Cool Tour

Miss Amerika reloaded

„Das gibt's doch nicht,“ ist für Gayle Tufts „ein wunderschöner deutscher Satz“. Ist der Deutsche tatsächlich das, wofür er gehalten wird – nämlich kompliziert und humorlos? Und falls ja, ist das schlecht? Wenn sich jemand auskennt mit den Klischees über die Deutschen, dann die amerikanische Entertainerin, die seit fast 20 Jahren in Berlin lebt: Sie hat den Vergleich.

GAYLE TUFTS, geboren 1960 in Brockton/Massachusetts, ist Autorin, Sängerin und Stand-up-Comedian. Seit 1991 lebt sie in Berlin, ist Erfinderin des „Dinglish“, einer wunderbar komischen Mischung aus Deutsch und Englisch, und begeistert mit ihren selbst produzierten Bühnenshows, Gastrollen in Musicals und Theaterstücken. Sie gilt als eine der witzigsten Beobachterinnen deutsch-amerikanischer Verhältnisse und hat darüber inzwischen auch schon zwei Bücher geschrieben: „Absolutely Unterwegs – Eine Amerikanerin in Berlin“ und zuletzt „MISS AMERIKA“. Gerade ist sie mit ihrer Performance  „Miss Amerika reloaded“auch hier und da zu erleben.

Mit welchen Klischees von den Deutschen kamen Sie in dieses Land?

Die Amerikaner sagen, die Deutschen sind furchtbar ernsthaft, pünktlich, humorlos und kalt. Allerdings viele Deutsche, die ich kenne, in meinem Leben hier, die sind ein bisschen anders. Und ich mag diese Ernsthaftigkeit auch irgendwie. Die Neigung dazu hatte ich selbst schon immer. Als ich ein Kind war, habe ich mich so seltsam in Amerika und in meiner Familie gefühlt; ich komme aus einer ganz normalen Arbeiterfamilie, Mutter Supermarktkassiererin, Vater Barkeeper – und dann ich als Nachdenkerin!

 

Das war schwierig. Andererseits, um auch gleich noch mal mit dem Klischee des oberflächlichen Amerika aufzuräumen: Amerika ist ja nicht nur das Land von Burger King und Julia Roberts, wir sind auch das Land von John Updike, Andy Warhol, John Steinbeck und Martin Luther King. Aber mir tat das hier in Deutschland gut, diese Ernsthaftigkeit, und dazu ich mit meiner amerikanischen Leichtigkeit und dem Humor.

Wie war Deutschland beim ersten Mal?

Das war 1985, da habe ich gesehen, auf der Bühne oder im Fernsehen, wenn Frauen witzig waren, dann traten sie mit Perücken auf, geschminkt als Putzfrauen, oder Männer verkleideten sich als Frauen. Aber einfach so ein normaler Charakter, der gesungen hat, wie in unserer Tradition Barbra Streisand oder Liza Minelli, das gab’s hier nicht. Ich dachte, da gibt’s eine Marktlücke für mich. Überhaupt hatte ich ein bisschen Angst. Wir lebten ja mit diesem schrecklichen Hollywood-Nazi-Klischee, die Deutschen erschienen uns entweder als Hollywood-Nazis oder Kalte Krieger.

 

Als ich zum ersten Mal mit dem Zug nach Berlin kam, sah ich gleich Grenzkontrollen, Schäferhunde und Maschinengewehre – es war wie im Film. Und dann diese Sprache, die ich überhaupt nicht konnte und die so hart klingt wie ein Maschinengewehr: Rattrattrattdamdam! Okay, es war nicht Timbuktu oder Bangladesh, aber schon eine andere Welt. Eine SO-IST-DAS-KULTUR, in Deutschland heißt es immer: So ist das! So macht man das!

 

Und ich habe gedacht: Häh? Andererseits habe ich gewusst, das ist das Land der ernsthaften, strengen Denker. Aber diese romantische Seite, die Caspar-David-Friedrich-Seite, die ihr Deutschen ja auch in euch habt, die habe ich erst später erkannt. Diese deutsche Seele – sehr schön!

Sind Sie in Deutschland geblieben, weil Sie die Klischees bestätigt fanden oder eben gerade nicht?

Die ersten Jahre dachte ich, ich gehöre überhaupt nicht hierhin. Ich pass nicht in dieses deutsche Schema. Dieses ständige DAS GEHT DOCH NICHT. Jemand hat mir damals, als ich nach Deutschland gegangen bin, gesagt, die erste Antwort auf alle Fragen, die du stellst, ist: Nee, nee, geht nicht. „Kann mein Kleid in drei Tagen gereinigt werden?“ – „Nein!“ – „Aber ich brauch das am Wochenende.“ – „Geht nicht!“ Es war schwierig, am Anfang wollte ich heulen, ich bin heute noch manchmal erschöpft. Andererseits versuchen die Deutschen, solide zu sein. Wenn ein Deutscher sagt, er macht etwas, dann macht er das auch. Sehr effizient.


Ich habe zunächst auch nicht realisiert, wie vielfältig Deutschland ist – ein Bayer ist nicht wie ein Berliner, das haben ja viele Amerikaner im Kopf, diese dirndltragenden, dickbusigen, blonden Frauen. Dann wieder hatte ich das Gefühl, ich lerne ganz andere Seiten von Deutschland kennen, und wenn ich dann zurückgegangen bin nach Amerika, in die Klischees dort, die mich geprägt haben, wenn mich da auf einmal wieder weltfremde Leute umarmten, dann dachte ich: Umarm mich nicht! Wer bist du denn? Wer sind SIE denn? Es war mir zu laut, zu schnell, zu konsumorientiert und eben alles andere als nachdenklich. Und dann diese prüden Amerikaner, die nicht mal normal über einen Blow Job sprechen können!

Der Deutsche ist tatsächlich anders als der Ami?

Der Deutsche ist viel „fester“. Für Amerikaner ist es völlig normal, dass sie im Laufe ihres Lebens fünf, sechs Häuser kaufen, dann wieder verkaufen, wieder kaufen und so weiter. Man sagt, ach, ich brauche einen neuen Job, okay, ich gehe von Boston nach Wyoming. Hier die Reaktion, wenn jemand nur von Bremen nach Buxtehude ziehen soll – ohhhhh, nee!


Amerikaner können sich viel besser anpassen, sie sind ein bisschen wie Woody Allens Zeelig, man sagt schnell mal, okay, ich wechsle meine Identität. Typisch amerikanisch – das Selbstwertgefühl ist sehr niedrig. Die Deutschen dagegen sind fest, haben Wurzeln, und wissen immer WIE MAN ES MACHT, WIE ES RICHTIG IST.


Mein Mann zum Beispiel ist Norddeutscher, der sagt, wenn er im Keller meiner Schwester steht: „Die Bausubstanz ist ganz schlecht! Was haben die dafür bezahlt? Das gibt’s doch nicht!“ I love that. Ein wunderschöner deutscher Satz: „Das gibt’s doch nicht!“ Ein Amerikaner würde so was nie sagen, zumal nicht mit dieser Überzeugung. Amerikaner sind optimistisch. Manchmal total grundlos, das kann dann auch gefährlich sein, siehe Irak-Krieg: Wir gehen da rein, und die werden uns lieben!

Von einem Deutschen, der nach Amerika ausgewandert ist, habe ich mal folgende These gehört: Zunächst ist man von den Klischees, mit denen man konfrontiert wird, völlig irritiert, dann gewöhnt man sich dran und merkt, es gibt hinter diesen Klischees tatsächlich noch ein anderes Leben. Und schließlich, wenn man lange Jahre in einer anderen Kultur zugebracht hat, beginnt man sich wieder nach der „alten Heimat“ und den Gewohnheiten zu sehnen, mit denen man großgeworden ist.

Mir hat jemand gesagt, nach zwei Jahren in einem anderen Land zweifelt man. Dann nach sieben Jahren und schließlich nach 15 Jahren. Ich bin jetzt über 15 Jahre in Deutschland, ich bin an einem Punkt, an dem ich denke: Die Deutschen sind wirklich so, ich kann die nicht auswechseln, oh my god! Das ist ein bisschen wie in einer Liebesbeziehung – du bist zusammen mit jemandem, denkst, ach, der ist sehr nett, aber irgendwann werde ich es schaffen, ihm auch seine unangenehmen Seiten abzugewöhnen.
Aber you never change it!

Haben sich die Klischees über die Deutschen in den letzten Jahren nicht trotzdem ein wenig verändert?

Spätestens mit der WM seid ihr das freundliche, nette Deutschland, klar. Es gibt eine neue Generation, die ist nicht weltfremd, die weiß, es gibt eine große Welt da draußen. Aber was ist der Deutsche? Ein besoffener Ballermann? – Nee. Ein konsumorientierter Instant-Celebrity wie Verona Pooth, die neue Dummheit? Das ist auch nicht besonders deutsch.

Deutsch sein heißt: Angst haben. Niemand reagiert zum Beispiel so hysterisch auf den Klimawandel wie die Deutschen. Und dann wollen wir auch gleich wieder total perfekt sein und mindestens die Vorreiterrolle in der Bewältigung der Klimakatastrophe übernehmen.

Gott sei Dank, ich finde das gut. Ihr seid klug. Allerdings auch kompliziert. Deutschland ist kompliziert, beim Geschäftemachen, bei Gesundheitsreform, Migrationspolitik. Jede ausländische Frau wird sagen, eine Beziehung mit einem deutschen Mann ist kompliziert!

Ach.

Ihr denkt so viel nach.

Wirklich?


Es fällt euch so schwer zu sagen: I love you so much.

Ich dachte, das sei ein männliches Problem überhaupt. Nicht ein spezifisch deutsches.

Sowieso, aber plus deutsch! Ich habe einen deutschen Mann und bin dankbar dafür. Ich erwarte aber keine tiefsinnige Romantik mehr, so ein spontanes „Hey baby, let’s go to Paris this weekend!“. Dafür bin ich zuständig.

Die Süddeutsche Zeitung hat Sie mal „die vielleicht beste deutsche Entertainerin“ genannt. Wie „unterhält“ man so erfolgreich grüblerische, komplizierte Muffelköpfe?

Man hat Knowhow. Im Entertainment. Wir können vieles nicht so gut wie ihr, aber Entertainment können wir besser! Diese gute alte Tradition in Amerika: Geh raus auf die Bühne und zeige es den Leuten, das habe ich. Dann ist es so, dass man hier schauspielt oder tanzt oder Musik macht. Ich habe alles zusammen studiert. Kaum jemand macht das. Manche sagen, ich sei die deutsche Bette Midler – why not? Ältere Hausfrauen sollen mich genauso verstehen wie junge Schwule.

Dass Comedy und Entertainment so salonfähig geworden sind, ist das ein Zeichen dafür, dass die Deutschen lockerer werden?

Ich denke, die Deutschen kommen zurück zu ihren Wurzeln. Vor dem Zweiten Weltkrieg war ja Berlin eine der Entertainment-Hauptstädte der Welt. Max Reinhardt, Admiralspalast, das kennt jeder. Neulich hat mir jemand ein Buch über Schöneberg (Stadtteil Berlins – d.R.) geschenkt, da habe ich zum Beispiel erfahren, dass die ganze Martin-Luther-Straße voll war mit Eislaufbahnen, einem Schwimmbad, Theatern und einem Café für 1000 Leute! Wow. I mean, es gab zu dieser Zeit schon Stegreif-Theater, was ja so was Ähnliches wie Stand-up-Comedy ist. Vor dem Dritten Reich, vor dem Holocaust. Wenn wir also den witzlosen, humorlosen Deutschen beklagen, dann muss man darüber nachdenken.

 

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Andreas Lehmann arbeitet als Redakteur beim „Magazin“, wo der vorliegende Text zuerst erschien. Das aktuelle „Magazin“-Heft zum Thema „Geheime Leidenschaften“ finden Sie noch bis zum Ende des Monats am Kiosk oder auch hier.

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