Wissenswertes

Mehr denn je, aber immer noch nicht genug

Drei Menschen pro Tag, die es nicht von der Warteliste für eine Organtransplantation in den OP schaffen und deshalb sterben müssen - das ist zuviel. Trotzdem: Die Bereitschaft zur Organspende ist so hoch wie nie.

Von: Carola Thurow, Fotos: stock.xchng und photocase.com

vom 16.02.07

2254 Nieren, 971 Lebern, 412 Herzen, 253 Lungen und 141 Bauchspeicheldrüsen. Eine Bilanz, die sich zunächst mal sehen lassen kann und Grund zur Freude ist: Weil die Anzahl der transplantierten Organe damit 2006 einen Höchststand erreicht hat. Ebenso liegt die Zahl der Organspender höher denn je. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) meldete im Januar 2007, dass erstmals in Deutschland mehr als 4000 Organe verpflanzt worden konnten, und zwar weil 1259 Menschen nach dem Tod ihre Organe gespendet hatten. Da oft mehr als nur ein Organ entnommen wird, liegt die Zahl der transplantierten Organe deutlich höher als die der Spender. Dazu kommen noch Organe, die über den Eurotransplant-Verbund nach Dringlichkeit und Gewebeverträglichkeit vermittelt werden.

 

Trotzdem ist das nicht gut genug. Deutschland liegt mit ca. 15 Organspendern pro eine Million Einwohner im europäischen Vergleich im unteren Bereich. Rund 11500 Patienten warten bundesweit auf eine Organtransplantation, und täglich sterben drei Patienten, die auf der Warteliste stehen. Erst durch die Meldung eines Spenders wird eine Organ- oder Gewebetransplantation möglich, und nur so wird erreicht, dass einem Schwerkranken von der Warteliste die Chance auf ein annähernd normales Leben gegeben wird.

 

Dreh- und Angelpunkt ist der Organspendeausweis. Nur 12 % der Bürger besitzen einen. Es könnten wesentlich mehr sein. Aber wie gelingt es, das brachliegende Potential besser auszuschöpfen? Eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2001 zeigt, dass die Mehrheit der Deutschen mit dem Gedanken an den Tod nicht konfrontiert werden will. 67 % der Befragten haben sich wenig oder überhaupt nicht mit dem Thema beschäftigt. Ermutigend ist allerdings, dass von den 33 %, die sich intensiv damit auseinandergesetzt haben, ganze 67 % grundsätzlich damit einverstanden sind, dass ihnen nach ihrem Tod Organe entnommen werden.

 

Organspende scheint ein Tabuthema zu sein. Das macht es dann auch für die Verwandten doppelt schwer. Es werden im Falle des Todes die Angehörigen, die sich schon mit dem meist plötzlichen Verlust eines oft noch jungen Menschen auseinandersetzen müssen, zusätzlich mit der Frage zur Entnahme von Organen konfrontiert. Auf diese Weise werden sie sowohl bei einer Zustimmung als auch bei einer Ablehnung zum Sprachrohr des Verstorbenen. Diese sehr schwere und manchmal kaum zumutbare Last der Entscheidung kann den Angehörigen nur abgenommen werden, wenn der Verstorbene sie selbst zuvor schriftlich (z.B. durch einen Organspendeausweis) oder mündlich getroffen hat. Aber selbst zu Lebzeiten diese Entscheidung zu fällen, setzt voraus, sich mit dieser Materie zu beschäftigen.

Außerdem  gibt es noch eine Menge von Ängsten, die mit dem Thema Organspende verbunden sind. Aufklärung tut Not zum Beispiel darüber, dass in Deutschland die Entnahme von Organen und Geweben bei einem Hirntoten gesetzlich durch das Transplantationsgesetz geregelt ist.

Es ist wichtig zu wissen, dass ein Mensch heute von zwei Medizinern, die nichts mit der Transplantation zu tun haben, unabhängig voneinander als hirntot erklärt werden muss, bevor an eine Organentnahme zu denken ist. Als hirntot wird ein Mensch betrachtet, dessen gesamte Hirnfunktion trotz künstlicher Beamtung irreversibel erloschen ist. Aus verschiedenen, in dem Gesetz geregelten Bedingungen ist bei uns ein Missbrauch,wie in anderen Teilen der Welt damit ausgeschlossen. Immer noch fürchten viele Menschen mit Organspendeausweis als Ersatzteillager betrachtet und frühzeitig für tot erklärt zu werden. Diese Furcht ist bei uns völlig unbegründet.

 

Der Schlüssel zu einer Steigerung der Bereitschaft zur Organspende liegt in der breiten Aufklärung und im Verhalten der Ärzte in den Krankenhäusern. Viele Spenderorgane gehen verloren, weil in den meisten Fällen keine schriftliche Erklärung des Verstorbenen vorliegt bzw. nach dem Tod im Krankenhaus über eine mögliche Organentnahme bei Verstorbenen nicht nachgedacht oder geredet wird.

 

So sind Einfühlungsvermögen, Zuwendung, Bereitschaft und vor allem die Zeit gefordert, die sich Ärzte, Schwestern und Seel- sorger in den Krankenhäusern nehmen müssen, um mit den Angehörigen sensibel dieses Thema zu besprechen. Für so ein Verhalten erhielten Ende 2006 drei norddeutsche Krankenhäuser eine Auszeichnung. Mit Würdigungen dieser Art soll das besondere Bemühen intensivmedizinischer Teams öffentlich anerkannt werden. „Medizinisch gesehen ist es möglich, den Anteil der Spenderorgane auf vierzig bis fünfzig pro Million Einwohner zu bringen, daran erinnern wir die Klinikärzte,“ erklärt Prof. Dr. Günter Kirste (Vorstand der DSO).

 

Übrigens verlangen die Australier bei der Aushändigung des Führerscheins eine Antwort auf die Frage: „Organspende, ja oder nein?“, was dann auf dem Dokument vermerkt wird.

 

Das zentrale Handikap für eine höhere Akzeptanz ist vermutlich, dass heute Organspende immer noch hauptsächlich mit Tod in Verbindung gebracht  wird. Dass sie in Wahrheit aber Leben bedeutet, an dieser Einsicht muss noch intensiv gearbeitet werden.