Reizthema

Moderne Zeiten

Vor genau 20 Jahren gab es mal eine Volkszählung in Deutschland, ich war damals noch ein kleines Kind, aber ich erinnere mich noch gut daran. Jeder regte sich darüber auf, überall klebten „Volkszählung NEIN DANKE!“-Aufkleber und niemand wollte es machen. Am Ende mussten es dann doch alle machen, weil die netten Volkszähler die Bürger auch zu Hause überraschten. Wer sich trotzdem weigerte, dem drohte ein Bußgeldverfahren. Ich erinnere mich, wie ich Menschen als ausgesprochen mutig und schon als fast leicht kriminell ansah, wenn sie mir erzählten, dass sie nicht die ganze wahre Wahrheit in den Fragebögen wiedergaben, sondern einfach irgendwas niederschrieben.

Von: Claudius Holzwarth, Fotos: photocase.de

vom 19.01.07

Heute ist alles anders. Heute gibt es keine Volkszählungen mehr. Jedenfalls keine, die so genannt wird. Die Bevölkerung wird ständig und überall und von allen möglichen Einrichtungen gezählt, eingeordnet und gelistet – jeder macht mehr oder weniger freiwillig mit und keiner regt sich mehr darüber auf.

 
Sie meinen, Sie machen da nicht mit? Sie haben doch bestimmt Internet, oder? Dann wissen Sie auch was Cookies sind? Cookies werden unter anderem dazu benutzt, Benutzerprofile über das Surfverhalten eines Benutzers zu erstellen.

 

Aber selbst wenn Sie es schaffen, die Cookies zu umgehen, so haben Sie doch sicherlich schon mal gegoogelt, oder? Was daran so schlimm sein soll? Abgesehen davon, dass Ihre Suchbegriffe und Ihre persönliche IP-Adresse für ca. 30 Jahre gespeichert werden, eigentlich nichts. Aber es wird einen Grund haben, warum die Bürgerrechtsgruppe Public Information Research Google 2003 in den USA für den Big Brother Award nominierte.

 

Das ist Ihnen alles egal? Sie haben gar kein Internet?

Aber Sie zahlen doch bestimmt manchmal mit Ihrer Kreditkarte.

Oder nehmen ab und zu an Gewinnspielen teil.

Geben Ihre PLZ an der Media-Markt-Kasse preis.

Sagen ja, wenn Sie am Telefon gefragt werden, ob Sie mal eben nur 5 Minuten Zeit haben, ein paar Fragen zu beantworten.

 

Das alles reicht eigentlich schon dafür aus, dass irgendwo irgendjemand ziemlich viel über Sie weiß. Kaufverhalten, Hobbys, Vorlieben usw.

 

Vor 20 Jahren hätte man laut geschrien, wenn jemand wissen wollte, wo man wohnt, was man macht, wie viel man verdient. Heute regt sich kein Mensch mehr darüber auf, wenn er diese Daten bei der Anmeldung auf der Chatseite eingeben muss, beim Registrieren des neuen MP3-Players oder wenn er einfach nur Musik irgendwo runterladen will…

Ich gebe zu, ich mache so was ständig ohne mit der Wimper zu zucken.

 

Gedanken machte ich mir allerdings in den letzten Tagen, als ich las, dass ALLE!!! deutschen Kreditkarten auf eine bestimme Überweisungssumme innerhalb eines bestimmten Zeitraums auf ein bestimmtes Zielkonto hin überprüft wurden.* Ja auch Ihre! Warum?

Grund war eine Fahndung gegen Kinderpornografie, was an sich ja eine gute Sache ist, doch hätte es eine vergleichbare Untersuchung in den 80er Jahren gegeben, wäre ganz Deutschland auf die Straße gegangen, hätte wild demonstriert und protestiert. Heute gibt es zwar wilde Diskussionen in unterschiedlichen Foren und Gästebüchern. Doch auf die Straße geht heute wegen sowas keiner mehr.

Langsam aber stetig wird die Bevölkerung daran gewöhnt, immer mehr von sich preis zugeben ohne nachzufragen.

 

 

Neulich las ich von einer Diskothek, in der Stammbesucher weder Bargeld noch Kreditkarte brauchen. Sie haben sich stattdessen einen kleinen Chip in die Haut pflanzen lassen, auf der die Bankverbindung gespeichert ist. Am Eingang des Clubs reicht es, seine Hand (oder Körperstelle, in welcher auch immer der Chip ist) an ein Lesegerät zu halten - schwupps und das Eintrittsgeld wird vom Konto abgebucht. Genauso ist es mit den Getränken.

 

Schöne neue Welt.

 

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* Der Spiegel berichtete am 8.Januar 2007:

Offenbar ließen sie [Staatsanwaltschaft und Beamte des Landeskriminalamtes Sachsen-Anhalt, Anmerkung der Red.] den Zahlungsverkehr aller deutschen Kreditkartenbesitzer daraufhin überprüfen, ob eine bestimmte Summe in einem festgelegten Zeitraum auf ein verdächtiges Konto im Ausland überwiesen worden ist. Sämtliche um Auskunft ersuchten Unternehmen der Kreditkartenwirtschaft kooperierten offenbar mit den Ermittlern und gaben die Daten ihrer verdächtigen Kunden preis“.