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"... Mutter sein dagegen sehr!"

Der Film „Madonnen“ von Maria Speth beleuchtet die andere Seite des Mutterseins am Portrait einer Frau, die trotz ihrer fünf Kinder nicht so ganz zur Übermutter Madonna taugt. Die Regisseurin möchte damit der Frage nachgehen, „in welchem Maße eine Frau als Mutter ihre eigenen Interessen weiterverfolgen darf oder ob sie sich ganz dem Wohl des Kindes unterordnen sollte“.

Der Film beginnt mit einer Frau in einer Telefonzelle irgendwo im grauen Belgien. Es regnet, die Frau hat ein Kind an sich gebunden und ruft in den Hörer „Mama!“ - doch die Frau am anderen Ende hat bereits aufgelegt. Eine erste Szene, die den ganzen Film vorwegnimmt. Es geht um Trostlosigkeit (welcher Ort eignet sich dafür besser als Belgien), das Muttersein und die Unmöglichkeit von Kommunikation.

Rita ist vielleicht Anfang zwanzig, und wir folgen ihr anfangs durch die belgische Provinz, in der sie ihren leiblichen Vater sucht, dann durch den Mutter-Kind-Knast bis in die vom Sozialamt finanzierte Drei-Raum-Wohnung in irgendeiner Betonwüste irgendwo in der Nähe von Frankfurt. Die Kamera scheint den Agierenden immer im Nacken zu hängen, an ihren Gesichtern zu kleben. Eine Großaufnahme folgt der anderen. Kameramann war - wie bei Maria Speths Debüt „In den Tag hinein“ – der Lebenspartner der Regisseurin: Reinhold Vorschneider, der auch schon den Filmen Angela Schanelecs eine ausgeprägte Bildsprache gab.

Sandra Hüller, die im Jahr 2006 sowohl den Deutschen Filmpreis als auch den Silbernen Bären erhalten hat und seitdem als das neue Fräuleinwunder des deutschen Films gehandelt wird, fiel bereits in ihrer Rolle in „Requiem" durch eine starke Körpersprache auf. Auch in „Madonnen“ verkörpert sie die Rolle der Rita bis in die Fingerspitzen, die ganz abgekaut und schmutzig sind und eher aussehen wie die Finger einer Heimatlosen. Sie hat diese Aggressivität im Blick, die nur Menschen haben, die vom Leben nicht viel Glück abbekommen haben und auch nicht mehr viel erwarten. Die sich nur noch irgendwie durchkämpfen.

In Ritas Augen sehen wir nicht überschwängliche Mutterliebe, wenn sie sich ihrem Kind zuwendet, sondern so etwas wie beiläufige Gleichgültigkeit. Das Kind ist da, so ist es nun einmal. Nun muss man ihm die Brust geben und muss es eben überallhin mitschleppen.
Der Besuch beim vermeintlichen Vater in Belgien gerät zu einem unangenehmen Einbruch in eine andere Familie, in ein anderes Leben. Am Abendbrottisch wirkt Rita wie eine Fremde. Sie kennt keine Tabus, das führt am Ende zum Rauswurf und zur Überführung nach Deutschland, wo sie wegen Diebstahls gesucht wird.

Langsam fügt sich das Bild: Das zerrüttete Verhältnis zur Mutter (etwas blass gespielt von Susanne Lothar), der fehlende Vater und ein gewisser Leichtsinn haben Rita zu dem gemacht, was sie nun ist: eine Kleinkriminelle im Mutter-Kind-Vollzug. Einmal fragt sie die eigene Mutter, warum sie nie neben ihr im Bett einschlafen durfte…Rita selbst ist eine viel zu junge Mutter, überfordert mit den fünf(!) Kindern, die offensichtlich von unterschiedlichen Vätern sind und um die sie sich allein nicht kümmern kann.

Vier von den Kindern leben deshalb inzwischen bei der Mutter Ritas, die wiederum jeden Kontakt zur Tochter abblockt. Doch die Älteste der Kinder, Fanny, zieht es immer wieder zu der leiblichen Mutter: Verzweifelt sucht sie den Kontakt, klingelt an der Tür oder wartet im Treppenhaus – vergeblich- und bis schließlich die Polizei das Mädchen aufgegreift.

Rita schläft inzwischen mit ihrem Sohn auf dem Boden einer Drei-Raum-Wohnung und fristet ihr Leben als „Welfare Queen“. Marc, der Vater des Kleinen, kommt ab und zu vorbei und hilft mit Geld aus, kauft ein Bett und einen Fernseher, was Rita zunächst gar nicht nicht annehmen will. Eines Tages beschließt sie, auch die anderen Kinder zu sich zu holen. Die Szenen, die nun folgen, beschreiben die Fremdheit, die zwischen Kindern und Mutter herrscht. „Aber ihr müsst doch jetzt froh sein“! meint sie einmal in ihrer Hilflosigkeit.

An einer Stelle mißt sie sich mit den Kindern auf dem Bett im Armdrücken, lässt diese aber nicht etwa gewinnen, sondern drückt die kleinen Kinderarme mit voller Kraft in die Laken - eine Allegorie für das Nicht-Mütterliche? Das Nicht-Zurückstecken-Können? Das Selber-Leben-und Sich-Durchsetzen-Wollen?

Marc ist jetzt öfter da, bringt Pizza mit und übernimmt fast selbstverständlich die Vaterrolle - als er geht, zerbricht auch das fragile Familienidyll in der Wohnung. Bei einem Treffen mit der Mutter lässt Rita ihre Kinder zurück. Doch Fanny sitzt kurz darauf wieder vor der Tür. Die beiden liegen nebeneinander im Bett. Ein Moment, in dem sich entscheiden wird, ob Rita wie die eigene Mutter weggeht oder doch bei der Tochter bleibt. Die nächste Einstellung zeigt die leere Stelle neben Fanny …

„Madonnen“ ist ein Film, der durch seine Objektivität besticht. Fast gleichgültig folgt die Kamera der Protagonistin, es findet keine übertriebene Emotionalisierung „à la Hollywood“ statt. Das lässt dem Zuschauer den nötigen Raum für die eigenen Gedanken und schafft so ein Verständnis für die Figuren.

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Madonnen (Deutschland 2007): Regie: Maria Speth; Drehbuch: Maria Speth; Produzent(en): Christoph Friedel, Claudia Steffen; Mit Sandra Hüller, Coleman Orlando Swinton, Susanne Lothar, Luisa Sappelt
Kinostart: 6.12.2007

Ausgewählte Kinos, in denen der Film zu sehen ist:
Berlin Hackesche Höfe 6.12.-12.12.07
Berlin fsk Kino ab 6.12.07
Hamburg 3001 6.12.-11.12.07
Frankfurt MalSehn ab 6.12.07
Bonn Brotfabrik 6.12.-13.12.07
Köln Filmpalette ab 13.12.07
Hannover Cinemaxx am Raschplatz ab 14.12.07
Leipzig Nato ab 13.12.07