Männerecke

Mark Twain

"Sei doch mal etwas damenhaft", bekam die Gräfin als Mädchen zu hören. Doch Tom Sawyer und Huck Finn waren ihre Helden.

 

"Irgendwann müsste in meinem Gehirn ein Riesenlicht angehen und sämtliche Nischen ausleuchten, in denen sich meine Kindheit verbirgt", wünscht sich die Gräfin.

Sie wuchs am Rande der Stadt auf, in einem kleinen Garten Eden. Das Fachwerkhaus gehörte dem Stromkonzern RWE, für den ihr Vater arbeitete. Der Mietvertrag wurde stets nur um ein Jahr verlängert, weil das Gelände mitten in einem künftigen Industriegebiet lag.

 

"Direkt hinterm Haus war ein wilder Bach. Wenn der im Sommer Hochwasser führte, und das ging ganz schnell, schon ein Sturzregen genügte, war ich nicht mehr zu halten. Der Bach, wir nannten ihn Eselsbeeke, war sauber und nicht kanalisiert, aber voll ekliger Blutegel. Wenn ich aus dem Wasser stieg, die Beine voller Viecher, kam Mutter an und riss sie mir herunter, das musste sein, aber es hat wehgetan, ich hab geschrieen vor Schmerzen. Aber sobald die Blutegel runter waren, stürzte ich mich sofort wieder in die Fluten. Ich war Tarzan."

"Nicht Jane?"

"Doch, alles. Tarzan, Jane, Cheetah."

 

"Nun sei mal doch einmal etwas damenhaft!" schüttelte ihre Mutter ständig den Kopf. "Du siehst immer so aus, als würdest du gleich auf die Bäume hoch wollen."

"Stimmt ja auch!" tanzte die kleine Gräfin durch den Garten, wo ein Plumpsklo stand mit den herrlichsten Riesenspinnen, die man sich denken konnte. Als sie älter wurde, im Teenageralter, fand sie das nicht mehr so toll. Sie traute sich kaum noch, Schulfreundinnen mit nach Hause zu bringen, aus Angst, sie könnten sich lustig machen über das Plumpsklo.

Als mit 13 die erste Periode kam, deckte sie sich am Kiosk mit Unmengen ungarischer Chips ein und blieb zur Freude der Mama endlich mal daheim, mit ihrem Lieblingsbuch.

 

"Tom!!"

 

Huck Finn war ihr großes Idol. So wollte sie leben. Frei sein, und in den Tag hinein leben. Und Pfeife rauchen. In einer Tonne leben. Sie verstand sowieso nicht, was das mit dem Teppichboden sollte. Man lief doch viel besser auf Steinboden. Noch besser direkt auf der Erde. Und auf der Wiese am allerbesten.

Mark Twain, seine kultivierte, zu Herzen gehende Sprache, hatte sie ganz allein für sich entdeckt. Sie las Tom Sawyer ein ums andere Mal, sie konnte nicht genug davon kriegen.

 

"Mark Twain hat meine Lust auf Sprache geweckt."

Zwar ist sie heute noch ihrem Vater dankbar, dass er ihr abends klassische Gedichte vorlas. Den Erlkönig, wo sie weinen musste, wenn der Vater mit dem Kinde davonreitet, aber das alles war nichts gegen die Abenteuer am Mississippi, von Tom Sawyer und von Huckleberry Finn, von Indiana Joe und von Tante Polly, die gerne eine strenge Tante gewesen wäre, aber ein zu großes Herz hatte.

 

"Aber die Kindheit kommt nie wieder", seufzt sie.

"Es kommt niemals auch nur irgendetwas wieder", sag ich.

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog "Studio Glumm" über sich und seine Lebensgefährtin, genannt die „Gräfin“, und den Hund „Frau Moll“ 

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