzlich faule Menschen“ abgestempelt. Und nun möchte ich es nicht mehr missen.


So begleitet mich neuerdings Thomas Manns Zauberberg, gelesen von Udo Samel, auf meinem Weg zur Uni. Erschien mir die morgendliche Fahrt auf dem Fahrrad sonst öde und grau, schwebe ich nun dahin und nehme weder hupende Autos noch meckernde Rentner wahr.

Nicht, dass ich nicht auch versucht hätte, es „richtig“ zu lesen, aber nach dem dritten Anlauf und konstanten Ermüdungserscheinungen ab Seite einhundertundfünfzig, gab ich mich geschlagen. Nun muss ich nicht mehr beschämt auf den Boden starren, wenn im Literaturseminar von eben jenem Standardwerk gesprochen wird, sondern kann hoch erhobenen Hauptes meinen Senf dazugeben. Und immerhin: die ersten hundert von gut eintausend Seiten könnte ich fast zitieren.


Eine absolute Bereicherung, musste ich feststellen, ist der Einsatz des Hörbuchs ferner im Fitnessstudio: Hier wählte ich für meinen ersten Test eine etwas leichtere Hörbuch-Lektüre, Sophie Kinsellas „Sag’s nicht weiter Liebling“, also einen Frauenroman, den es für eine Germanistikstudentin zu lesen nicht gerade ziemt, aber einfach so viel Spaß macht. Während ich meinen Körper also auf dem Cross - Trainer malträtiere, erheitern mich nun vor allem die auf das männliche Geschlecht bezogenen Äußerungen. So kann ich prima meine Wut auf überflüssige Kilos den Männern anlasten, die ja ohnehin der einzige Grund dafür sind, dass ich gegen sie überhaupt ankämpfe... Nicht zu unterschätzen auch der „Ich-hör-nichts-Effekt“, denn weder dringt mein eigenes Keuchen, noch das der anderen zu meinen Ohren durch.


Zum Schluss noch ein Hinweis für alle von Langeweile geplagten Fahrer und Beifahrer: Das Hörbuch überbrückt die Stunden der Eintönigkeit im Auto. So eignete sich beispielsweise die ermüdende Strecke Hamburg-München bestens dazu, mir „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón einmal zu Gemüte zu führen. Selten hat es eine Erzählung geschafft, so zärtlich mit Sprache über Sprache zu sprechen, metasprachlich sozusagen eine Glanzleistung.


Mein Fazit zum Thema Hörbuch lautet daher eindeutig: Geben Sie ihm eine Chance! Integrieren Sie es in alltägliche Situation, die sich für das Printmedium eben nicht eignen. Aber vergessen Sie nie: Gegen den gemütlichen Leseabend bei Rotwein und Ihrem Lieblingsschmöker kommt auch das beste (vor)gelesene Stück nicht an!