Women only

Mädchen, Alphamädchen, Emanze oder Frau?

Von den Irrungen und Wirrungen einer weiblichen Identitätsfindung

Sie war die Tochter des Schuldirektors, und auf ihrer Federmappe stand nicht „Kimba“ oder „Stefan“, sondern „Jutta Ditfurth“. Hätte es damals schon Google gegeben und ich so viel Interesse aufgebracht – ich hätte schnell erfahren können, dass meine Mitschülerin Nina sich politisch interessiert und besagte Jutta Ditfurth Mitbegründerin der Grünen war.

Und als Jahre danach – weit später als bei meiner Mitschülerin – meine eigene politische Willensbildung durch eine bevorstehende Bundestagswahl vorangetrieben wurde, stieß ich in den Reihen der Partei, mit der ich mich am meisten identifizieren konnte, auf sie, wie auf eine alte Bekannte. Hallo Jutta.

„Diese Emanze“, klagte mein Vater, ein strammer CDU-Wähler, und schüttelte fassungslos den Kopf. Meine Mutter spülte derweil wortlos das Geschirr. Ich wählte also nicht zuletzt um der häuslichen Opposition willen und aufgrund des Wiedererkennungswertes Grün. Und fand Jutta auch dann noch sympathisch, als sie 1991 die Grünen aus Protest verließ. Die traute sich was.

Suffragetten, Trümmerfrauen, Emanzen, Mannweiber. Das waren die Attribute, mit denen unangepasste Frauen früher und auch noch in meiner Jugendzeit in den Achtzigern schnell abgestempelt wurden. Unweiblich wirkten diese Frauen – auch auf mich – und irgendwie abstoßend. Sie waren maximal in Ausnahmefällen attraktiv.

Später dann kamen die Girlies. Sie trugenzwei mädchenhafte  Zöpfe, hießen Heike Makatsch und waren kess und niedlich. Hedonistisch und selbstbewusst. Sexy und provokativ. Weiblich wirkten sie – auch auf mich – und trotzdem irgendwie abstoßend. Sie waren nämlich nur in Ausnahmefällen nicht attraktiv, das Ganze wirkte irgendwie bemüht.

Selbstfindung geht nicht ohne Einordnung, und irgendwo wollte ich dazu gehören. Ein „Wir“ wäre schön, fand ich. Nur wollte keins passen. Es klappte erst – und da hatte ich den Anspruch schon beiseite gelegt - mit Anfang zwanzig an der Uni. Dort formierte sich ein geschlechtlich gemischtes Grüppchen, das sich ironisch Frauen- Gruppe nannte und  dem nie praktizierten Nacktstricken verschrieb. Gleichberechtigung war hier selbstverständlich. Nur eins war wirklich strittig: Waren wir Mädchen oder Frauen?

Ich war – und das mit dann schon Mitte zwanzig – auf der Seite der Mädchenfraktion. Frauen, fand ich, waren vernünftig, realistisch, geerdet und ziemlich langweilig. Ich wollte spontan, unberechenbar, lustig und sehr aufregend sein. Das ging für mich nicht unter der Überschrift „Frau“. Das Thema blieb ungelöst, jeder hatte andere Vorstellungen im Kopf.

Meine Version von Mädchen hatte aber auch damals wenig mit Heike Makatsch und den anderen Vertreterinnen der so genannten Girlies zu tun. Auch wenn es nach außen so wirken konnte, vielleicht sogar musste. Mädchen sein, bedeutete nicht, dass ich einen Niedlichkeitsbonus beanspruchen wollte, sondern die Tatsache, ganz bewusst in einem Reifungsprozess zu stecken, der bei weitem nicht beendet war.

Mit Mitte dreißig bin ich heute gerne Frau, und zwar eine mädchenhafte. Die verspielt-sportliche Attitüde gehört zu mir. Und ja, ich war vielleicht länger Mädchen als andere, aber nie Girlie. Ich habe während des Frau-Werdens Begriffe ausprobiert, für mich neu definiert und erkannt, dass mehrere Wahrheiten sich nicht ausschließen müssen.

Mir wurde klar, dass das Bild von „Frauen“ wie ich es mit Anfang zwanzig hatte, von dem gesteuert war, was mir vorgelebt wurde: Uninspirierte Lehrerinnen, altbackene Tanten und eine wortlose Mutter als Frauenbild machen es einer Heranwachsenden nicht einfach, den Begriff Frau mit gutem Leben zu füllen. Die vergebliche Suche nach einem passenden „Wir“ auch nicht. Mit sich irgendwo ankommen, sein zu dürfen, frei denken zu können, hilft hingegen ungemein. Nur so konnte ich die werden, die ich heute bin.

Weil ich mich fragte, was aus meiner Schulfreundin Nina geworden ist, habe ich nach ihr gesucht: Sie ist in Sachen Gleichstellungspolitik aktiv, das wundert mich gar nicht. Ob wir einander heute näher wären als damals, weiß ich nicht. Aber noch immer sehe ich den Namen Jutta Ditfurth in Ninas Kinderschrift – blauer Füller, lederner Untergrund – geschrieben vor mir – so, als wäre es ihre eigene Unterschrift.

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

Sabine Priess ist Redakteurin und Autorin, sie pendelt zwischen Berlin Prenzlauer Berg und Potsdam.

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::