Wissenswertes

Macht das Elterngeld mehr Lust auf Kinder und Väter aktiver? Eine erste Bilanz

Wie viele Papas in der Babypause haben wir denn nun? Und ist für berufstätige Frauen der Schritt in die Mutterschaft seither tatsächlich leichter? Seit Januar 2007 gibt es das Elterngeld - nach dem großen Wurf sieht es (noch) nicht wirklich aus. Trotzdem will das Familienministerium bald nachlegen.

Das Elterngeld wird seit 01.01.2007 an Eltern gezahlt, die ihre Kinder in den ersten 12 Monaten nach der Geburt selbst betreuen. Wenn auch noch der zweite Elternteil mindestens zwei Monate in Elternzeit geht, werden zwei Extramonate (die so genannten „Partnermonate“) ausbezahlt. Das Elterngeld ist davon abhängig, wie viel die aussetzenden Väter/Mütter netto im Monat verdient haben und kann bis zu 1.800 Euro betragen. Damit will man den Eltern eine Baby-Auszeit ermöglichen, ohne dass darunter ihr Lebensstandard leidet.

 

Was hatten sich manche Politiker, und insbesondere Männer, die Mäuler zerrissen, als sich Ursula von der Leyen an die Umsetzung machte? Als „Wickelvolontariat“ wurden die beiden Extra-Monate aus den eigenen Reihen der Union verspottet, die es seit Januar letzten Jahres bezahlt gibt, sofern auch der zweite Elternteil eine Weile Babypause macht. Weil dies primär den Männern das Zuhausebleiben schmackhaft machen soll, hält sich der Begriff „Vätermonate“ bis heute hartnäckig. Und das obwohl lange dafür gekämpft wurde, die Monate 13 und 14 „Partnermonate“ zu nennen – wie sie schlussendlich hochoffiziell heißen. Es wurde gestritten, ob es legitim sei oder nicht, hier die Väter mit in die Pflicht zu nehmen – eine staatliche Einmischung, die manchen zu weit ging. Jetzt – mehr als ein Jahr später – ist man landauf, landab des Lobes voll für das progressive Modell. Familienministerin von der Leyen überlegt bereits, die Väterkomponente auszubauen – so sehr gefallen ihr die neuesten Statistiken. Und plötzlich findet sogar ihr einstmals größter Kritiker – CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer – eine Ausweitung der Vätermonate für „ohnehin fällig“.

 

Das Elterngeld hatte man erfunden, um Karrierefrauen das Aussetzen nach der Geburt finanziell attraktiver zu machen. Und um Väter, die sich zu einer familienbedingten Auszeit durchringen, extra zu belohnen. Und nun, haben wir Akademikerinnen, die glückselig den Kinderwagen schieben, und Männer, die freudig zwischen Waschmaschine und Wiege den Tag verbringen? Was ist aus den hehren Zielen geworden?

 

Es wurde bereits fürs Erste zusammengerechnet – und siehe da: 10 Prozent der Elterngeld-Anträge stammen von Vätern. Und mindestens 11.000 Kinder mehr wurden 2007 geboren.„Das Elterngeld ist ein Renner“, jubelt die Familienministerin. Etwas früh erscheint es aber es schon, hieraus zu folgern, dass das Elterngeld funktioniert. Zumindest die zwischen dem 01.01.2007 und Juli 2007 Geborenen sind schließlich gezeugt worden, als das Elterngeld noch nicht in Sicht war.

 

Ein bisschen kosmetischer und medienwirksamer Übereifer mag bei Ursula von der Leyens Freudenausbruch ja mitgewirkt haben – wer mag es ihr verdenken. Denn ein ideologischer Durchbruch ist es durchaus: Nämlich ein Schritt weg vom Modell der Mutter, die die ersten drei Jahre zu Hause beim Kind zu bleiben hat, und hin zur Vorstellung, dass Elternschaft eine partnerschaftliche Aufgabe ist und ambitionierten beruflichen Zielen der Frau nicht im Wege stehen muss.

 

In Kritik geraten ist das Elterngeld, u.a. weil es für Nicht-Berufstätige, Geringverdiener und Studenten eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem ehemaligen Erziehungsgeld ist. Viel Geld wird in kurzer Zeit bezahlt – konkret: 12 Monate lang 67 Prozent des letzten Nettoeinkommens statt zwei Jahre 300 Euro Erziehungsgeld pro Monat. Das soll ganz klar verhindern, dass Gutverdienende in ein finanzielles Loch fallen, wenn sie wegen eines Babys das erste Jahr pausieren wollen. Der Gesetzgeber will damit der scheinbar geringeren Kinderzahl der Akademikerinnen auf die Sprünge helfen.

 

Erzeugt also das Elterngeld eine soziale Schieflage? Gerade bei „Wundermitteln“ sollte man schließlich besonders genau die „Risiken und Nebenwirkungen“ unter die Lupe nehmen. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes hierzu zeigen: Der überwiegende Teil der Frauen bekam weniger als 500 Euro Elterngeld. „Dies widerspricht der früher geäußerten Befürchtung, das Elterngeld könne vor allem das Kinderkriegen der hoch verdienenden Frauen subventionieren“, schreibt dazu die taz.

 

Gänzlich ungeschminkt muss auch eingestanden werden: Das neue Elterngeld ist eine andere Konstruktion mit einem anderen Ziel als das alte Erziehungsgeld. Es soll nämlich bewusst und gewollt keine Sozialleistung sein (die Abhängigkeiten schafft statt Wiedereingliederung in das Berufsleben zu fördern), sondern eine Entgeltersatzleistung. Dampft man das Beamtendeutsch ein, heisst das: Den Erfindern des Elterngeldes geht es nicht darum, soziale Härten in der Kindererziehungszeit abzumildern, sondern einzig und allein darum, den Anreiz bei Akademikerinnen, Kinder zu bekommen, zu erhöhen und gleichzeitig die Väter mehr einzubinden in die Babypause.

 

Kritik und ein Nachdenken über Schwächen und Nebenwirkungen muss natürlich trotzdem erlaubt sein. Und es sollte dort nachgebessert werden, wo dies nötig und rasch sowie unkompliziert möglich ist: Handlungsbedarf, weil ein großes Manko, gibt es z.B. bei der Teilzeitfrage: So wie das Elterngeld derzeitig geregelt ist, fördert es ein „Blockmodell“ – soll heißen: Erst geht die Mutter in Elternzeit, dann der Vater bzw. umgekehrt. In den Fällen, in denen sich Eltern die Erziehung wahrhaftig „teilen“ wollen, nämlich indem beide zur gleichen Zeit ihre Vollzeitstelle in Teilzeit umwandeln (damit sich jeder halbtags um das Kind kümmern kann), wird dies „bestraft“, indem die Bezugszeit entsprechend gekürzt wird. Also von echter partnerschaftlicher Elternzeit kann keine Rede sein – weswegen dem Elterngeld „politische Halbherzigkeit“ vorgeworfen wird (wie bei einer ZFF-Podiumsdiskussion zu hören war). Manche äußern sogar den Verdacht, dass es politisch nicht wirklich gewünscht sei, wenn sich Väter über die Maßen (mehr als zwei Monate) an der Elternzeit beteiligen. Denn das würde – da Männer meist deutlich mehr verdienen – dem Staat zu teuer kommen (die Basis für die Berechnung des Elterngelds ist schließlich das Nettogehalt).

 

Mehr als ein Signal ist das Elterngeld bei den Papas auch nicht geworden – die meisten Väter nehmen nämlich gerade mal (die) zwei Partnerschaftsmonate Auszeit, mehr nicht. Deswegen aber von einem sich „Freikaufen“ der Männer zu sprechen, wäre bösartig. Ohnehin – so klare Worte wie Thomas Rauschenbach (Direktor des Deutschen Jugendinstituts) in der FAZ formuliert, finden nur wenige. Er sieht nur wenige aktive Väter und nur eine kleine Gruppe mit einem echten Vatermotiv – und versetzt den Hoffnungen, Väter würden sich nun plötzlich im Familienleben engagieren, einen Dämpfer.

 

Unisono bestätigen die meisten Eltern, dass das Elterngeld nicht wirklich und ernsthaft ein Grund ist, sich zu überlegen, (mehr) Kinder zu bekommen. Der Glaube, dass mehr Geld allein größere Lust auf Babies macht, wäre auch naiv. Viel wesentlicher hierfür sei die Frage, wie gut und umfassend die Möglichkeiten der Kinderbetreuung sind. Und wie gut das Auffangnetz für Fälle wie Krankheit und Ferien der Kinder funktioniert. Und hier liegt doch noch viel im Argen.

 

Nein, Kleinreden will den Erfolg und die positiven Effekte des Elterngeldes keiner: Auch wenn es nicht der große politische Wurf ist – ein Anfang in eine andere Denkhaltung ist es dennoch. Und zwar eine Haltung, die zeigt, dass Kinderbetreuung und -erziehung nicht länger als alleinige Angelegenheit der Mütter
 betrachtet wird. In den Köpfen ist es noch nicht überall angekommen. Väter in Elternzeit haben vielerlei „Frotzeleien auszuhalten“ – insbesondere von den männlichen Kollegen. Der Rechtfertigungsdruck, sich erklären zu müssen, warum man früher nach Hause gehe oder später erst an den Arbeitsplatz komme, sei sehr hoch, berichtet Christian Münnich, einer der ersten Väter in Elternzeit bei Vattenfall. Doch für bahnbrechende Veränderungen ist ein Jahr auch noch zu kurz. Wollen wir mal nicht zu ungeduldig sein.