Fürs Auge

Modellsitzen war ihr zuwider

Eine Ehre, aber kein Vergnügen sei ihr die Ehe mit Max Liebermann gewesen. Das gab die Frau des lange verkannten und oft mürrischen Malerfürsten augenzwinkernd und rückblickend preis. Wer aber war Martha Liebermann? Eine Ausstellung in Berlin-Wannsee präsentiert "Lebensbilder“ – darunter auch ein Gemälde von Anders Zorn, dessen Geschichte auch ein Beispiel für einen verzweifelten Fluchtversuch aus Nazideutschland ist und von einem Kunsthandel, der grausam fehlschlug.

Jahrzehntelang hing dieses Ölbild Marthas, das Anders Zorn malte, in der Stadtvilla der Liebermanns, die am Pariser Platz gleich neben dem Brandenburger Tor lag. Max Liebermann hatte es in Auftrag gegeben – vermutlich auch aus privaten Motiven. Denn der Ehemann tat sich irgendwie schwer, das zu schaffen, was Zorn nun mit Leichtigkeit auf die Leinwand zauberte: das lebhafte Porträt einer Frau, die nicht nur Künstlergattin war, sondern auch ihre ganz eigene Rolle im Berliner Gesellschaftsleben um 1900 spielte.

Selbstsicher, aufgeschlossen, elegant – so begegnet einem Martha auf dem Gemälde von 1896. Ganz die Grande Dame und souveräne Gastgeberin, die in einem der vornehmsten Häuser Berlins auftrat, in dem für Weltoffenheit und über moderne Kunst viel gestritten wurde.

Das Bild, das heute dem Zorn-Museum im schwedischen Mora gehört, ist zurzeit in einer Ausstellung in der Liebermann-Villa am Wannsee zu sehen. Präsentiert werden hier "Lebensbilder" Marthas: einer Frau, die zwar über 50 Jahre an der Seite des berühmten Malers verbrachte, dennoch aber weit mehr als ein „Schattendasein“ führte, auch wenn davon heute nur wenig in Erinnerung geblieben ist.

In der Ausstellung gibt es zahlreiche Gemälde, Grafiken, Fotos und Briefe zu entdecken, die zum Teil erstmalig öffentlich gezeigt werden. Dabei laden die Exponate, die von Leihgebern aus Israel und der Schweiz, aus Schweden und den USA stammen, auch dazu ein, hier und da hinter die Kulissen zu blicken – etwa auf die kleinen Alltagskämpfe, die Max und Martha immer wieder zwischen Kunst und Leben auszutragen hatten.

Sie „war gewohnt, sich ohne Diplomatie offen über das auszusprechen, was ihr an diesem oder jenem neuen Werk nicht gefiel“, so beschrieb ein Zeitgenosse Marthas resolutes Temperament. Max wiederum malte sich Dinge oft sehr eigensinnig aus und neigte wohl ohnehin ein wenig zur Patriarchenlaune: „Die Frau ist nicht nur für den Lebenskampf da; sie soll Geistiges und Künstlerisches in sich aufnehmen, sie soll sich pflegen und sich schmücken und ein freundlich beglückendes Wesen, eine Augenweide sein“, so die überlieferte Ansicht des Mannes.

Nicht mit Martha! Sie soll es jedenfalls nicht besonders geschätzt haben, dass der Maler sich hin und wider auch seine Ehefrau zum Motiv nahm. Als „reizlose und hinfällige“ Person erscheine sie in den Bildern, die ihr Mann von ihr schaffe, beklagte sich Martha. Und in der Tat: Etwas farblos, oft ruhend, mit Buch in der Hand oder Enkel auf dem Schoß – so hat Max Liebermann seine Frau immer wieder verewigt. Doch wie viel in Marthas Leben erschöpfte sich wirklich in diesem Kontext von Familienleben und häuslicher Arbeit?

Anders Zorns Porträt, das eine ganz andere Martha Liebermann zeigt, weckt hier Ahnungen. Dass es im Mittelpunkt der Ausstellung steht, hat aber auch andere Gründe. Schließlich lassen sich mit dem Bild nicht nur Höhepunkte nachvollziehen, sondern auch schwere Zeiten. Und daneben auch Freundschaften, wie etwa die zwischen Zorn und Liebermann: Beide Maler hatten in ihren Karrieren mit den heftigen Aversionen zu kämpfen, die ein stockkonservatives deutsches Kulturmilieu um 1900 gegen alles pflegte, was „aus Paris“ kam – Licht, Luft und Leichtigkeit. Anders Zorn kam aus Schweden. Dennoch aber wehte natürlich auch in seinen Werken dieser „frische Wind“ von Frankreich her – vom Impressionismus, der Freilichtmalerei und der Moderne überhaupt. Max Liebermann muss es ein großes Vergnügen gewesen sein, Zorns Kunst in seiner Privatgalerie am Pariser Platz so manchem provokativ vor Augen zu halten.

Im Jahr 1943 aber wurde das Martha-Porträt dann nach Schweden verkauft – in einem Kunsthandel, der auch ein Licht auf die barbarischen Übergriffe und Repressalien wirft, die Martha Liebermann am Ende ihres Lebens in Hitler-Deutschland zu erdulden hatte. Nach dem Tod des Ehemannes im Jahr 1935 hatte sich die Künstlerwitwe immer wieder geweigert, an eine Ausreise zu denken. Die mittlerweile in die USA emigrierte Tochter Käthe drängte zwar unermüdlich. Aber die Mutter wollte nicht. Erst spät, viel zu spät sah sie die Gefahr und erkannte, dass es nicht „nur“ Grundstücke und Vermögen waren, an denen sich die Nazis vergriffen, sondern auch Menschenleben.

Das Haus am Brandenburger Tor und auch die Sommervilla am Wannsee, deren Garten Max Liebermann in aller Farbenpracht wieder und wieder gemalt hatte, waren ihr zu diesem Zeitpunkt schon geraubt worden. Nun sollte die Witwe des Künstlers eine „Reichsfluchtsteuer“ zahlen, um emigrieren zu dürfen. Alle Hoffnungen richteten sich auf das Zorn-Gemälde, das ein Freund der Familie nach Schweden schmuggeln  und verkaufen sollte. Zwar schien der Kunsthandel zunächst zu glücken, als es Baron Edgar von Uexküll gelang, das Kunstwerk unentdeckt (zusammengerollt in einem Wäschesack) über die Grenze zu bringen. Doch als das Geld vorlag, hatten die NS-Behörden schon wieder eine neue Schikane in petto – und die geforderte Lösegeldsumme für die nun schon 86-Jährige um ein Vielfaches heraufgesetzt.

Martha Liebermann sah nun keinen Ausweg mehr.

Als am 5. März die Gestapo vor der Tür steht, versucht sie, einer Deportation nach Theresienstadt zu entgehen und schluckt Schlaftabletten. An den Folgen der Überdosis stirbt sie wenige Tage später im Jüdischen Krankenhaus.


Ausstellung in der Liebermann-Villa am Wannsee:
Martha Liebermann (1857-1943) – „Lebensbilder“
Laufzeit: noch bis 25. Februar 2008


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Bildnachweise:

1. (und 4.) Anders Zorn: „Martha Liebermann“ (1896), Zornsamlingarna, Mora.
2. Max Liebermann, Skizzenbuch (1882 – 1886), Sammlung Würth.
3. Max Liebermann: „Großmutter und Enkelin“ (1922), Privatbesitz USA.