Männerecke

LOLlig

Am Wochenende war meine Nichte da. Und ich bin eigentlich ganz gut dabei weggekommen. Oder besser gesagt: mitgekommen?

Denn die Höllenbrut – jede Generation Jugendlicher ist stets die schlimmste, die es bis dato auf dem Planeten gegeben hat – sieht ja nicht nur aus wie kleine Monster und benimmt sich wie kleine Monster. (Allein daraus könnte man schon schließen, dass sie tatsächlich kleine Monster sind und man sie nur auf Grund des von der Evolution fest im Hirn verdrahteten Kindchen-Schemas als harmlos empfindet.) Sie sprechen auch wie kleine Monster – wenn sie denn überhaupt sprechen, und nicht gerade wie versteinert vor irgendeiner rechteckigen Kiste sitzen oder „chillen“ und jeden Kontakt mit der sie ernährenden und umsorgenden Umwelt als „peinlich“ ablehnen.

Nun ja, was soll ich sagen?
Ich hab' sie verstanden. Zumindest meistens.
Sie mich auch. Solange ich bezahlt habe.

Und im Großen und Ganzen hat dieses Wochenende meine vom regelmäßigen U-Bahn-Fahren geprägte Wahrnehmung der Jugendsprache ein wenig befriedet. Während sich mir regelmäßig die Zehennägel aufrollen, wenn sich Schüler morgens mit „Hey, Alder, gehst du Schule?“ – „Ja, muss“ begrüßen, und ich mich kaum dagegen wehren kann, weil die Blagen sich anschreien müssen, um den Lärm aus ihren Kopfhörern zu übertönen, ich jedoch zu doof bin, um gleichzeitig den Spiegel zu lesen und Musik zu hören, war ich dieses Wochenende angenehm überrascht. (Sie haben diesen Satz nur ein Mal lesen müssen? Dann läuft vermutlich keine Musik im Hintergrund!)

Nur ein Mal musste ich nachfragen:
Irgendwer oder irgendwas war „lollig“.
Zunächst zog ich einen Moment in Erwägung, es könnte sich um ein Wortspiel bezüglich eines liebestollen Asiaten handeln. Das passte aber so ganz und gar nicht. Also: „Was bitte?“
„Na, lollig. Lustig.“ - „Was is'n das für'n Wort?“ - „Kennste nich? Kommt von LOL, lachen.“

Klar, das kannte ich, bin ja nicht von gestern, sondern habe schon zu Pionierzeiten gechattet, als die Wärme an lauen Sommerabenden die analogen Leitungen immer dann hat instabil werden lassen, wenn es gerade spannend wurde.
Grafische Textmerkmale oder Bilder gab es damals noch nicht, Emoticons waren noch wilde Zeichenketten à la 8-)B. Und man schrieb einfach *g* wenn man etwas amüsant fand, *gg* wenn man dauernd grinsen mußte, und eben *LOL* wenn's zum Brüllen komisch war.

Sicherheitshalber hakte ich vorsichtig nach: „Was heißt'n LOL genau?“ - „Na, Lachen halt.“ – „Und lollig ist dann einfach nur ein wenig lustig, oder schon ziemlich sehr?“ – „Nur lustig halt.“ – „Und was ist dann der Unterschied zwischen lollig und lustig?“ – „Hm, keiner.“

Und in dem Moment hatte sie mich verloren. Lag aber nicht an ihr.
Die Frage, die mich drängte war:
Was haben wir falsch gemacht?
Meine Generation – ihrerzeit übrigens auch die schlimmste – hat in jüngeren Jahren einen beträchtlichen Teil ihrer Telefonkosten und Nächte geopfert, um das Internet samt Foren und Chatrooms in Gang zu bringen. Wir waren stolz darauf, einen so effektiven Ausdruck wie LOL erfunden zu haben und passend zu gebrauchen.

Und was machen unsere Nachfolger mit dieser Steilvorlage?
Statt sie mit allerhöchster Wucht und Entschlossenheit in den Duden zu kicken, verstolpern sie die Flanke!
„LOLlig“ hätte die umständlichen Redewendungen „Zum Brüllen komisch“ oder „ein echter Schenkelklopfer“ ohne zu blinken rechts überholen können.

Es hätte sogar in der Neuauflage des Duden stehen können!
Aber so wird es wohl nicht einmal in den eingebauten Wörterbüchern der neuen Mobiltelefone erscheinen.
„Lustig“ hingegen wird es schaffen.
Und wird sich schneller simsen lassen als „LOLlig“.

Irgendwie beruhigend.

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Frank Stückradt, Jahrgang 1969, arbeitet und lebt in Frankfurt am Main. Nicht als Schriftsteller, sondern im Rechnungswesen einer der zahlreichen Banken. Mit klassischer Buchhaltung hat er dennoch nicht viel zu tun. Und wo im Schrifttum in und um eine Bank Kreativität in der Sprache nicht erwünscht ist, sucht der Autor immer wieder nach Ausgleich – etwa auch mit der eigenen Website „Sprachschlampen.de“, auf der es um die sprachlichen Ungereimtheiten unseres Alltags geht.

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