Starke Frauen

„Man spricht konkret und wird nur selten rot …“

Sie traf den Ton der Zeit. Mascha Kaléko galt am Ende der Zwanzigerjahre als ein schreibendes Fräuleinwunder: Sie war jung und begabt, schön und erfolgreich – und auf dem Sprung zu einer viel versprechenden literarischen Karriere. Doch dann kam die Machtergreifung der Nazis – und vieles ganz anders. Zum 100. Geburtstag der Lyrikerin in diesem Jahr erinnern Veranstaltungen und Veröffentlichungen an ihr Leben und Werk.

Ihre allerersten Gedichte schickte sie gleich an die renommiertesten Adressen der Zeitungswelt. Im Leben Mascha Kalékos musste es „immer gleich alles sein – oder nichts“, so hatte die Dichterin selbst einmal gemeint. Und immerhin: Die „strengste Zeitung Berlins“ (Kaléko) druckt sofort etwas und lädt die Autorin zu einem Gespräch in die Chefredaktion ein, wo ehrwürdige Brillengläser eher ungläubig blicken: „Aber sind Sie es denn wirklich? Sie sind ja noch so jung!“

 

Mascha Kaléko war gerade einmal 22 Jahre alt, als sie begann, die Literaturszene auf sich aufmerksam zu machen. Sie schrieb Gedichte, die von Alltagssorgen und Weekendträumen handelten – von Menschen, Moden und Marotten im Berlin der damaligen Jahre. Ihr Ton galt schnell als unverwechselbar. „Kess und keck, frech und pfiffig, schnoddrig und zugleich sehr schwermütig, witzig und ein klein wenig weise“, so urteilte Marcel Reich-Ranicki später rückblickend und hatte dabei das Gedicht „Großstadtliebe“ vor Augen:

Man trifft sich im Gewühl der Großstadtstraßen.

Zu Hause geht es nicht. Man wohnt möbliert.

Durch das Gewirr von Lärm und Autorasen,

vorbei am Klatsch der Tanten und der Basen,

geht man zu zweien still und unberührt.

 

Man küsst sich dann und wann auf stillen Bänken

– beziehungsweise auf dem Paddelboot.

Erotik muß auf Sonntag sich beschränken.

… Wer denkt daran, an später noch zu denken.

Man spricht konkret und wird nur selten rot.

 

Es ist der Ton der „Neuen Sachlichkeit“, den Mascha Kaléko hier anschlägt und der immer wieder zu Vergleichen mit anderen Vertretern dieser kulturellen Strömung geführt hat – mit Namen wie Erich Kästner, Joachim Ringelnatz oder Kurt Tucholsky. Mascha Kaléko aber bleibt in dieser Reihe dennoch einzigartig: Sie ist die einzige weibliche Stimme, die in der „neusachlichen“ Lyrik zu Gehör kam. Als solche traf sie insbesondere auch das Lebensgefühl vieler jüngerer Frauen, die gerade im Aufbruch waren, nach neuen Weiblichkeitsidealen suchten und als kleinere Angestellte massenhaft in die Berufswelt strebten. Mascha Kalékos Gedichte „Heimwärts nach Ladenschluss“, „Krankgeschrieben“ oder „Wenn man nachts nicht schlafen kann“ erzählen davon: von Sehnsüchten, Träumen und Sorgen der Stenotypistinnen aus den Großraumbüros oder der Verkäuferinnen, die eine Straßenecke weiter hinter Ladentischen standen. Eine Welt für sich, mit der Mascha Kaleko aus eigener Erfahrung nur zu gut vertraut war.

 

Mascha Kaléko wird am 7. Juni 1907 in Galizien geboren, einem Teil Österreich-Ungarns, der heute polnisch ist und den die jüdische Familie bald verließ, um nach Berlin zu gehen. Etwas später findet die 16-jährige Tochter, die damals noch mit Familiennamen Mascha Engel hieß, in dieser Stadt eine erste Anstellung – als Sekretärin im Büro der jüdischen Arbeiterfürsorge. Doch der 8-Stunden-Tag zwischen Registratur und Diktat ist der jungen Frau zu eintönig, sie besucht Abendkurse in Philosophie und Psychologie, schreibt Gedichte und lernt den jüdischen Philologen Saul Kaléko kennen, den sie im Jahr 1928 heiratet. Eine Heirat, die Mascha Kaléko in ihren literarischen Ambitionen bestärkt und unterstützt. 

 

Fortan konzentriert sie sich ganz auf das Schreiben, veröffentlicht in so angesehenen Blättern wie dem „Querschnitt“, der „Vossischen Zeitung“ oder dem „Berliner Tageblatt“ und wird von der „Welt am Montag“ sogar unter Vertrag genommen: wöchentlich soll sie eine eigene Kolumne füllen. Mit ihren  Versen wird sie in den Rundfunk eingeladen und tritt auf Kabarettbühnen auf. Gleichzeitig beginnt Mascha Kaléko im „Romanischen Cafe“ zu verkehren, dem legendären Bohemetreff am Kurfürstendamm, in dessen Männerwelt die junge Frau zu einer Figur wird, die Blicke auf sich zieht. 

 

 

Ihr Witz und Charme, ihre lebhaften dunklen Augen und temperamentvollen Reden – sie provozieren. Und machen schließlich auch den Schriftsteller Franz Hessel auf die Künstlerin aufmerksam, der einen für die weitere literarische Laufbahn entscheidenden Kontakt herstellt: Er schlägt vor, einen ersten Lyrikband mit Gedichten Kalékos zusammenzustellen und dem Verleger Ernst Rowohlt anzubieten. Und tatsächlich: Im Jahr 1933 erscheint „Das lyrische Stenogrammheft“, das sofort ausverkauft ist und sich mit seinen Neuauflagen zu einem „Longseller“ entwickelt – bis in unsere heutigen Tage hinein.

 

Doch während die Schriftstellerin von einer Woge des Erfolgs getragen wird, bahnt sich die große politische Katastrophe der Zeit stetig ihren Weg: Nach der Machtübernahme Hitlers hält zwar der Verlag Ernst Rowohlts couragiert zu seiner jüdischen Autorin. Ein weiteres Buch, das „Kleine Lesebuch für Große“ erscheint noch im Jahr 1935, doch in Zeitungen darf Mascha Kaléko nun nicht mehr publizieren. Ein offizielles Berufsverbot folgt wenig später, und im Jahr 1937 tauchen die Werke Kalékos auf einer Liste „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ der Reichsschrifttumskammer auf.

 

Neben der politischen Situation sind es aber auch Erschütterungen im Privaten, die der Dichterin zusehends zu schaffen machen. Mascha Kaléko lernt den Dirigenten und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver kennen, verliebt sich und wird in ihren Gefühlen, zwischen zwei Männern stehend, zunehmend zerrissen. Eine „Lebenslüge“ baut sich auf, die in allen ihren schmerzlichen Facetten erst zutage tritt, als Mascha Kaléko im Jahr 1936 schwanger wird. Ihrem Ehemann gesteht sie erst nach der Geburt des Kindes, dass nicht er der Vater ist. Saul Kaléko bemüht sich, die Ehe zu retten, möchte den Sohn annehmen, und kann doch die Trennung nicht mehr verhindern.

 

Im September 1938 fassen Mascha Kaléko und Chemjo Vinaver den Entschluss, das Land zu verlassen, und gelangen über Umwege nach New York, wo die kleine Familie sich aber nur schwer über Wasser halten kann. Die neue Ehe des Künstlerpaares bringt alles andere als Liebesglück, zu drückend ist die finanzielle Not. Um Aufträge muss der Musiker Chemjo Vinaver nahezu betteln, und da er selbst kaum der englischen Sprache mächtig ist, muss seine Frau ihm unentwegt korrespondierend unter die Arme greifen. Das Tagebuch, das Mascha Kaléko in dieser Zeit schreibt, liest sich wie ein einziger Hilferuf – nach Unterstützung, die man sich von Freunden erhofft, und nach einem Alltagsfrieden, zu dem das Paar Mascha und Chemjo scheinbar nicht fähig ist. „Ich weiß nicht, warum wir uns gegenseitig das Leben so verbittern“, schreibt sie: „Es vergeht keine Woche, in der wir uns nicht bis zu Verzweiflung quälen“.

 

Diese schweren Jahre im Exil hinterlassen ihre Spuren. Mascha Kaléko findet nach Kriegsende nur mühsam zurück – in die Stadt Berlin etwa, die ihr einst die Heimat war, in jenen „paar leuchtenden Jahren“ vor 1933. Aber auch die Rückkehr aus dem Rollenwechsel – von der Künstlerin zur Karrierehelferin des Ehemannes – fällt schwer. Mascha Kaléko begibt sich zwar gegen Ende der Fünfzigerjahre auf einige Lesereisen, die nach Deutschland führen, wo sie erneut das Publikum erobert. Aber dann wird die Autorin für den Fontane-Preis der Akademie der Künste nominiert – und zieht die eigene Bewerbung zurück. In der Jury sitzt ein ehemaliger SS-Mann, und Mascha Kaléko möchte zwar ein Comeback, aber eben nicht um jeden Preis.

 

 

Während die Lyrikerin seit damals zunehmend in Vergessenheit geriet, wird ihr 100. Geburtstag in diesem Jahr mit einer Reihe von Veröffentlichungen und Veranstaltungen gefeiert. In einer neuen Biografie rekonstruiert etwa Jutta Rosenkranz das Leben Mascha Kalékos zwischen den Stationen Berlin, New York und Jerusalem als dem Ort der letzten Lebensjahre. Rosenkranz greift in ihrem Buch auf ein umfassendes Material zurück und präsentiert Briefe aus dem Nachlass, zeitgenössische Rezensionen und vieles andere mehr. Daneben ist auch ein neuer Lyrikband erschienen, unter dem Titel „Mein Lied geht weiter“ und zusammengestellt von Gisela Zoch-Westphal, die Mascha Kaléko selbst zur Nachlassverwalterin bestimmte. Und im Berliner Literaturhaus ist für den Herbst eine Ausstellung geplant, die den 100. Geburtstag dieser Schriftstellerin würdigen soll, über die in den letzten Tagen immer wieder zu lesen und hören war, sie sei die „kleine Schwester Heinrich Heines“ gewesen. Was da verbindet? Vielleicht der Sinn für die eigene Zeit, vielleicht aber auch der Sinn, ihr pointiert zu begegnen – und allem Zeitlichen mit einem zeitlosen Augenzwinkern. Wie etwa in dem Gedicht „Abermals ein Jubiläum“: 

 

Weil alles so vergeht, was dich einst freute

Und was dir wehgetan: Trink deinen Wein!

Was gestern morgen war, ist heute heute.

Was heute heute ist, wird morgen gestern sein.

Prägt euch das ein.