Starke Frauen

Marianne Werefkin: Die große Unbekannte

Sie verleugnete ihre Kunst lange. Und gehörte doch zu den genialsten Malerinnen ihrer Zeit – wie man heute weiß.

Von: Evelyn Thriene

vom 20.09.10

Bei einem Jagdunfall durchschoss sie ihre rechte Hand. Doch Marianne Werefkin ließ sich von einem fehlenden Mittelfinger nicht vom Malen abhalten. Ihre Behinderung wurde ihr nicht wirklich zum Hemmnis, weit mehr jedoch eine 27 Jahre währende Beziehung zu dem vier Jahre jüngeren, mittellosen Offizier Jawlensky. 

Marianne von Werefkin entstammt einer begüterten Adelsfamilie, die Mutter ist Malerin, das Talent der Tochter früh schon auffällig: Sie bekommt professionellen Zeichenunterricht, und Ilja Repin, der bedeutendste Maler des russischen Realismus, wird 1880 ihr Privatlehrer. 

1892 lernt sie dann den ebenfalls malenden Jawlensky kennen, als sie selbst bereits durch Ausstellungen als „russischer Rembrandt“ gilt. „Die Liebe ist eine gefährliche Sache, besonders in den Händen Jawlenskys“, urteilt sie. Auf eine Heirat verzichtet sie, nicht zuletzt deshalb, weil sie eine großzügige Rente des Zaren als verheiratete Frau verloren hätte. Sie förderte Jawlensky mit all ihren Kräften, um ihm zu ermöglichen, was „einem schwachen Weibe“ zu ihrer Zeit verwehrt ist. „Drei Jahre vergingen in unermüdlicher Pflege seines Verstandes und seines Herzens. Alles, alles, was er von mir erhielt, gab ich vor zu nehmen – alles, was ich in ihn hineinlegte, gab ich vor, als Geschenk zu empfangen … damit er nicht als Künstler eifersüchtig sein sollte, verbarg ich vor ihm meine Kunst.“ Ihr Geliebter dankt es ihr, indem er sich an der neunjährigen Helene Nesnakomoff vergeht, der Gehilfin von Werefkins Zofe. 

Mit der Zofe hat er bereits ein Verhältnis, und sie bekommt einen Sohn. Marianne Werefkin führt Tagebuch und erfindet ab diesem Zeitpunkt in den „Lettres à un Inconnu“ einen imaginären Gesprächspartner, um den Mangel in ihrem Leben auszugleichen. 20 Jahre später heiratet Jawlensky die Mutter seines Sohnes, um sich gänzlich von der inzwischen verarmten Werefkin zu distanzieren. 

Diese zieht 1896 nach München-Schwabing, wo sie bald einen berühmten Salon unterhält. Hier trifft sich die Kunstwelt und diskutiert über die neuesten Entwicklungen. Marianne Werefkin wird zur charismatischen Theoretikerin und Impulsgeberin. 1906 endet ihre zehnjährige Jawlensky-Krise, und sie greift erneut zum Pinsel. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs schafft sie bahnbrechende, weit in die Zukunft weisende Werke. 

Sie beeinflusste Wassily Kandinsky, der mit ihren Ideen als wichtiger Theoretiker in die Kunstgeschichte eingehen sollte – ohne die Ideengeberin Werefkin dabei zu erwähnen. Werefkin gründet zusammen mit weiteren Künstlerkollegen in ihrem „rosafarbenen Salon“ die Neue Künstlervereinigung München, ohne Kandinsky. Nach einer unschönen Intrige, initiiert von Kandinsky, Marc und Macke, spaltet sich der „Blaue Reiter“ ab. Werefkin wird zu „des blauen Reiterreiterin“, wie ihre Freundin Else Lasker-Schüler sie nennt.
 

Mehr über Marianne Werefkin und ihr Lebenswerk können Sie in einer spannenden Biographie von Brigitte Rossbeck erfahren, die vor kurzem erschienen ist, passend zum 150. Geburtstag der Malerin in diesem Jahr. Oder in einem Porträt zu Marianne Werefkin von Luise F. Pusch, das Sie hier finden – auf FemBio, dem weltweit umfassendsten Frauenbiographie-Portal von Professorin Luise F. Pusch. 

 

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Bildnachweise: 

 

1. Marianne von Werefkin: Selbstporträt. (Entstanden um 1910).