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"Margarete Steiff - die Biografie" von Gabriele Katz

Durchhaltevermögen, Kreativität und Geschäftssinn – die Geschichte einer Powerfrau mit Ausnahmeleben.

Margarete Steiff lebte im Rollstuhl - und arbeitete. Sie stickte und nähte für die Familie und Fremde. Das fiel ihr sehr schwer, weil nicht nur ein Bein gelähmt war. Auch die rechte Hand schmerzte bei jeder Beanspruchung. Doch als sie erwachsen wurde, fand sie einen Ausweg.

 

Von stabiler Kleidung zum legendären Teddy

 

Sie entwarf für den Filz, den ihr Schwager in einer nahe gelegenen Fabrik herstellte, neue Kleider und Mäntel. Besonders für Kinder, damit diese herrumtollen und spielen konnten, ohne gleich ihre Kleidung zu zerreißen. Wie ihr es immer wieder passiert war, wenn sie sich aus dem Leiterwagen, in dem man sie abgestellt hatte, herauswagte. Dann erfand sie weiches, anschmiegsames Kinderspielzeug und schließlich den Teddybären mit beweglichen Armen und Beinen, der mit seinem Knopf im Ohr als Markenzeichen weltberühmt wurde.

 

Das Spannende an dieser ganz unkitschig und nüchtern geschriebenen Biographie von Gabriele Katz ist neben der Hauptperson die Zeit, in der sie aufwuchs und sich durchsetzte, obwohl Frauen damals - Margarete Steiff wurde 1847 geboren und starb 1909 - eigentlich noch überhaupt keine Rechte und damit auch kaum eine Chance auf Eigenständigkeit hatten. Die Eltern räumten ihnen so gut wie keine Mitsprache bei der Wahl des Berufes ein (außer Dienstmädchen, Magd, Köchin und Schneiderin gab es auch wenig Auswahl), und zum Ehemann wurde bestimmt, wer in den Familienverbund passte. Er bestimmte dann über ihr Geld, und unter den frommen Protestanten Schwabens war seine Unterstützung - und der von Gott gewollte Gehorsam ihm gegenüber - für die Frau das wichtigste Gebot.

 

Blick von außen auf ein so ganz anderes Frauenleben


Als Frau von heute kann man beim Lesen dieser interessanten Lebensgeschichte das große Gruseln bekommen. Wie haben Frauen das damals ausgehalten? Warum haben die allermeisten so unaufmüpfig gehorcht? Solche Fragen beantwortet Gabriele Katz (bekannt geworden durch andere Porträts starker Frauen, unter anderem von Puppenerfinderin Käthe Kruse) nicht.

 

Sie  verzichtet auch auf eine Analyse von Margarete Steiffs Psyche, liefert trotz vieler Zitate aus den Tagebüchern der jungen Frau nur den Blick von außen. Und das ist gut so, denn so kann sich jede Leserin selbst ein Bild von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den Umwälzungen machen, die die Industrialisierung auch nach Schwaben brachte, kann die Porträtierte selbst einzuschätzen versuchen. Beides garantiert vielleicht keinen Thrill, aber ganz bestimmt Lern- und Lesestunden, die das eigene Leben bereichern. Und sei es nur, weil man plötzlich sehr dankbar dafür wird, im 20. und 21. Jahrhundert leben zu dürfen..