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Liebe, ein unordentliches Gefühl

Das ultimative Buch über Liebe? Ja! Denn der Autor Richard David Precht wagt hier eine wütende Abrechnung mit allen Erklärungen, die es sich mit der Liebe etwas zu leicht machen.

„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“, der Überraschungsbestseller des vergangenen Jahres, war, alles in allem, ein sanftes Buch, das unbedarften Lesern auf so witzige wie intelligente Weise die Erkenntnisse alter und neuer Philosophen nahe brachte. Ohne seine Leser aufzurütteln oder zu schockieren.

„Liebe, ein unordentliches Gefühl“ ist dagegen eine wütende Abrechung mit Evolutionsbiologen und -psychologen, Gen- und Hormonforschern und den berühmtesten Schreibern von Liebesratgebern. Es liefert eine ganz neue, überraschende und für viele sicherlich schockierende Definition für das von uns ersehnte Gefühl, das unsere Vorfahren zwischen Steinzeit-Eva und braver Bürgerin von anno 1900 so gar nicht kannten.

Richard David Precht, Philosoph, erfolgreicher Publizist und Empfänger eines Publizistikpreises für Biomedizin, hat die vorhandene Literatur über die Liebe, die gängigen Definitionen unserer Wünsche an einen Partner plus die aktuellen Begründungen für ihr Auftauchen sehr kritisch unter die Lupe genommen – und die daraus gewonnenen Erkenntnisse zu einem Laserstrahl gebündelt. Den schleudert er jetzt allen entgegen, die Liebe rein naturalistisch-evolutionär, aus der Gen- und Gehirnforschung oder durch die Chemie unserer Hormone erklären wollen. Und jene Populärbuchschreiber, die von der Selbstlosigkeit der Liebe reden und eine totale Verschmelzung der Liebenden nicht nur als Ideal, sondern als Liebespflicht fordern, widerlegt er mit derselben Lust, Vehemenz und Intelligenz wie mit Wissen und Witz.

Seine These: „Es gibt keine Neurochemie der geschlechtlichen Liebe, kein romantisches Modul im Gehirn. Da geschlechtliche Liebe allem Anschein nach weder biologisch notwendig noch sinnvoll ist, hat sich unser Gehirn auch nicht evolutionär angepasst. Die Chemie der körperlichen Lust, die Chemie der seelischen Erregung und die Chemie von Geborgenheit, Zuneigung und Vertrauen begegnen sich in unserem Gehirn nur flüchtig im Hausflur.“

Daraus schließt Precht: „Unsere Lust drängt uns zur Lusterfüllung. Unsere Emotionen motivieren uns dazu, sie als Trieb oder als Liebesgefühle zu deuten. Unsere Liebesgefühle lösen liebevolle Gedanken aus. Unsere liebevollen Gedanken spinnen Vorstellungen und wecken Erwartungen. Doch bei all dem gilt: Die Logik unserer Gene ist nicht die Logik unserer Lust, die Logik unserer Lust ist nicht die Logik unserer Gefühle, die Logik unserer Gefühle ist nicht die Logik unseres Denkens, und die Logik unseres Denkens ist nicht die Logik unseres Handelns.“

Besonders um Letzteres geht es ihm in dieser breit angelegten und wissenschaftlich sehr fundierten (aber immer mit erstaunlich hohem Thrill-Faktor geschriebenen!) Darstellung unseres „unordentlichen Gefühls“. Wir handeln anders, als unsere evolutionäre Ausstattung es vorgibt. Statt uns von ihr dominieren zu lassen, übernehmen wir unsere Träume, Sehnsüchte und Ideale von Partnerschaft und Familienbindung aus der kulturellen Wirklichkeit unserer Zeit. Und weil wir heute alle Individualisten sind, weitgehend frei von Religions-, Klassen- oder Kastenzwängen, entstehen unsere Wunschziele immer aus der individualistischen Sehnsucht, selbst bestätigt, bewundert, als ein „besonderer“ Mensch anerkannt und geliebt zu werden. Wer von sich und seinem Partner totale, dauerhafte Selbstlosigkeit fordert, so die einleuchtende Schlussfolgerung, zerstört die Chance auf Liebesglück, statt sie zu vergrößern.

Wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, wusste ich das natürlich schon, bevor ich Prechts Buch atemlos verschlungen habe. Hätte ich auf den Partner meiner ersten großen Liebe mehr Rücksicht genommen, seinen Schmerz vor meine Gier nach Abenteuer gestellt, wäre ich wahrscheinlich heute, Jahrzehnte später, noch mit ihm (übrigens einem besonders liebenswerten Mann!) verheiratet, und wahrscheinlich ganz zufrieden mit meinem Leben, aber:

Ich wäre nie als Matrose auf einem Dreimastschoner über den Atlanik gesegelt, hätte mich nicht in Stürmen gefürchtet und mit Delphinen gesprochen, weniger aufregenden Sex genossen, mit einer kleineren Anzahl spannender Männer geflirtet. Und ich würde mich heute nicht über einen erstaunlich gut geratenen Sohn freuen können.

Besonders dafür liebe ich Prechts umfassenden Rundblick auf Herkunft und Ziele der Liebe, auf ihre alten und neuen Paradigmen: Er stellt sich eindeutig auf die Seite der Freiheit. Seine (zumindest mir) sehr einleuchtenden Erkenntnisse befreien vom Zwang der Gene und der Biochemie wie von Altidealen, die nicht mehr in unsere Zeit passen. Sicher wird er andere, weniger Abenteuerlustige und Freiheitsbewusste damit schockieren. Auf jeden Fall nimmt er allen, die über Liebe generell oder ihre eigenen Gefühle nachdenken, die faulen Entschuldigungen, die wir bisher für das Scheitern unserer Liebesbesziehungen hatten, und zeigt uns:

Dieses Scheitern ist ganz normal, Ergebnis eines immer unordentlichen Mit- und Gegeneinanders von Genen, Prägung durch die Urspungsfamilie und aktuellen Trends, von Natur und Kultur. Aber egal, worin unsere Entscheidungen im Einzelfall wurzeln – wenn wir sie nicht als Verletzung, sondern als Gewinn betrachten, bereichern sie unser Leben. Und die nächste Liebesbeziehung. So mein Fazit aus Prechts Buch. Er selbst drückt es noch schöner aus:

„Wenn nichts schief gehen kann, geht auch nichts gut. Die Liebe als größte unserer Sehnsüchte weiß das sehr gut: Sie ist das Unwahrscheinlichste, das Besondere, das Zerbrechlichste, das Bedrohte. Nimmt man all dies von ihr fort, so wird sie schnell langweilig. Selbstverständlich geliebt zu werden, ist ein erhebendes Gefühl – weil es nicht selbstverständlich ist.“

Einleuchtend, oder?