Wissenswertes

Liebeslieder auf der Psycho-Couch

„Emotionale Coolness“ sucht man vergebens: Deutsche Popsongs, in denen es um die Liebe geht, setzen lieber auf romantische Gefühle. Da können selbst die Schlagerschnulzen der 50er und 60er Jahre nicht so ganz mithalten. Was aber sagt uns das – auch über einen Wandel in unserem Liebesverständnis?

Wer große Emotionen beschwört, dem ist auch ein großes Publikum ziemlich sicher. „Love sells“ – das war schon immer so. Und natürlich auch in der Musik. Dennoch ändern sich mit der Zeit oft auch die Vorzeichen, unter denen Liebe als Motiv überhaupt zum Erfolgsschlager werden kann.

Die Psychologin Carmen Wulf hat sich mit diesem Wandel beschäftigt: In einer Dissertation untersuchte sie populäre Songtexte, um herauszufinden, wie unsere Alltagsvorstellungen von Liebe sich in den vergangenen 40 Jahren geändert haben.

Unter die Lupe nahm die Wissenschaftlerin dabei Schlager aus der Zeit zwischen 1967 und 1970, die mit neueren deutschsprachigen Stücken von Bands wie Tokio Hotel, den Ärzten oder Rosenstolz verglichen wurden, allesamt in den Jahren 2001 bis 2005 veröffentlicht. Das Ergebnis dieses Vergleichs: Wer glaubt, zu Peter Alexanders Zeiten seien die Hitlisten ganz auf Herz und Schmerz getrimmt und die Tonlage romantisch bis zum Abwinken gewesen, der täuscht sich.

Das Gegenteil scheint viel eher der Fall: Liebeskummer etwa war im Schlager von damals im Grunde kein Thema, so stellt Carmen Wulf in ihrer Forschung fest. Oder zumindest kein Thema, das es in die Charts hinein schaffte. Das hänge wohl auch damit zusammen, so vermutet Wulf in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP, dass Trennungen und Krisen in Partnerschaften damals viel weniger gesellschaftlich akzeptiert wurden und Beziehungen wie selbstverständlich stabil zu sein hatten.

Dagegen scheinen die Liebessongs von heute nicht mehr so auf „eitel Sonnenschein“ geeicht. „In den älteren Liebesliedern finden sich weniger ernsthafte Untertöne, während wir es heute mit einem Berg an Liebeskummer-Songs zu tun haben“, so das Fazit, das Carmen Wulf zieht.

Die Oldenburger Psychologin glaubt, dass es sich hier gleichzeitig aber auch um einen Verlust an Sicherheit und Halt handeln könnte – in Familie, Beziehungen und Gesellschaft überhaupt –, der sich bemerkbar mache: Das würde dann mit den Beobachtungen anderer Psychologen und von Soziologen zusammenpassen, die auch meinen, die jüngere Generation habe zunehmend mit moderner Vereinzelung zu kämpfen und müsse kompensieren, dass verbindliche Orientierungen von früher immer stärker an Bedeutung verlieren. Helfen da neue Liebesvorstellungen, etwas zu ersetzen?

Auffallend sei laut Wulf zumindest, wie romantisch heutzutage noch immer die Sehnsucht nach der großen Liebe besungen würde. So als könnte sie zum rettenden Anker auf unsicherem Grund werden? „In den neuen Liebesliedern ist unheimlich viel davon die Rede, dass die Liebesbeziehung Schutz und Geborgenheit geben soll. Das ist ein Aspekt, der in den alten Liedern fast gar nicht vorkommt“, erklärt Wulf.

Sind unsere Vorstellungen von der Liebe heute also anspruchsvoller geworden – und zugleich bescheidener denn je? Weil einerseits zwar alle Himmel sich öffnen sollen, andererseits aber niemand daran wirklich glauben mag?

„Gib mir bitte nur ein Wort“, sind beispielsweise die Worte, mit denen Judith Holofernes als Sängerin von „Wir sind Helden“ ihr  Gegenüber anfleht. Das klingt natürlich ganz anders als der volle Brustton, mit dem Vicky Leandros 1970 noch entschieden vermeldete: „Klipp und klar sag' ich dir, keiner liebt dich so wie ich“. Die Inhalte und Unterschiede, die sich hier spiegeln, hält Carmen Wulf jedenfalls für signifikant: „Das würde ich schon so interpretieren, dass auch die Liebe heute vielfach als komplizierter empfunden wird und mit mehr Anforderungen verbunden ist. Jedenfalls scheint mehr Unsicherheit zu herrschen“.

Bliebe eigentlich nur noch anzumerken, dass es selbstverständlich auch noch andere Gründe gibt, warum jemand wie Judith Holofernes heute in einem Liebeslied nur um ein Wort bittet, während Vicky Leandros damals am liebsten gleich den ganzen Mann wollte. Auch damals  gab es nämlich nicht nur Schlager, sondern schon Popmusik. Und mit ihr auch Songs wie etwa Bill Withers „Ain't no sunshine when she's gone“, auch das nicht gerade ein vor Glück übersprühendes Liebesbekenntnis. Aber vielleicht doch ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass für die düsteren Tonlagen von heute durchaus auch andere Bezüge wichtig und denkbar sind – etwa ureigene zum Popgenre selbst. 

Carmen Wulf: „Historischer Wandel von Liebesvorstellungen. Theoretische Aspekte emotionalen Wandels und empirische Untersuchung des Wandels von Liebesauffassungen in populären Liebesliedern“. (Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2008)