Starke Frauen

„Mist, die ist echt so was von gut!“

Sie schreiben Songs, die aufhorchen lassen. In einer Stadt, die vor kreativem Output nur so brummt. Wie verschafft man sich als junge Musikerin auf einer Berliner Bühne Gehör – und auch anderswo? K.C. McKanzie und Julia A. Noack machen es vor.

Von: Gabriela Häfner, Fotos: René Marty, Joe Budinsky, Claudius Holzwarth

vom 27.03.07

 

Wollt ihr wissen, wie ich Julia kennen gelernt habe?“ K.C. McKanzie hat einen Bühnencharme, der vom Hocker holen kann. Vergnügt blinzelt sie ins Publikum. Vorfreude pur. Die Musikerin weiß nämlich, was gleich passieren wird. Gleich wird es poltern. Lautstark.

 

Ein Abend im „Oxident“, einem kleinen Berliner Club.

K.C. McKanzie und Julia A. Noack werden an diesem Abend nacheinander zu erleben sein – was eher selten der Fall ist. Da ist viel, was die beiden Sängerinnen und Gitarristinnen verbindet. Aber auch wieder nicht so viel, dass man verzichten möchte – auf die ganz eigene Show und einen kleinen Funken Rivalität, der pointiert in Szene gesetzt wird.

 

Mit dieser Geschichte von der Country-Messe im vergangenen Jahr nämlich, die gerade erzählt wird. Die beiden Frauen lernten sich auf dieser Messe kennen – und passten mit ihrer Musik beide nicht so recht in das übliche Muster. „Country – dieses Wort lasse ich nur ungern fallen, wenn ich nach musikalischen Impulsen gefragt werde", gesteht K.C. in einem Gespräch nach ihrem Auftritt. Schließlich gäbe es Bands wie „Truck Stop“. Und für so jemanden wie K.C. machen die nicht Musik – sondern Volksfest.

 

Dagegen macht K.C. McKanzie in der Tat etwas ganz anderes. Sie schreibt Songs, die viel mit Folk und Bluegrass zu tun haben und doch immer bei sich und ganz eigentümlich bleiben, mit spröder Poesie, filigranen Arrangements und Melancholie in den Untertönen. Lieder, die eine Nähe suchen zu ferneren Zeiten, Landschaften und auch fern liegenden Geschichten. "Wash his clothes, wash his body", singt McKanzie in dem Stück "His Whore“, das sich wagemutig an ein Rollenbild voller Projektionen und Klischees herantraut. Aber aufgelöst wird in den Liedern von K.C. nur wenig. Spannungsbögen werden vielmehr gehalten, in den Harmonien oder auch in den narrativen Mustern. Nur manchmal bricht dann doch etwas durch, das nicht mehr nach fremdem Stoff, sondern auch vertrauter Erfahrung klingt: "Wash his clothes, wash his body", so wird gesungen und zugleich bitter geahnt: "Some things never dry“.

 

Eher ungewöhnlich verarbeitet auch Julia A. Noack Einflüsse und Eindrücke, die vom amerikanischen Songwriting herkommen. Zwischen Folk, Alternative Country und Rock/Pop bewegt sie sich so einfallsreich wie ihre Kollegin – wenn auch weniger puristisch. Wohin das führt? Zu schönen Melodien, einem kräftigen Sound und Texten, die von Beziehungen erzählen. Oder von einem Türspalt, der trennt und umkämpft wird, wie in dem Song "To leave the door ajar".   

 

Das alles lässt aufhorchen. Und provoziert insbesondere bei McKanzie, die gerade ihr zweites Album „The Widow Tries To Hide“ veröffentlicht hat, immer wieder Vergleiche. Sie erinnere an die junge Suzanne Vega, so meinen viele. „Dies könnte Berlins Natalie Merchant sein!“ begeistern sich andere. Aber das darf man wohl nicht schreiben. Schreiben darf man vermutlich nur über Stimmen, die da ganz lakonisch feststellen: „Diese Dame aus Berlin wird ihren Weg machen!“

 

Ich frage nach. Wie so ein Weg eigentlich aussieht? Und dabei erfahre ich vieles über Leute, denen man auf die Schulter tippen muss, über Festivalprogramme und Radiosendungen und über stapelweise Briefumschläge, in die man Demobänder eintütet – auf dass auch der nächste Tag einen Gig bringe. Vor womöglich wenig Publikum?

 

„In Berlin ist es in der Tat sehr schwer, das Publikum zu halten“, meint K.C. „Die Leute haben uns immer mal wieder vor der eigenen Haustür. Und sehr viel anderes Abendprogramm schließlich auch!“ Mit Festgagen könne man in dieser Stadt deshalb auch eher selten rechnen, häufig müsste auf Eintritt gespielt werden. Auswärts dagegen sei vieles anders, und die Leute seien oft auch viel neugieriger und griffen besser zu, wo CDs und Demoscheiben zum Verkauf stünden. Diesen „Auswärtsfaktor“ in der eigenen Bandkasse konnte K.C. gerade auch auf einer zehntägigen Tournee durch die Niederlande verbuchen, von der sie noch immer schwärmt. Die Leute dort hätten ein ganz anderes Verständnis für die musikalischen Facetten, zu denen Folk und Country inspirieren könnten.

 

Mit Tourplanungen muss Julia A. Noack dagegen gerade kürzer treten. Im Mai dieses Jahres will sie ihr erstes Album herausbringen. Und da ist etwas mehr Sesshaftigkeit gefragt als bisher. Songwriterin werden – das wollte Julia schon als 20-Jährige, als sie im Anschluss an eine Zeit als Au-pair durch die Clubs und Bars von Paris tingelte. Mit Coverversionen und ersten eigenen Songs. Julia amüsiert sich heute über das Mädchen von früher. Ein halbes Jahr Zeit habe sie sich gegeben, um Erfolg zu haben! „Das war natürlich viel zu wenig, noch dazu in dem Alter“.

 

Vor einem Jahr fiel dann der Entschluss, der bis dahin eher vage Idee gewesen war – nach Berlin zu gehen, um noch einmal konzentrierter an der eigenen Musik zu arbeiten. Ursprünglich kommt Julia A. Noack nämlich aus dem Rheinland, doch der Sprung in die andere Stadt fiel ihr gar nicht schwer, nachdem die letzten kleinen Unwägbarkeiten aus dem Weg geräumt waren. Das mit dem fehlenden Mikrofonkabel zum Beispiel. Gekicher. „Sag mal, Julia. Glaubst du nicht auch, dass zur Not so ein Mikrofonkabel auch in Berlin zu bekommen ist?“ hätte ein guter Freund nachgefragt. Und dann ging alles sehr schnell.

 

 

Während Julia A. Noack und K.C. McKanzie erzählen, fällt mir die Rubrik ein, für die ich eigentlich schreiben wollte. Starke Frauen? Meine Fragen erleiden Schiffbruch. „Auch Mädels mögen an E-Gitarrensaiten zerren!" feixt McKanzie. Und was das männliche Publikum angehe – da könne so leicht nichts irritieren. Klar, als Frau auf der Bühne ziehe man vermutlich immer auch männliche Projektionen auf sich. „Aber deshalb schicke ich die Jungs doch nicht gleich wieder nach Hause!“ Und auch Julia bleibt gelassen: „Ich gucke mir schließlich auch gerne Männer an!“

 

 

Und die Begleitmusiker? Wie etwa Joe Budinsky, der in dem Bandduo von K.C. McKanzie Banjo und Bass spielt und auch mit Erfahrungen aus eigenen Musikprojekten voranbringt. Ein Partner und Gegenspieler, auf den sie nicht verzichten möchte, wie K.C. meint.

 

Bliebe also nur noch zu klären, wie K.C. McKanzie und Julia A. Noack sich kennen lernten. Das war also auf der Country-Messe im vergangenen Jahr, auf der K.C. auch selbst einen Gig hatte. Julia tauchte nach dem Auftritt auf und wollte eine CD kaufen. "Schön!" Aber dann zauberte Julia ein Demoband mit eigenen Songs aus der Tasche: Man sollte vielleicht bei Gelegenheit einmal zusammen spielen? Nicht mehr „schön“ sondern „shit“ habe K.C. da gedacht.

 

Wir sind im „Oxident“, auf der Bühne strahlt jemand und von woanders her hört man Julia, die sich beschwert – laut und polternd. Und K.C. muss besänftigen: Sie habe sich diese Scheibe später angehört. Und da war dieser Moment, in dem sie wieder fluchen musste: "Mist, die ist echt so was von gut. Mit der muss ich unbedingt etwas zusammen machen. Sonst machen es andere!"

 

 

Also doch, „starke Frauen“.