Männerecke

"Ist das denn für 'ne Gurke?" murmle ich, weil die Serviererin so bullig zwischen den Cafehaus-Tischen herstieselt und grün durch die Zähne zischt.
"Na, 'ne Gurke eben", meint die Gräfin.
Wir sitzen im Stadtgeflüster, die Jacken und Schals zum Trocknen über die Heizung gehangen.

Der Schokokeks zum Kaffee ist sensationell gebacken.

Die Gräfin blättert im STERN.
Die Jacken dampfen. Die Schals.
"Der Keks war echt", sagt sie. "Echt gut."
Ihre Augen brennen vom langen Regen-Spaziergang. Eine Locke lodert.

"Weisst du, wie die aussieht?" frag ich.
"Wie 'ne Gurke?"
"Nee. Die sieht aus wie Vitali Klitschko, wenn der nachts aufsteht und mal pissen muss."
"So gut sieht die nicht aus."

Ich schlage vor, noch zwei Kaffee zu bestellen.
"Bloß wegen der Kekse? Nee."
Sie liest weiter.
"Oder doch?"
Ich schnipp dem Vitali ein 2er-Zeichen.

Sie bringt Kaffee, wilden äthiopischen Kaffee, und Kekse. Sind ja ganz andere Kekse! Keine Schoko-Kekse, sondern so Alte-Tanten-Gebäck, mit kandiertem Obst oben drauf.
"Sehen wir so aus?" flüstert die Gräfin. "Wie alte Tanten?"
"Sieht so aus", sag ich.

Die Serviererin sackt die Geldstücke ein. Die Gräfin kuckt sie böse an, keine Reaktion.
"Die kann man nicht ärgern", vermute ich. "Die weiss, wie sie aussieht."
Wie ein Schälchen Gemüse, aus dem Boxring gereicht.

Am Nachbartisch wird romantisch geredet.
Es sitzt: Ein junges Pärchen.
(So richtig jung, nicht die Art jung, wie wir jung sind: Wir werden einfach nicht alt.
Nun.)

Nächste Woche fliegt der junge Mann nach Kairo. Verkündet er so laut, dass auch jeder mithören kann, im Cafe Stadtgeflüster.
Von da aus nimmt er ein Taxi.
Er hat einen großen Kopf.
"Gleich fällt er", sag ich.
"Wer?"
"Der große Kopf. Der große Kopf fällt.."
"Vergiss den Regenschirm nicht", sagt die junge Frau.
Sie brechen auf.
(Abtritt.)

"Doch nicht."
Die Jacken dampfen, die Schals.
Die Gräfin fühlt sich vom technischen Lärm belästigt, der aus der Decke rieselt.
"Oder soll das Weltmusik sein?"
"Wir können uns ja dahinten in die Ecke setzen, da ist ruhiger."
"Nee. Schon gut."

Nachdem sie aufgewärmt ist, spielt die Gräfin mit dem Gedanken, eine Dada-Platte aufzunehmen.
Sie ist eine weltberühmte Dada-Sängerin, aber nur für sich selbst weltberühmt. Ist ihr lieber so. Muss ja nicht jeder wissen. Dass sie Little Zwitscherts ist.

Ich hör sie gerne zwitschern. Fällt ihr beim Anmachen des Möhren-Salats aus Versehen ein Dichtungsring vom Gewürzboard in die Salatschüssel, zwitschert sie vergnügt "Dichtung im Salaat", nach der Melodie von Edith Piaf, Je ne regrette rien.
Wie ein Chanson zum Mitnehmen. Auf die Faust.

Zu Hause hören wir oft Knef, deren Chansons mit so wunderbaren Sätzen beginnen wie "Mein Kassenarzt meint, ich werde nicht alt", worauf sie ihn mit einer Gurke erschlägt, so muss das sein.
"Stimmt doch gar nicht", sagt die Gräfin.
"Na und? Merkt doch keiner."

(Ich liebe es, wenn sie am Abend im blauen Nachthemd durch die Wohnung huscht, ohne viel Aufhebens. Einfach so, von links nach rechts. Daran kann ich mich gar nicht sattsehen. Aber sie darf es nicht wissen.

Sie darf hier nicht lesen.)

Zehn Songs über Fußball will sie singen. Auf der neuen weltberühmten Platte,
SEPP'S HERBERGE.
Mit den Stimmen von Fritz Walter, Helmut Rahn und all den anderen Leder-Cracks von 1954.
"Paar Stammzellen aufbacken, hat sich die Kiste! Muss doch drin sein, heutzutage."

Das Cafehaus-Telefon klingelt, genau ein Mal, schon ist Vitali Klitschko mit ihren Griffeln am Apparat, unfreundlich im Ton. Mir wird kalt. Die Musik besser.

Die Gräfin amüsiert sich über die Witzseite im STERN.
"Kuck mal."
Der Messingtresen blinkt.
Es ist Sonntag. Frau Moll liegt unterm Tisch und fiept leise vor sich hin wie ein Topf Muscheln.
Alles in Ordnung, soweit. In Butter beinah. Kerry-Gold, immer streichfähig, das Soft-Eis unter den Markenbuttern.

So. Können wir dann mal die Klappe halten, bis Weihnachten?

 

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog "500Beine" über sich und seine Lebensgefährtin, genannt die "Gräfin, und den Hund "Frau Moll".