Women only

Männer, die sich damit auskennen

Helden des Alltags

Plötzlich geschieht etwas, das ist seit Jahren nicht geschehen: der Computer steht still. Wir nennen das wohl Absturz. Weder nimmt er Befehle entgegen, noch reagiert er auf die Drohung, ihn zu verschrotten. Weil dieser Umstand so selten eintritt, habe ich die Tastenkombination vergessen, mit der ein Neustart erzwungen wird. Das Handbuch natürlich unauffindbar, also den Mann angerufen, der sich damit auskennt. Dieser stellt sofort die übliche Frage:
Was hast du gemacht?
Ich? Er. Es liegt an ihm, er verweigert sich.
Du musst doch wissen, sagt der Mann, der sich damit auskennt, was deine letzte Aktion gewesen ist.


Die letzte Aktion war die, dass ich gucken wollte, ob das Wetter stimmt. Es ist nämlich so, dass es hier regnet, das sehe ich vom Schreibtisch aus, der steht in Fensternähe. Nun wollte ich nachgucken, ob es auch auf dem Wetter-Widget für meine Stadt regnet, das ist so ein Tick, ich gucke täglich nach, ob das Wetter für meine Stadt im Internet mit dem Wetter hier auf der Straße übereinstimmt.
Bescheuert, sagt er. Ich stimme ihm zu. Sehr oft stimmt das Wetter nämlich nicht, es schüttet, und im Internet behaupten sie:

Das Wetter

Oder das Biowetter. Sie schreiben auf der Seite meiner Heimatzeitung: Kopfschmerzen, dann warte ich darauf. Andererseits möchte ich mich aus dem Fenster stürzen und muss lesen: Die Stimmung ist aufgehellt.

Was ist mit dem Rechner, fragt der Mann, der sich damit auskennt, er sagt niemals Computer, immer nur Rechner.
Der tut immer noch nichts. Ich möchte nur wissen, was ich drücken muss, um diesen trübsinnigen Zustand mit Gewalt zu beenden.
Das ist nicht gut, sagt er, das System muss sauber heruntergefahren werden.
Aber wie? Das lässt er gerade nicht mit sich machen, der Rechner. Es ist ein Laptop, also ein Notebook (und immer noch ein Rechner), da nützt es auch nichts, den Stecker zu ziehen, es sei denn, ich nehme den Akku heraus.
Um Himmels Willen!, schreit er. Nach einer kurzen Pause murmelt er, da ist bestimmt der Windowserver abgestürzt.
Wer?
Seufzend sagt er: Oder der Kernel. Dann berichtet er eine Menge vom Kernel, du denkst, es ist alles nur Computer und dann gibt es einen Kernel da drin, den man gar nicht anfassen kann, weil sozusagen nicht physisch vorhanden, eher metaphysisch. Ein Kernel.

Eigentlich giere ich nach einer Seite im Netz, die mir Prinz William privat verspricht, obwohl ich Harry ja wesentlich süßer finde. Das interessiert jetzt weder den Computer noch den Mann, der sich damit auskennt, der fragt, ob ich ins Terminal komme.
Ich komme nirgendwo hin. Dann drück halt, sagt er traurig, und die durchgegebene Tastenkombination, man muss die Finger spreizen, macht aus der Blechtrottel wieder einen zuverlässigen kleinen Knecht, der klaglos seine Arbeit tut. Bloß der Mann, der sich damit auskennt, gibt keine Ruhe und erzwingt das Herunterleiern völlig unverständlicher Zeilen aus einer Logdatei, die er so begeistert aufnimmt, als hätte ich ihm aus einem Buch von Douglas Adams vorgelesen. Oder aus dem Urban Dictionary. Denn Männer, die sich damit auskennen, um endlich auf den Punkt zu kommen, kann man auch anders nennen: Technosexuelle.

A person, male or female, who is so deeply enthralled with technology they discuss it with a level of passion that most people reserve for sex.

 Man muss ihnen einen Roman widmen. Sie zu Helden machen. Tückisches Terminal. Knackiger Kernel. Das taugt für 400 Seiten, das trägt.

 

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Astrid Paprotta ist Autorin, schreibt Kriminalromane und regelmäßig in ihrem Weblog. Aus letzterem stammt auch dieser Text, den sie uns freundlicherweise zur Verfügung stellt.