Männerecke

Love Letters

Anfang der 90er Jahre des abgelaufenen Jahrtausends war ich zum ersten Mal verliebt. Deutschland war amtierender Fußball-Weltmeister, im Radio trällerten die Scorpions „Wind of Change“ und Computer waren lediglich etwas für nickelbebrillte Spinner mit geräumigem Keller. Deshalb schrieben wir uns seinerzeit noch Liebesbriefe. Mit Tinte. Auf Papier.

Man teilte sich in den oft seitenlangen Pamphleten in der Regel mit, wie sehr man den anderen vermisste (schließlich hatte man sich zuletzt in der großen Pause am Vormittag gesehen), was man für ihn empfand (mittels holprig übersetzter Songtexte kitschiger Heavy Metal Balladen) und dass man den Tag, an dem entweder ihre oder die eigenen Eltern in den Urlaub entschwanden und wir somit endlich einmal sturmfreie Bude hatten, kaum noch erwarten konnte. Die Papierberge verpackte ich anschließend wahlweise in einen mit „Miss you!!!!!!!“ oder „Love you!!!!!!!“ beschrifteten Briefumschlag, den ich meiner damaligen Herzdame am darauf folgenden Tag in der großen Pause heimlich zusteckte. Im Gegenzug bekam ich dann einen mindestens ebenso dicken Umschlag zurück. Meist mit lustigem Diddl-Motiv.

Gestern fühlte ich mich ein kleines bisschen in diese Zeit zurückversetzt, als ich – wie jeden Abend – meinen privaten E-Mail-Eingang kontrollierte. Nicht, dass ich eine Nachricht von der Diddl-Maus höchstpersönlich erhalten hätte oder von meiner damaligen Herzdame. Der Absender war vielmehr ein im Jahre 1969 von Adrian Dalsey, Larry Hillblom und Robert Lynn gegründeter Paket- und Brief-Express-Dienst mit dem unscheinbaren Namen DHL. Betreff: „Ihre PACKSTATION vermisst Sie!“

Nun ist bekanntermaßen seit Anfang der 90er Jahre eine Menge passiert: Meine erste Liebe und ich trennten uns aufgrund unüberbrückbarer musikalischer Differenzen (sie begann plötzlich damit, in ihren Briefen völlig indiskutable Hip Hop- und Black Music-Songs zu rezitieren), Computer und Handys traten einen Siegeszug an, der in der bisherigen Geschichte der Menschheit seinesgleichen sucht, und handschriftliche Liebesbriefe wurden infolgedessen sukzessive durch schwülstige E-Mails oder SMS ersetzt. 2001 erfand DHL für berufstätige Paketempfänger schließlich die Packstation, und fünf Jahre hieß der Fußball-Weltmeister Italien. Lediglich die Diddl-Maus sowie die unsäglichen Scorpions widersetzten sich bislang noch halbwegs erfolgreich dem Zahn der Zeit – leider ...

All diesen dramatischen Veränderungen zum Trotz war es für mich bis dato neu, emotional gefärbte Botschaften von technischen Gerätschaften zu erhalten. Wenn ich heute bereits von meiner Packstation vermisst werde, was erwartet mich dann morgen? Wird mich mein Kühlschrank im Büro anrufen und sagen: „Schatz, bring auf dem Heimweg bitte noch 'nen Lyoner Ring mit. Hab dich lieb!“? Schickt mir mein Handy plötzlich Kurznachrichten, dass es wilden, hemmungslosen Sex mit mir haben möchte? Oder macht mir mein hochintelligenter Kaffeevollautomat „Impressa F50“ womöglich bald schon einen unverhofften Heiratsantrag?

Ich will es mir gar nicht vorstellen!

Deshalb schreibe ich jetzt erst mal einen Brief: „Vermisse dich nicht. Habe einen anderen. Fahr zur Hölle!“ Dann verpacke ich die Nachricht in einem lustigen Diddl-Karton und schicke das Ganze als Päckchen an meine Packstation. Mit FedEx.

Allerdings will mir bislang noch kein passender Songtext einer kitschigen Heavy Metal Ballade dazu einfallen. Vielleicht können Sie mir ja weiter- helfen?!

Senden Sie Ihre Vorschläge an:
Raymund Krauleidis
28395287
Packstation 103
71229 Leonberg

Aber bitte mit Tinte. Und auf Papier ...

 

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Raymund Krauleidis lebt und arbeitet in der Nähe von Stuttgart. Neben betriebswirtschaftlichen Sach- büchern schreibt er seit einigen Jahren auch satirische Kolumnen und Kurzgeschichten. Im Dezember 2009 erscheint mit „Schmoltke & Ich“ sein erster Roman. Die Website zum Buch gibt es allerdings schon heute: http://www.schmoltke.de.

 

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