Fürs Auge

Mehr als der frisierte Augenblick

Ihre Bilder haben oft ungewöhnliche Themen: Herlinde Koelbl hat Spitzenpolitiker porträtiert, die aus ihren Turn- schuhen herauswachsen. Sie hat Haare abgelichtet, die sprießen und zurechtgezupft sind. Sie hat in fremde Schlaf- zimmer gelinst, um zu erkunden, was hier privat ist – und was zeittypisch. Nun ist in Berlin eine erste Retrospektive zu sehen.

 

Was sie auch macht, es ist nicht der „schnelle Blick“, der für sie zählt. Herlinde Koelbl ist eine Fotografin, die oft über Jahre an ihren Motiven dran bleibt. Das können etwa „Spuren der Macht“ sein, die sich in das Gesicht eines Menschen eingraben, der ganz nach oben will: Angela Merkel, Gerhard Schröder und Joschka Fischer hatten sich einst bereit erklärt, über einen Zeitraum von 10 Jahren immer wieder vor die Kamera Koelbls zu treten. Die Porträts, die so entstanden, haben nicht nur die Fotografin weithin bekannt gemacht. Nein, sie dokumentieren auch sehr eindringlich, was hier erforscht werden sollte: Wie ein hohes Amt eine Person, die in dieses hinaufstrebt, verändern kann – von der Körpersprache bis hin zu der Art, Dinge und sich selbst zu reflektieren. 

Es ist immer wieder dieses genaue Hinsehen, das den Fotos Koelbls ihren Reiz verleiht. Wobei nicht alles, was es da zu entdecken gibt, sich gleich auch über das Visuelle allein erschließt: Sie lese ungeheuer viel, wenn sie an einem Fotoprojekt arbeite, so verrät Koelbl hier und da gerne. Und die Fotografin führt selbst oft lange Interviews mit den Leuten, deren Persönlichkeit und Alltag sie aufs Korn nimmt – bisweilen mit geradezu ethnologischer Genauigkeit: So leuchte Herlinde Koelbl etwa mit ihren Serien „Wohnzimmer“ (1980) und „Schlafzimmer“ (2002) in die Ecken und Winkel privater Räumen, die viel über ihrer Bewohner verraten. Aber nicht nur das. Denn die Bilder fangen nebenbei auch Kulissen ein, in denen sich Zeittypisches spiegelt, ob dies nun bundesrepublikanische Milieus sind oder gesamtdeutsche Statussymbole oder auch Borniertheiten hier wie da. Denunziert wird dabei jedoch gar nichts – für Herlinde Koelbl ist der Respekt vor dem anderen und seiner Lebensweise bei ihrer Arbeit nämlich völlig unverzichtbar.

In Berlin lädt nun eine Werkschau zu einer Neubegegnung mit diesem Schaffen ein: Im Martin-Gropius-Bau sind 450 Fotografien aus 30 Jahren zu sehen, in denen sich Herlinde Koelbl längst den Ruf einer wichtigen Chronistin unserer Zeit erobert hat. Dabei fing alles ganz unspektakulär an: mit den eigenen Kindern, die Koelbl als vierfache Mutter zu fotografieren begann. Auf Bilder aus dieser Zeit stößt man in der Ausstellung ebenso wie auf Fotos aus dem Zyklus „Haare“ (2007) etwa, der zuletzt für großes Aufsehen sorgte. Denn auch hier ist schnell zu erkennen, was Herlinde Koelbl alles kann: haarscharf an Tabu- und Schamzonen entlang ihr Thema durchkämmen und es immer wieder neu auch zu erfinden – zwischen Intimrasuren und kahlen Köpfen, üppiger Lockenpracht und Haarwuchs an allen nur denkbaren Körperstellen, selbst jenen, die nach gängigen Schönheitsidealen glatte Haut nur zeigen sollen. Aber Glätte ist nicht ganz das, was Herlinde Koelbls Neugierde anspornt. Und wenn doch, dann höchstens, um den gut frisierten Augenblick auch herauszufordern – und hinter seine Fassaden zu blicken. 

 

„Herlinde Koelbl. Fotografien 1976–2009“
Ausstellung 
im Berliner Martin-Gropius-Bau
noch bis 1. November 2009

 

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Bildnachweise:

1. Haare, München 2007. © Herlinde Koelbl

2. Schlafzimmer, London 2000. © Herlinde Koelbl

3. Gummitwist, München 1976. © Herlinde Koelbl