Women only

Mann ohne Makel

Margaret Mitchells Südstaaten-Epos „Vom Winde verweht“ war ein Weltbestseller. Nun hat Donald McCaig einen Nachfolgeroman geschaffen, der das Liebesdrama zwischen Scarlett O'Hara und Rhett Butler noch einmal erzählt – aus der Sicht von Rhett, der so vergeblich darum kämpft, die Geliebte zu erobern. Männer ohne Makel wie er und Frauen wie wir? Was im Leben nicht geht, bringt das Buch ganz wunderbar zusammen.


Rhett Butler ist ganz am Anfang dieses rasanten Romans auf dem Weg zu einem Pistolenduell mit dem besten Schützen von Charleston: Wer gewinnt, ist keine Frage, sonst könnte ja die über 600 Seiten lange, vom Winde verwehte Liebesgeschichte zwischen dem Helden und Scarlett O'Hara nicht erzählt werden. Und das Erstaunliche an dieser Geschichte: Sie ist so spannend wie das Original!

Über den Stil kann man sich streiten. Schrieb Margaret Mitchell, die ihren  Südstaatenroman im Jahr 1936 veröffentlichte, damals besser als Donald McCaig heute über den berühmten Liebhaber Rhett? Ich kann mich nicht erinnern. Ist das amerikanische Original besser als die etwas holperige deutsche Übersetzung? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur:

Nach den ersten paar Seiten zieht das Buch "Rhett" seine Leser – naja, wohl in erster Linie Leserinnen – in die Geschichte hinein und lässt sie nicht mehr los. Wenn ich mal in die lästige Realität zurückkehrte, um neuen Kaffee zu holen, fiel mir schon auch auf: Verdammt, Rhett ist einfach zu begehrenswert, um wahr zu sein. Solche Männer gibt´s in Wirklichkeit gar nicht, aber .... schon war ich wieder tief in seinen Abenteuern versunken, in den sehr dezenten erotischen Geständnissen der bei Margaret Mitchell so nervig "guten" Melanie, in Scarletts frechen Unternehmungen, in der Liebesgeschichte der neu zum Romanpersonal hinzugekommenen Rhett-Schwester Rosemary. Und der Kaffee war vergessen. Das heißt:

Der knapp 70-jährige Autor Donald McCaig hat ein Wunder vollbracht. Er hat einen in Millionenauflagen verkauften und weltweit geliebten Roman neu erzählt – und der ist noch spannender als sein Vorbild. Um was es noch geht, außer Rhett Butlers Geschichte zu erzählen? Um eine fulminante, historisch erstaunlich korrekte, sehr gut recherchierte Beschreibung der Südstaaten vor, während und nach dem blutigen Bürgerkrieg, um das Verhalten von Plantagenbesitzern und versklavten Arbeitern. Ja, das auch. In erster Linie aber natürlich um die Gefühle Rhetts für Scarlett, um die dramatische Liebesgeschichte selbst also – und wie sie nach dem abrupten Ende des Klassikers "Vom Winde verweht" weitergeht.

1991 gab es so etwas schon einmal. Unter dem Titel "Scarlett" lieferte eine unwichtige Autorin eine unwichtige Weitererzählung, die sich zwar unter den Margaret Michell-Fans gut verkaufte, aber dann mit Recht im Papierkorb verschwand. Sie war so schlecht geschrieben wie langweilig. Anders dagegen das Werk, mit dem Donald McCaig nun auf sich aufmerksam macht, ein ziemlich unbekannter Autor ziemlich unbekannter Romane über die Südstaaten: Er bekam seinen literarischen Auftrag von den Erben der Urautorin – und sie setzten auf den richtigen! Obwohl jeder die Story ja aus dem Buch oder aus dem berühmten Film kennt, werden alle Leserinnen "Rhett" lieben.

Gute Literatur? Was für eine blöde Frage, wenn es um Liebe ohne alle Hemmungen geht, um einen Mann, der das macht, was so viele Frauen sich völlig vergeblich erhoffen: Er sieht seine Traumfrau, verliebt sich für alle Zeiten, hofft, kämpft, gibt auch nach der bösesten Abfuhr nicht auf. Und – auch das noch – er hat in all den vielen Jahren, in denen er sich vergeblich um die Geliebte bemüht, keine andere Affäre.

Das ist vielleicht der einzige Fehler, den der "Rhett"-Autor machte. Sein Held hat – wenn ich mich trotz meiner faszinierten Schnelllektüre richtig erinnere – nicht einmal Sex mit einer anderen Frau. Oder zumindest erfährt die Leserin nichts darüber. Das spricht nicht für "gute Literatur", denn die sollte doch wohl einigermaßen ehrlich sein. Nein, das spricht eher für ein Urteil namens: Kitsch.

"Rhett" spricht alle Träume an, die Frauen vom Macho-Mann haben, der in entscheidenden Momenten ganz soft werden kann. Jede weiß, dass es ihn so nicht gibt, und wenn es ihn gäbe, wäre er nichts für eine langfristige Ehe – über Jahre hinweg kann kein Mann "ideal" sein –, sondern nur für ein paar leidenschaftliche Wochen. Bis der Hormonausstoß sich normalisiert, sie an Kinder denkt (heute vielleicht sogar wieder an die eigene Karriere) und er an das nächste Abenteuer. Nicht als wagemutiger Blockadebrecher, Schmuggler, Lebensretter oder Kriegsheld, sondern in einem anderen Bett.

Macht nichts. Diese Neufassung wird der Wind genauso wenig verwehen wie das Original. Weil Rhett ein Archetypus ist: der einfühlsame Alphamann, der zärtliche Diktator, der trotz Schnupfen strahlend schöne Held, dessen Verehrung wir Frauen von den Affen und all ihren Vorgängern auf der Evolutionsleiter übernommen haben. Ein Traum, aber ein schöner.

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Anne von Blomberg schreibt am liebsten über neue Trends: Psycho-, Sozio-, Mode-, Ess- oder Parfumtrends. Aber ihre größte Freude sind die Bücher, die sie auf "readme.de" vorstellt - vom nüchternen Sachbuch bis Fantasy, vom Krimi bis zum guten Roman. Vorbildung? Stellvertretende Chefredakteurin bei "Petra" und "Brigitte", Chefredakteurin bei Gourmet- Magazinen, heute u.a. Trendschreiberin für die Zeitschriften des Mode-Centrums Hamburg.

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