Cool Tour

Mädchen dürfen nicht mitspielen

Der Film „Tomboy“ zeigt, wie schwer es auch für Kinder ist, die Grenzen von Geschlechterrollen zu überschreiten.

Ein Umzug in eine andere Gegend bietet Laure die Chance, sich neu zu erfinden. Die Zehnjährige stellt sich der gleichaltrigen Nachbarin Lisa als Junge mit Namen Michael vor – und lernt dadurch schnell und viel über die unterschiedlichen Rollenerwartungen an Mädchen und Jungen.

 

Erwachsenwerden und die erste Liebe

 

“Tomboy” ist die Bezeichnung für ein Mädchen, das sich so verhält, wie es entsprechend der gängigen Geschlechterrollen ein Junge tut. Die französische Regisseurin Céline Sciamma, geboren 1978, lenkt mit dem Titel die Aufmerksamkeit der Zuschauerinnen und Zuschauer den ganzen Film über darauf, ob sich die Personen „wie ein Mädchen“ oder „wie ein Junge“ verhalten. Der Film eröffnete bei der Berlinale 2011 die Panorama-Sektion und gewann den "Teddy Jury Award".

 

Obwohl die Protagonistin noch nicht in der Pubertät ist, steht der Film doch in der Tradition der Sommerfilme, in denen es ums Erwachsenwerden geht und um die erste Liebe. Eine Familie zieht um, die Eltern sind jung und liebevoll, aber auch viel mit sich beschäftigt, denn bald wird das dritte Kind zur Welt kommen. Der zehnjährigen Laure macht es Spaß, auf Papas Schoß das Auto zu lenken, sie trägt Shorts und weite T-Shirts und hat kurze Haare. Sie spielt auch gerne mit der vier Jahre jüngeren Schwester, die lange lockige Haare hat und häufig im Ballettkleidchen auftritt.

 

Einengende Rollenerwartungen

 

Das Nachbarmädchen Lisa merkt sofort, dass Michael (alias Laure) anders ist als die anderen Jungen, und fühlt sich von ihm angezogen. Dass er ein Mädchen sein könnte, darauf kommt sie jedoch nicht. Sie stellt Michael den anderen Kindern vor und hilft ihm, sich in der Gruppe Anerkennung zu verdienen. Laure probiert mit dem Rollenspiel aus, wie es ist, ein Junge zu sein. Sie hat Spaß an dem Spiel, das ihr die Möglichkeit gibt, beim Fußball mitzukicken und Lisa zu küssen – und kann schnell nicht mehr so leicht zurück, will es wohl auch gar nicht.

 

Im Gegenteil: Laure muss nachlegen, etwa mit einem Stück Knete in der Badehose, die sie sich aus ihrem Bade- anzug zurechtgeschnitten hat. Und als ein Junge ihre kleine Schwester schubst, prügelt sie sich mit ihm. Doch genau diese Rollenerwartung an einen großen Bruder lässt Laure auffliegen. Denn der Geschlagene erzählt seiner Mutter, er sei von Michael verprügelt worden. Als jene zu Laures Mutter geht, ist diese empört über die Lügen ihrer Tochter und klärt die Nachbarsfamilien über die Täuschung auf.

 

Eindeutige Geschlechtszugehörigkeit?

 

Nicht, um die Tochter bloßzustellen, sondern weil es in der kommenden Woche mit dem Schulbeginn sowieso herausgekommen wäre: Auf der Liste der 5. Klasse steht eine Laure, aber kein Michael. Das Raster der staatlichen Datenerfassung verlangt, die Identität ihrer Bürgerinnen und Bürger eindeutig festzustellen – einschließlich einer Geschlechtszugehörigkeit. Laure muss nachgeben, sie kommt nicht dagegen an.

 

Der Film zeigt unsere fest gefügte Geschlechterordnung, die nicht so leicht aufzubrechen ist. Gleichzeitig weist er auf die offenen Ränder der gesellschaftlichen Rollen- und der individuellen Selbstbilder hin: Nicht alle Mädchen sind gleich. Für die Jungen gilt das selbstverständlich auch, aber der Film konzentriert sich auf die Perspektive von Laure.

 

Als Laure zum ersten Mal den Jungen beim Fußball zusieht, traut sie sich noch nicht zu fragen, ob sie mitspielen darf. Lisa gegenüber erklärt sie, sie gucke lieber zu. „Ich auch“, sagt Lisa, „außerdem lassen die Jungen mich sowieso nicht mitspielen.“ Lisa verrät damit, dass auch sie unter den in der Gruppe bestehenden Geschlechterrollen leidet und sie sich fügt, weil sie bereits zurückgewiesen worden ist. Laure nimmt das als weitere Bestätigung, ihr Rollenspiel fortzusetzen. Nur so hat sie eine Chance, mitzuspielen.

 

Mehr als nur ein Mädchen, das gerne tobt?

 

Die Szene, in der Lisa und Laure am Spielfeldrand stehen, zeigt ein geteiltes Bild: Beide Mädchen sind von vorne zu sehen, Lisa steht in der linken Bildhälfte. Sie trägt eine dunkle Bluse und einen Rock, hat lange Haare, wirkt unauffällig. Hinter ihr ist unscharf der grüne Wald zu sehen. Laure steht in der rechten Bildhälfte vor einer grauen Wand. Sie trägt ein hellgraues, weites T-Shirt, rote, weite Shorts, hat kurze blonde Haare. Während Lisa in einer natürlichen Haltung dargestellt wird, indem ihr ihre angespannte Unsicherheit im Gespräch mit Michael anzusehen ist, spielt Laure den Lässigen. Der Hintergrund betont die Künstlichkeit ihrer Haltung und lässt sie wie auf einer Leinwand erscheinen, mit scharfen Konturen: Sie hat die Hände in den Hosentaschen, steht breitbeinig da, wendet den Blick von Lisa ab. Ihre zarte, schmale Figur, der Rücken zur Wand – das wirkt zugleich so, als könne sie verschiedene Bilder von sich entwerfen, und als wäre sie in die Enge getrieben.

 

Der Film zeigt nicht eindeutig ein Mädchen, das ein Junge sein will, sondern eins, das Zärtlichkeit sucht und zugleich gerne tobt. Und das gerne mit dem netten Mädchen von nebenan Zeit verbringt, dem sie sich als Junge vorgestellt hat, und vielleicht sogar in es verliebt ist.

 

In der letzten Szene des Films fragt Lisa Laure noch einmal nach ihrem Namen. „Ich heiße Laure”, sagt diese und lächelt. Ob das die Versöhnung bedeutet, ob Laure sich einfach freut, dass Lisa sich nicht von ihr abwendet, oder ob eine von beiden in die andere verliebt ist, bleibt offen. Ein Umzug erleichtert einen Neuanfang, aber eine Lüge bildet eine schlechte Voraussetzung für Freundschaft. Wer wir sind, ist, was wir tun. Die Strukturen, welche die Wahrnehmung dessen prägen, sind fest, aber nicht unveränderbar. Der Film leistet einen Beitrag dazu, sie aufzubrechen.

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Margret Karsch lebt in Berlin und ist neugierig, deshalb arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin – u.a. für die Zeit, die taz und die Jungle World. Sie reist gerne durch die Welt und schreibt auf, was sie sieht und erzählt bekommt. Ab und zu steigt sie auf einen Berg, um einen besseren Überblick zu gewinnen.

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------