Cool Tour

Maxim Billers „Billige Hauptstadtfantasien“

Die Dekadenzia-Party im 90°

Von: Cosima M. Grohmann, Fotos: dtv.de und photocase.de

vom 23.02.07

Gestern Morgen machte ich mir ein Lesefrühstück und las einen Essay von Maxim Biller, der in einem Magazin veröffentlicht wurde, einem Magazin, „für politische Kultur“, so der Untertitel. Den Titel dieses Magazins will ich an dieser Stelle lieber nicht nennen, denn er besteht aus dem Namen eines berühmten politischen Denkers der Antike und beim Aussprechen dieses Namens würde ich sicherlich das lateinische C wie eine nur sehr mittelmäßige Lateinschülerin aussprechen, nämlich wie z, und so würde der Leser (der im Ernstfall ja sogar Maxim Biller selbst sein könnte) eventuell über meine nur sehr mittelmäßige humanistische Bildung mutmaßen und schlussfolgern, dass ich dem Thema der  geplanten Auseinandersetzung gar nicht gewachsen sei.

 

Deshalb lasse ich es bei der stilisierten Vorstellung eines ausgedehnten Lesefrühstücks, bei dem ich die anspruchsvolleren Tageszeitungen dieser Republik und eben diesen Essay von Maxim Biller studiere.

 

Meine Küche befindet sich im nördlichsten Teil des Prenzlauer Bergs, und zwar auf der Seite des Mauerparks, wo die Mieten schon wieder billiger werden, dort, wo sich Billers sogenannte „Bohème“ schon ein bisschen mit den Proleten des Roten Weddings vermischt.

 

Ich gehe den Tag also ganz bewusst langsam an, ich zögere ihn sozusagen genüsslich - und wie mir später bewusst wird, leider zu künstlich – hinaus, da ich am Abend endlich mal wieder ein bestimmtes Gefühl plane, ein Gefühl, das ich bis jetzt schon ein paarmal erleben durfte, eines, was mit Berlin zu tun hat. Dieses Gefühl ist so ziemlich genau das, was Billers Essay auf eine sehr treffende und wegen seines Beispiels auch so romantische Weise beschreibt (ein Treffen dreier Menschen nämlich, die sich in einem Antiquariat auf der Kastanienallee auf Russisch über Tango und Joyce unterhalten): es ist das „Berlingefühl“. Und mein persönliches „Berlingefühl“ an diesem Abend soll sein: Eine VIP-Einladung ins 90° mit Limousinenservice und jeder Menge Semiprominenz, über die man sich dann in eben dieser von Biller so schön beschriebenen mittigen Bohème-Manier hinter seinem Cosmopolitan das Maul zerreisst, sich ein bisschen wie Carrie Bradshaw fühlt und trotzdem ein super Gefühl hat: das Gefühl „dabei“ zu sein. Dabei zu sein, wenn was passiert in dieser Stadt, dabei zu sein, wenn wirklich „was geht“, auch wenn es der Westen ist, ganz gleich, ich war eh schon lang nicht mehr da.

 

Also mit der Limo am Stern vorbei, vorher Sushi gegessen, „Dekadenzia“ heißt das Motto , und ich gebe wirklich alles. Der Türsteher redet ein bisschen französisch, „vous êtes deux?“, ahh, die Gästeliste, pardon…“ Und ab geht's! Rein ins Getümmel, auf die Tanzfläche, zur Bar, zum Klo und wieder von vorn.

 

Nach einer Weile kommt ein Cowboy auf uns zu, ja ehrlich, so ein Typ mit Cowboyhut und einer Bongo um die Hüften geschnallt, meine Freundin findet ihn super, ich eher mäßig, egal, er nimmt uns mit in den zweiten VIP- Bereich, nämlich nach hinten, wo ein stämmiger Schwarzer mit Sonnenbrille eine rote Kordel an zwei goldenen Ständern bewacht.

 

Eine Kamera ist auf einmal da, Moment mal, werden wir jetzt gefilmt oder was, ich glaub`s nicht, was für ein Spaß.

 

Der Bongo spielende Cowboy führt uns zu einer Couchecke,dort sitzen etwa zehn Menschen, ich sage Menschen, weil es sich um eine Runde von dicken älteren Männern und jungen Mädchen handelt. Die Männer trinken Wodka und schreien Sachen wie „Nastrovje!“ und „Isch escht russisch“, die Mädchen tanzen vor den Männern und fassen dabei ihre eigenen Brüste an, sodass sie fast herausfallen aus den engen Oberteilen und sich diese eine Falte bildet.

 

Um bei der Wahrheit zu bleiben: Da sitzen auch noch einige jüngere Männer, die gelangweilt an ihrem Wodka nippen und in die Kamera lächeln. Wir setzten uns dazu, meine Freundin findet das alles wahnsinnig witzig hier und ruft den Mädchen: „Show your tits“ zu. Ich lehne mich nicht ganz so begeistert zurück, einer der dicken Männer spuckt mir beim „Nastrovje“-Schreien auf den Oberarm, ich finde das alles plötzlich billig, und wo bleibt denn nun eigentlich der kleine exquisite Egoschuss, auf den ich den ganzen Abend schon warte, wegen dem ich überhaupt nur hier bin, à la „ich bin hier, unglaublich, dass ich hier bin und das gerade erleben darf und was passiert wohl als nächstes?“

 

Nichts. Es ist still. Von einem schmerzenden Glücksgefühl ganz zu schweigen (vgl. auch Biller, Maxim: „Das Berlingefühl, das ich meine, ist wie ein schöner, großer, tiefer Schmerz“). Draußen geht`s dafür munter weiter: Meine Freundin schreit mir gerade etwas zu, ihre Augen sind groß vor Aufregung, es muss etwas völlig Abgedrehtes sein, etwas noch nie Dagewesenes und vielleicht auch die letzte Chance für mich: Es stellt sich heraus, dass wir in einer russischen Big-Brother-Show gelandet sind! „Oh Mann, das ist wirklich irre, wie? Wir sind gerade live auf Sendung, gibt`s ja nicht, ist ja echt unglaublich“.

 

Der Cowboy zeigt seinen Sender, der ihm am Gürtel neben der Bongo hängt , und jetzt sehe ich es, hier tragen alle diesen Sender, es stimmt und eins der Mädchen grinst mich an.

 

150.000 Dollars in Goldbarren können sie gewinnen und sind dazu in einem Berliner Schloss einquartiert, ein ganzes Jahr. Mir wird schlecht. Da ist er nun, der Super-GAU der Billerschen „billigen Hauptstadtfantasien“, und mir kommen auch gerade Bismarck, Hitler und Schröder zugleich hoch, denen sich der gemeine Touri laut Biller auf der Strasse des 17.Juni angeblich so nahe fühlt. Und dabei grinse ich in diese Kamera, die von einem Rambotypen mit Nicki-Kopftuch gehalten wird.

 

Mit der alles erklärenden Frage: „Wie spät ist es denn eigentlich?“ leite ich meinen Aufbruch ein, der jetzt plötzlich schnell gehen muss. Ich spiele das Spiel zu Ende, lächle in die Runde, mache einen Kussmund in die Kamera und verlasse gewichtigen Schrittes den VIP-Bereich des 90°, beende damit meine 15 Minuten fragwürdigen Ruhms vorzeitig und freiwillig... Nie hätte ich so etwas für möglich gehalten.

 

Gestern Morgen hatte ich mir also ein Lesefrühstück gemacht, einige Tageszeitungen durchgeblättert und den neuen Essay von Maxim Biller gelesen. Ich hatte daraufhin in melancholischer Stimmung den Tag künstlich hinausgezögert, extra so getan, als wäre er kein besonderer und schon dabei einen kleinen Kloß im Hals verspürt, der sich erst sehr viel später am Abend auflöste und in eine bittere Erkenntnis verwandelte: Irgendwas war faul gewesen an meinem so herbeigesehnten Berlingefühl. Was war es bloß gleich? Ja, richtig, es hatte gar nicht stattgefunden. Gewartet hatte ich den ganzen Abend, angestrengt, aufgeregt, und viel war ja auch passiert, viel, was sich dann auch unglaublich aufregend anhört, wenn man es zuhause in der Provinz erzählt, wo es ja schon reicht, dass man überhaupt in diese Stadt gezogen ist

 

„Ich bin neulich im 90° aus Versehen in eine russische Big-Brother-Show geraten, die spielen um 150.000 Dollar in Goldbarren, echt typisch russisch, oder?“ Fast könnte ich zynisch werden, denn das einzige, was ich tatsächlich in diesem Moment mit Billers ausgewähltem Berlinmoment gemeinsam habe, sind ja die Russen.

 

Am U-Bahnhof Kurfürstenstrasse will ich dann wissen, wie ich am schnellsten zurück in mein Berlin komme und drücke die Informationssäule der BVG. Zu spät registriere ich, dass ich die Taste für Behindertenhilfe gewählt habe. Lange genug lebe ich in dieser Stadt, um zu wissen, dass dieses Versehen für einen BVG-Angestellten unverzeihlich ist. Und tatsächlich, meine Frage wird barsch zurückgewiesen: „Dit is die falsche Taste, junge Frau“. Ich kann mir schon denken, dass der nächste Versuch bei der nun richtigen Taste genau darüber von dem gleichen Sachbearbeiter entgegengenommen wird. Ein paar Sekunden später antwortet auch wirklich die gleiche Stimme: „Wat jibt`s denn?“ und nun wird die Frage auch ganz sachgemäß und in stoischer Ruhe beantwortet. Doch anstatt mich wie sonst maßlos über dieses einzigartig unverschämte Verkehrsunternehmen zu ärgern, huscht ein kleiner Geist an mir vorbei und drückt mir ein Geschenk in die Hand. Und obwohl ich gerade in meiner Anfangszeit in Berlin schon wesentlich größere Geschenke dieser Art bekommen habe, lächle ich sogar ein wenig und sage so leise, dass es im Ernstfall nur Maxim Biller hören kann: „Danke, Berlin“ vor mich hin.