Starke Frauen

Mit neuem Spieltrieb

Sie fühle sich gelassener denn je, sagt Ani DiFranco. Aber was heißt das schon, bei einem so explosiven Temperament wie ihrem? Früher schrieb die Folk-Sängerin in Punkstiefeln pausenlos neue Songs, heute lässt sich Ani etwas mehr Zeit – auch für ihre neue Rolle als Mutter. Deswegen aber hat das Album „Red Letter Year“, das nun zuletzt erschien, nicht automatisch weniger Watt Energie.

Über Ani DiFranco kann man eigentlich nichts wirklich Neues sagen. Wer die Independent-Musikerin kennt, der weiß, wofür ihr Name heute im Plattengeschäft steht: für eine geradezu provozierende Treue zu sich selbst. Mag sein: Das ist keine Tugend, mit der man sich ständig neu ins Gespräch bringen kann – aber Ani hat eben gerade das auch gar nicht nötig. 

Bereits früh suchte die Musikerin sich nämlich einen Weg, um sich von kommerziellen Strukturen und Verkaufslogiken möglichst unabhängig zu machen. Statt mit Songs an die Türen von Leuten zu klopfen, die Plattenverträge verteilen, gründete Ani, gerade einmal 19-jährig, lieber ein kleines Label selbst: Righteous Babe Records – der Name ihrer Plattenfirma ist noch heute, nach mittlerweile Millionen erfolgreich verkaufter Alben der Songschreiberin, Programm, und ein alternatives noch dazu.  

Denn was macht ein „rechtschaffenes Babe“ wohl aus? Richtig, es lebt natürlich, ähnlich wie Frau DiFranco, nicht nur vom lieben Geld allein, sondern genau so von einer Überzeugung: Die „New York Times“ nannte Ani einmal das „Ein-Frau-Stadterneuerungsprojekt“ für Buffalo, der Heimatstadt der Sängerin also, in der auch Righteous Babe Records seinen Sitz hat. Mittlerweile arbeiten rund 15 Leute für das Unternehmen, von dessen Geschäfte auch der Ort, so heißt es, gut profitiere. Ani nämlich denkt zwar global – aber eben auch mit Vorliebe für lokale Alternativen. Und so ist die enge Zusammenarbeit mit ansässigen Druckereien, Graphikern, Fotografen und anderen Gewerbetreibern in Buffallo für sie ganz selbstverständlich.

Aber auch dieses politische Denken und Handeln ist nur eine Facette im Bild der Musikerin. Nie scheute sie sich, den Mund aufzumachen, sei es für Frauenrechte oder gegen kriegstreiberische Töne in der amerikanischen Politik. Nie aber auch ließ sie sich vor den Karren spannen – und schon gar nicht musikalisch. „Wenn Folk eine Zukunft hat, dann heißt sie Ani DiFranco!“ jubelte einst ein Kritiker. Daran stimmte zumindest, dass Ani vom Folk herkam. Für dessen gängigen Stiefel war sie aber immer schon eine Nummer zu groß. 

Ob es nun Rock oder Funk ist, was diese Frau da auf ihren Gitarrensaiten so zelebriert, und egal ob nun Ani mit kahl geschorenem Kopf auftritt, wie einst noch, oder mit wilden Dreadlocks über die Bühne wirbelt – längst hat das Rätseln, in welche Ecke dieses musikalische Powerpaket eigentlich gehört, ein Ende. Heute nämlich steht fest: DiFranco spielt einfach in einer Liga für sich. Und das macht sie so, dass man immer wieder Lust bekommt, ihr zuzuhören: ihren schrägen Pickings und oft sprödem Sound, ihren ebenso persönlichen wie hochgradig politischen Texten auch und natürlich ihrer Stimme, die so verblüffend instrumental in Melodien eingreifen kann, wie man es eher selten geboten bekommt.  

Früher veröffentlichte Ani ihre Platten so, wie andere Leute ihren Geburtstag feiern – im Jahresrhythmus. Zuletzt aber ließ sie sich zwei Jahre Zeit, um an dem Album „Red Letter Year“ zu arbeiten, das im vergangenen Herbst herauskam. Der Grund dafür: Ani Di Franco ist inzwischen Mutter geworden. Im Januar 2007 kam ihre Tochter Petah Lucia zur Welt, und mit ihr hat das Leben der Songwriterin sich zwar nicht gewendet, aber doch noch einmal eine andere Gangart bekommen:

„I think I sorely needed to be slowed down, and finally a little person came along powerful enough to do it“, so heißt es in einem der Songs auf dem neuen Album, „and my baby, she teaches me how to just be in my skin, to do less and be more.“ Weniger tun, um mehr auch in sich ruhen zu können – kann man sich Ani DiFranco so überhaupt vorstellen? Diese Frau, die nicht nur in den letzten zwanzig Jahren mit schier unerschöpflich kreativem Output rund 25 Alben produzierte, sondern daneben auch noch unentwegt tourte, um auch da zu sein, wo Ani eigentlich am liebsten ist: nicht im Studio, sondern auf der Bühne? 

Man muss nur einmal Ani DiFranco live erlebt haben, um zu ahnen: Ani kann vermutlich gar nicht anders, als mit jedem Moment, in dem sie Luft holt und atmet, auch Musik zu machen. Und auch in  Interviews ließ die Songwriterin schon durchblicken, sie fühle sich zwar gelassener, aber eben doch auch voller neuer Energien, ihrem musikalischen Spieltrieb freien Lauf zu lassen. Oder wie Ani die Sache auf den Punkt bringt: „Being a mom seems to have changed the way the world sees me more than the other way round“.

Übrigens brachte Ani im vergangenen Jahr neben einer neuen Platte auch noch eine DVD mit einem Konzertabend außer der Reihe heraus: DiFranco hat nämlich inzwischen in Buffalo nicht mehr nur eine Firma, sondern sogar auch eine Kirche für sich. Im Herzen der Stadt rettete sie ein altes Gebäude, das kurz vor dem Abriss stand, indem sie es vollauf restaurieren ließ und ihm eine neue Funktion gab. Das Haus wurde zu einer hochmodernen Konzerthalle umgebaut, in der Ani zur Einweihung im September 2007 spielte. Der Abend ist auf der erwähnten DVD festgehalten. Und natürlich hat der neue Spielort, den Ani in Buffalo schuf, auch einen Namen, sogar einen, der unmittelbar einleuchtet: Ani taufte die Halle mit vertraut augenzwinkerndem Witz „Babeville“.