Starke Frauen

Mit jedem Jahr besser

Doris Schade ist eine der Grande Dames des Film und Fernsehens. Wir alle kennen sie. Und dennoch nehmen wir sie häufig gar nicht so sehr wahr. Vermutlich weil eine ihrer Stärken ist, sich zurückzunehmen und den Figuren, die sie verkörpert, das Rampenlicht zu überlassen.

Von: Bärbel Kerber, Foto: Filmplakat „Die wilden Hühner“, constantin film

vom 05.12.06

Sie kennen Sie nicht? Doch, vielleicht, ohne es zu wissen. Sie spielte in „Die wilden Hühner“, in „Rosenstrasse“, in „Jenseits der Stille“ und unzähligen Fernsehserien wie SOKO, Tatort odser Polizeiruf 110. Das Theater war und ist ihre Leidenschaft. Und weil hier kein Platz wäre, alle Rollen zu nennen, verweisen wir auf ihren Lebenslauf hier.

 

Theodor Frey, der einmal ein Porträt über Doris Schade zu ihrem 80. Geburtstag verfasste, beschreibt in seiner „Liebeserklärung an Doris Schade“ ein Gespräch mit ihr, in dem sie darlegt, was sie übers Sterben denkt: "…Am Theater ist man ohnehin ständig konfrontiert mit Sterben und Gestorben werden. Stirb und Werde ist ja jeden Tag." Ein kurzes Bedenken, dann: "Besser ist: Werde und Stirb. Oder?" Wer Doris Schade mehrmals in der selben Aufführung gesehen hat - zum Beispiel als Maria in "Was ihr wollt" oder als Claudia Galotti, als Merteuil in "Quartett" - weiß, dass diese Schauspielerin, die so präzis mit Valeurs und Tempi, mit Tonhöhe und Körpergestus umgeht, auf das Spiel der anderen eingeht und an ihrer Darstellung feilt, die Rolle an jedem Abend annimmt mit diesem Credo: Werde und stirb…“

 

Sie begnügt sich nicht mit Theaterspielen und Auftritten in Fernseh- und Kinofilmen. Unermüdlich engagiert sie sich zudem als Sprecherin in Hörbüchern oder auf Lesungen. Wer das Glück hat, sie „live“ zu erleben, kann nicht anders, als begeistert sein. Und wundert sich, woher sie ihre Kraft und Lust an der Arbeit nimmt in – ja, darf man das sagen – in ihrem Alter. Wer sich näher mit ihr befasst, kommt nicht umhin, sich die Frage zu stellen, was wir im Alter von uns selbst erwarten, wieviel wir uns selbst abverlangen würden.

 

Erst neulich hat sie sich über die Schauspielerei, das Älterwerden und das Leben im allgemeinen geäußert und das in einer ausgesprochen interessanten Dreier-Frauenrunde bei „brigitte-woman“ - (Heft, Ausgabe 12/2006) und zwar im Gespräch mit Barabara Auer und Gisela Schneeberger.

 

„Ich habe das Gretchen noch mit 38 gespielt, weil ich so jung aussah. Früher hat man nicht in den Klammern hinter den Namen das Alter geschrieben. Es gab Kolleginnen, die hatten mit 25 schon die älteren Mütter-Rollen. Weil sie vom Typ her passten. Wenn man in Klammern im Programmheft geschrieben hätte ‚Doris Schade (25)’, dann hätten doch alle gedacht: Das kann sie doch gar nicht können.“

 

"Je älter ich wurde, desto höher wurden meine Ansprüche an mich selbst. Das macht die Erfahrung. Oft denke ich selbstkritisch: Das schaffst du nicht mehr. Obwohl ich weiß, wie es zu machen wäre…."

 

Ihre schönste Erkenntnis ziert hier unseren Schluß. „Jedes Mal, wenn man in einer Rolle auf die Bühne geht, ist das wie Werden und Sterben. Abend für Abend. Das ist anstrengend. Aber es ist auch Leben.“Wer kann sich solcher "Alters-"Weisheit entziehen? Wer wünscht sich nicht auch, mit 83 derart vitale Teilhabe?