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"Muschiland"

Was hat eine Designervagina mit Freiheit zu tun? Wieviel oder wie wenig wissen wir eigentlich über die Vulva? Über aktuelle Modetrends im Genitalbereich.

“Der Körper ist sehr öffentlich geworden. Und zum ersten Mal unterliegt auch die Genitalzone einer Mode,” beschreibt Ulrike Helmer den “Eingriff der Schönheitsindustrie in die Slipregion”. Sexy zu sein, gilt als neue Pflicht. Und dafür scheint jedes Mittel recht. Eines der Motive, dieses Buch zu schreiben, war, so erzählt die Autorin in einem WDR-Interview, gerade junge Frauen darauf aufmerksam zu machen, dass sie stets selbst die Wahl haben: “Freiheit ist mehr!”

 

Optimierungsdruck bis unter die Gürtellinie

Sich wohl fühlen in der eigenen Haut, ist ein schwieriges Unterfangen geworden. Wir sind so darauf trainiert, uns selbst zu kontrollieren, uns mit den Augen anderer zu sehen, dass die Verbindung zu den eigenen Bedürfnissen und der ureigenen Sichtweise längst aus dem Blick verloren ging. Dies ist um so problematischer, weil dieser Anpassungsdruck nun gar bis unter die Gürtellinie reicht.


Es ist Ulrike Helmer ein echtes Anliegen, Frauen bewusst zu machen, wie stark sie heutzutage die Maßstäbe anderer (der Werbung, der Gesellschaft, der..) an ihren eigenen Körper anlegen, statt sich mit eigenen liebevollen Augen zu betrachten. Ist die Intimrasur oder -frisur wirklich eine “Befreiung” und wichtig für die eigene Sexyness? Oder ist es eher zum Muss geworden, ohne das ich mich in der Öffentlichkeit (Sauna, Umkleideraum beim Sport etc.) nicht mehr wohl fühle? Wo ist beim Piercing oder gar “designen” der Vulva mit operativen Mitteln eine selbst bestimmte und gewünschte Schmückung bzw. Verschönerung längst der Anpassung an Schönheitsideale gewichen? Wem wollen wir eigentlich damit näher kommen bzw. gefallen? Uns selbst oder einem in Medien, Filme und Öffentlichkeit produzierten und verbreiteten Bild, wie wir zu sein hätten? Ulrike Helmer möchte vor allem eines: dass Frauen die (Bestimmungs-)Hoheit über ihre Körper zurückgewinnen.

 

Genitalpiercing, Schamlippen-OP, Bikini Waxing

“Frauen sind natürlich frei, ihre Körperidentität zu entwerfen – aber woran orientieren sich ihre Entwürfe? Handelt es sich bei Brazilian Waxing, Intimpearcings, Schamlippenkorrekturen und was sonst noch inzwischen schleichend zur neuen Schönheitsnorm wird, nicht nur um Scheinfreiheiten?”, gibt Helmer kritisch im Bielefelder Magazin “weird” zu denken.

Dass wir von selbstbewusster Selbstbefreiung noch entfernt sind, zeigt sich auch im Buchtitel. Der Titel “Muschiland” ist nicht umsonst gewählt. Zeugt er doch von der Verunsicherung, die immer noch herrscht. Denn auch wenn nun endlich etwas konkret benannt wird, wo früher nur Sprachlosigkeit herrschte, ist der kindlich verschämte und verniedlichende Ausdruck “Muschi” nur vordergründig ein Fortschritt. Das Buch macht sich dafür stark, das schamhafte “Untenherum” durch selbstbewusste und lustvolle Begriffe zu ersetzen.

 

Körpergefühl statt Inszenierung

Hier kommt ein klares Plädoyer für eine uninszenierte, authentische Darstellung unserer Körper. “Muschiland” nährt ein gutes Körpergefühl und die Freude an dem, wie wir von der Natur gestaltet und ausgestattet wurden - auch und gerade in unserer intimsten Zone, der Vulva. Helmer ist ein wichtiges und informatives Buch gelungen, das ohne Belehrungen auskommt, an nicht wenigen Stellen auch sehr amüsant ist und schlichtweg in jedem Frauenhaushalt im Regal stehen sollte. Auf zur Exkursion in die kulturelle Intimzone.