Weibchenschema

Makellos und auf das Schönste befreit?

Madonna machte vor, was möglich war. Die Korsagen und Netzstrümpfe des Popstars waren Zeichen einer neuen Sexiness und befreiter Weiblichkeit. Doch was ist aus dieser Freiheit geworden? Warum können Frauen heute regieren, managen, eine Familie versorgen, das beste Abi machen oder Fußball-Weltmeisterin werden – aber nicht ohne Frust auf den eigenen Körper blicken? Ein Interview mit Christiane Zschirnt, Autorin des Buches „Wir Schönheits-Junkies“, über die gestiegenen Ansprüche an das perfekte Äußere.

„Der Lebenserfolg einer Frau bemisst sich heute vor allem in ihrer Fähigkeit, in möglichst vielen Lebenslagen gut auszusehen. Der Erfolg der Frauenbewegung hat uns nicht in die Lage versetzt, unser Zuhause mit schlecht sitzenden Haaren zu verlassen. Ich plädiere nicht für eine Schönheitsverweigerung, sondern für die Fähigkeit, das alles nicht so ernst zu nehmen.“ (Christiane Zschirnt in ihrem Buch "Wir Schönheits-Junkies. Plädoyer für eine gelassene Weiblichkeit")


Gerade hat Ulf Poschardt in den Medien erklärt, er halte den „Schönheitsterror“ unserer Zeit für eine Floskel, die nur eines ausdrücke: einen Unwillen zu Stil und Ästhetik, der in Deutschland besonders ausgeprägt sei. Scheint nicht so, als wären Sie mit dem Ex-Chefredakteur des „Vanity Fair“ ganz einer Meinung, Frau Zschirnt? Oder was halten Sie von Poschardts Äußerung, „entspannte Weiblichkeit“ sei zu oft „nur die Entschuldigung für eine Vernachlässigung der äußeren Form“?


Vielleicht sollte Poschardt mal eine amerikanische Mall oder einen englischen Badestrand besuchen. Aber abgesehen davon, dass Stillosigkeit keine deutsche Spezialität ist: Poschardts Klage geht am Kern des Problems völlig vorbei. Wenn sich heute jede zweite Frau zu fett, zu alt oder zu flach findet, ist das nicht eine Frage von gutem oder schlechtem Geschmack. Der Schönheitsterror bedeutet: ein makelloser Körper sei die Lösung aller Probleme. Wir sollen glauben, ein Leben sei erst dann etwas wert, wenn wir es in einem perfekten Körper verbringen. Immer mehr Leute sind der Meinung, Glück vertrage sich nicht mit Krähenfüßen. Dies betrachte ich, in der Tat, als durchaus reale Zumutungen. Ich habe festgestellt: Die Angst, nicht schön genug zu sein, deformiert den Alltag vieler Frauen.

Wie kommen Sie zu dieser Beobachtung?

Normale, hübsche, intelligente Frauen erzählten mir, dass sie an bestimmten Tagen nicht aus dem Haus gehen, weil sie sich dann nicht attraktiv genug fühlen. Sie sperren sich dann lieber freiwillig ein. Das Perfide ist, dass der Druck noch erhöht wird, wenn Leute wie Poschardt Vokabeln wie „unästhetisch, ungepflegt, stillos“ ins Feld führen. Die sind vernichtend. Die Frauen, die lieber zu Hause bleiben, sitzen dort aber nicht mit dreckigen Fußnägeln in Kreppsohlensandalen. Sie sitzen zu Hause mit einem zusammengesunkenen Selbstbewusstsein und einer gestörten Körperwahrnehmung. Mit „Vernachlässigung“ oder „Stillosigkeit“ hat das alles nichts zu tun. Der Schönheitswahn verkauft uns ein utopisches Körperbild als Schlüssel zur Glückseligkeit. Das kann nicht gut gehen.

Sie meinen, in den vergangenen dreißig Jahren hätten es die Männer gelernt, Frauen zu respektieren. Jetzt aber wäre es an der Zeit, dass wir Frauen lernten, uns selbst zu respektieren. Gelassenheit sei gefordert - man solle sich nicht von den Idealen, die zum Diäthalten oder gar Lasern und Liften drängen, verrückt machen lassen. Aber ist die Sache nicht komplizierter – mit Blick auf Werbung, Mode, Film- und Fernsehwelten?

Es geht um eine speziell weibliche Angst, nicht zu gefallen. In vergangenen Zeiten, in denen fast alle Frauen davon abhängig waren, zu heiraten, um ihre Existenz zu sichern, war diese Angst begründet. Wir haben heute aber Alternativen zum Schönsein. Trotzdem funktioniert eine Werbung, die Haarspülungen anpreist, weil wir „es uns wert“ seien, auch noch im Jahr 2008. Wie kann man sich eine Haarspülung wert sein? Eine Haarspülung!

Ich stimme Ihnen aber auch zu: allein mit der Forderung nach mehr weiblicher Selbstachtung ist es nicht getan. Von Frauen zu verlangen, sie sollten sich tapfer selbst respektieren, während gleichzeitig Millionen verführerischer Bilder und Botschaften auf uns nieder gehen – das wäre nicht nur unfair, sondern auch unrealistisch. Es ist nahezu unmöglich, sich ständig der Macht der allgegenwärtigen, hochprofessionell gemachten Bilder zu entziehen. Umso wichtiger ist es aber, dass Frauen wissen, dass sie sich mehr wert sein sollten, als eine teure Anti-Aging-Creme oder die siebte Jetzt-klappts-bestimmt-Diät.

Dass ein weiblicher Körper sexy sein müsse – diese Vorstellung sei aber nicht nur durch die Massenmedien geprägt worden. Sie weisen darauf hin, dass auch der Feminismus seinen Anteil hier hätte. Wieso denn das?

In den Achtzigern entdeckte der Feminismus Sexyness als Symbol für eine selbstbestimmte, mutige, provokante Weiblichkeit. Madonna machte vor, wie das aussah: ihre Korsagen und Netzstrümpfe standen für die totale Frauenbefreiung. Das mag inzwischen lächerlich klingen. Aber damals war das ein wichtiges Signal…

…weil das neue Outfit auch als ein Zeichen weiblicher Souveränität verstanden wurde?

Ja, es ging um das Recht, den weiblichen Körper frei von moralischen Bewertungen, Ideologie und bürgerlichen Geschmacksvorstellungen zu präsentieren. Ich gehöre selbst zu einer Generation, der noch allen Ernstes eingebläut wurde: „Wenn Du Minirock und Stöckelschuhe trägst, musst Du dich auch nicht wundern, wenn ...“ Gegen diese Doppelmoral anzugehen, war DAS Thema für uns. Wir zogen nun erst recht Kleidung an, die unsere Mütter höchstens als Unterwäsche getragen hätten – und wir taten das mit dem Gestus: Ich weiß, dass ich gegen Regeln verstoße. Ich nenne dies die „Entmoralisierung von Schönheit“. Das war eine sehr wichtige Entwicklung.

... die aber auch nicht ganz unproblematisch ist ...

Genau. Denn die Aufwertung von Sexyness durch den Feminismus fand zufällig in denselben Jahrzehnten statt, in denen unser Alltag pornografisiert wurde. Die Folge ist: wir leben heute mit zwei Spielarten von Sexyness. Einerseits verstehen wir darunter Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit, Stärke. Andererseits gibt es eben in der pornografisierten Gesellschaft nur eine einzige Definition von „richtiger“ Sexyness: die aufgespritzten Münder, die stehenden Brüste, die unnatürlich glatte Haut. Die gewonnene Freiheit droht ins Gegenteil umzukippen.

Sie meinen, die Schönheit von Frauen und die von Männern seien zwei völlig verschiedene Dinge. Aber stimmt das noch? Mittlerweile haben doch auch die Männer zunehmend zu leiden und müssen mit den gestiegenen Ansprüchen an körperliche Perfektion klar kommen: Stichwort Waschbrettbauch & Co...

Stimmt, auch Jungen wachsen mit Körperbildern auf – wenn sie mit grotesk bemuskelten Actionpuppen spielen –, die sie ebenso wenig erfüllen können, wie Mädchen, die glauben, wie ihre Barbie aussehen zu müssen. Es gibt aber immer noch einen wichtigen Unterschied. Für Männer gibt es zwei Arten von gutem Aussehen: Die Schönheit ihres Körpers und die Attraktivität ihres Status. Ein sexy Gerüstbauer mit einem Superkörper gilt unter Umständen als unattraktiver als ein bereits etwas aus dem Leim gegangener Multimillionär. Der Gerüstbauer hat „nur“ seinen perfekten Körper – der Millionär aber verkörpert Macht und Status. Der Millionär ist attraktiv – auch wenn er in Badehose furchtbar aussieht. Keiner Frau ist das möglich. Jede Frau ist immer nur so attraktiv, wie sie gut aussieht. Daher ist für Frauen die Verfassung ihres Körpers in jeder Lebensphase schmerzhaft konkret. Keine noch so brillante Karriere wird je darüber hinwegtäuschen, dass ihr Bindegewebe nachlässt.

Sie behaupten, die schlanke Linie sei heute nicht nur ein ästhetisches Ideal. „Dünn“ sei auch eine Chiffre für unsere Leistungsgesellschaft. Inwiefern?

Am schlanken Körper erkennen wir die heiligen Kühe der Leistungsgesellschaft: Jugendlichkeit, Leistungsbereitschaft, Selbstdisziplin, Fitness, die Bereitschaft, sich auch mal etwas abzuverlangen, die Fähigkeit, Härte gegen sich selbst anzuwenden, weil man nicht bei jedem Schokoriegel schwach wird. Der vermeintliche „Wert“ des Schlankheit wird also von zwei Seiten gestützt: dem Schönheitswahn und der Ideologie des Erfolgs. Dadurch wird das Ideal des dünnen Körpers in unserer Gesellschaft nahezu unantastbar.

Und wo liegen die Möglichkeiten, aus dem Schön- und Schlankheitswahn unserer Tage auszubrechen? Nur in der Suche nach einer neuen „weiblichen Gelassenheit“? In ihrem Buch kommen Sie doch durchaus auch auf Einfälle zu sprechen, die anderswo ansetzen. Ich denke da an eine Politik in Spanien, die gegenzulenken versucht …

... denn die Gelassenheit kann nur unter bestimmten Bedingungen gut gedeihen. In Spanien hat man daher beschlossen, das Leben der Frauen etwas zu erleichtern. Schaufensterpuppen müssen in Zukunft mindestens Kleidergröße 38 tragen. Bis 2008 werden zirka 1000 Spanierinnen vermessen, um neue Konfektionsgrößen zu errechnen, die der Durchschnittfrau dann auch passen. Die großen spanischen Modeketten Zara und Mango haben sich bereit erklärt, mitzumachen.

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Fotonachweise:

1. Dragon 30 (via photocase.com)
2. Frauke Fischer
3. pontchen (via photocase.com)
4. Goldmann Verlag