Fürs Auge

Mager und morbid – aber nicht sexy

In der Ausstellung „Zweiunddreißig Kilo“ geht es um den Modehunger und die Hungermode von heute: Ivonne Thein verunsichert mit Fotos, die ausgemergelte Körper in lasziven Posen zeigen. Spindeldürr sein – ein megaschicker Lifestyle? Die Bilder sind digital bearbeitet und per Mausklick auf „Untergewicht“ gebracht. Sie sollen den Blick schärfen: für eine Verklärung von Magersucht, wie sie etwa auch die Internetbewegung „Pro Ana“ betreibt.

„Pro Ana“, das steht für die positive Umdeutung eines Krankheitsbildes der Anorexie. In Internetforen zelebrieren Anhängerinnen dieser Bewegung, die seit Mitte der 1990er Jahre auch hierzulande zunehmend um sich greift, ihre Magersucht als neuen Lifestyle. Jüngere Frauen und Mädchen sind es vor allem, die sich in diesen Communitys austauschen und in ihrem Streben nach extremer Schlankheit gegenseitig bestärken. Wobei die gefährlichen Folgen natürlich systematisch ausgeblendet werden: „Du bist nie zu dünn“ lautet eines der „Zehn Gebote“, mit denen „Pro Anas“ den Hunger zu kontrollieren versuchen, „Du sollst nichts essen, ohne dich schuldig zu fühlen“ ein anderes.

Ivonne Thein kam vor zwei Jahren zuallererst mit dem Thema in Berührung. In einem Artikel las sie über „Pro Ana“, seitdem hat sie sich mit dem Phänomen intensiv beschäftigt und vor allem auch mit der Frage nach der eigenen Verantwortung. Denn die 29-Jährige ist ausgebildete Fotografin und studiert seit 2003 Fotodesign in Dortmund. Welche Möglichkeiten die Bildmedien heute haben, unsere Vorstellungen von Körper und Schönheit per Mausklick am Computer zu manipulieren, weiß sie nur zu gut. Und nicht nur für sie ist „Pro Ana“ ganz deutlich ein Kind unserer digitalen Zeit und ihrer künstlichen Hochglanzideale:

„Fotografie spielt bei dieser Internetbewegung eine große Rolle - die magersüchtigen Mädchen orientieren sich stark an Bildern vom Laufsteg. Manche Mitglieder bearbeiten sogar selbst die Fotos ihrer Stars und machen sie dünner“, erklärte Ivonne Thein in einem Interview zu den Hintergründen ihrer Ausstellung. Die Fotoserie „32 Kilo“ ist noch bis zum 11. Mai in Berlin zu sehen und soll für die zum Teil sehr konstruierten Körper- und Weiblichkeitsbilder sensibilisieren, die uns heute tagtäglich in der Modebranche und Werbeästhetik begegnen.

Dabei klagen aber Ivonne Theins Arbeiten nicht nur an. Sie verunsichern viel eher, weil sie auch etwas Verführerisches haben, einen schockierenden ästhetischen Reiz, auf den fatalerweise gerade auch Frauen aus der „Pro Ana“-Bewegung anspringen. Für ihre Fotos aber holte Ivonne Thein keine Magermodels vor die Kamera, sondern „normalgewichtige“ Frauen. Später bearbeitete sie ihre Aufnahmen mit eben jener Methode nach, die Essgestörten leicht zum Verhängnis werden kann: Denn durch die Bearbeitung am Computer wird der reale Körper flugs in ein rein virtuelles Geschöpf umgezaubert, das dann weder Figur-, noch Haut-, noch sonst welche Probleme haben muss.

Nur dass Ivonne Thein diese Methode natürlich umkehrt und ihre anorektischen Mädchenkörper nur allzu deutlich ein Problem haben. Da mögen die Posen der viel zu dünnen Beine und zerbrechlichen Arme noch so sehr an die der Modefotografie erinnern, die Stiefel noch so sexy wirken, wie ebenso die Unterwäsche, die keine ist, sondern zum Teil aus medizinischen Bandagen besteht – es bleibt alles sinnleere Nachahmung. Und der Ausdruck der Bilder ein gespenstisch unnatürlicher und morbider.


Talents 10 – „Zweiunddreißig Kilo“
Ausstellung von Ivonne Thein/ Heide Häusler (Katalog)

Dauer: 15. März bis 11. Mai 
Ort: Galerie C/O Berlin. Oranienburger Straße/Tucholskystraße. 10177 Berlin
geöffnet: täglich 11 bis 20 Uhr