Women only

Mutter twittert

Wenn Mütter ein ganz besonderes Talent haben, dann ist es, ihren Töchtern ein schlechtes Gewissen einzureden.

„Warum hast du am Wochenende nicht angerufen?“ „Weil ich in Berlin war!“ Pause. „Du warst in Berlin? Wieso weiß ich davon nichts?“ „Wieso solltest du davon was wissen?“ „Weil ich deine Mutter bin!“

Dieses „weil ich deine Mutter bin“ ist der Schlachtruf der heiligen Mütterinquisition. Meistens kommt noch obendrauf: „Als Mutter habe ich ein Anrecht darauf zu erfahren, wo du bist.“ Dass meine Mutter mir zu Weihnachten noch keine elektronische Fußfessel geschenkt hat, mit der sie mich via google earth auf Schritt und Tritt überwachen kann, grenzt an ein Wunder. Mütter sind der festen Überzeugung, dass die Nabelschnur nie wirklich durchtrennt wurde. Töchter sind für sie so eine Art Wurmfortsatz ihres eigenen glorreichen Lebens, und man kommt sich als Tochter stets vor wie diese kleinen Hündchen an den Leinen mit Rückholfunktion. Kaum hat man sich etwas distanziert – zawupp – drückt Mutter aufs Knöpfchen, und man wird wieder „bei Fuß“ geschleudert.

Ich habe eine Idee! „Mama, melde dich doch auch mal bei Twitter an, da kannst du immer sehen, was ich gerade so mache.“ „Twitter?“ „Ja, das ist so ein Kurznachrichtendienst, wo man eingibt, was man gerade macht.“ Kurze Denkpause. “Wie kann ich eingeben, was ich gerade mache, wenn ich nicht vor dem Computer sitze? Und was soll ich anderes eingeben, als dass ich vor dem Computer sitze, wenn ich vor dem Computer sitze? Wenn ich im Garten buddele, dann bin ich im Garten und nicht vor dem Computer.“ Hm, wo sie recht hat, hat sie recht. „Mama, meld dich da mal an und followe mich!“ „Was soll ich?“ „Na folge mir eben, so heisst das bei Twitter. Du followst mich, ich followe dich!”

Mutter twittert. In der ersten Woche guckt sie sich das alles in Ruhe an, ich bin fleißig, schreibe dies und schreibe das. Dass ich in Bonn bin bei der Aktion Mensch, dass ich da Herrn Schumann von Tipp24 kennen gelernt habe, dass ich meine EC-Karte gesperrt und in Köln noch eine Freundin getroffen habe, mit der ich am Rhein entlang spaziert bin, meine Mutter ist total im Bilde über mein Leben. Wenn es so was wie den gläsernen Menschen gibt, hier ist er. „Toll“, sagt meine Mutter „dieses Twitter habe ich mir immer gewünscht.“ Das dachte ich mir und fühle mich elend, weil ich mich virtuell versklavt habe.

In Woche zwei habe ich keine allzu große Lust mehr zu twittern, mir ist das alles zu anstrengend. Meine Mutter wird unruhig, ob ich denn krank sei? Nichts mehr zu tun hätte? Ständig ruft sie mich an und fragt, wann ich wieder was twittern würde. Ich twitter, dass es nichts zu twittern gibt und dann twitter ich, dass es immer noch nichts zu twittern gibt, damit gibt sie sich für eine Weile zufrieden.

In Woche drei, entdeckt meine Mutter andere Twitterer: „Du, der Wolfgang Schäuble twittert auch und ich followe den.“ „Nein“, sage ich, „das ist ein Fake Wolfgang Schäuble.“ So heißt das bei Twitter „Fake-Sowiesosowieso.“ Meine Mutter ist konsterniert: „Wieso sollte er das nicht sein? Warum sollte jemand anders Wolfgang Schäuble sein wollen?“ Ich weiß das auch nicht, sage aber, dass der echte Wolfgang Schäuble gar keine Zeit für so was hätte. Gerade der würde sich auf diese Weise doch niemals dermaßen öffentlich überwachen lassen und ins Netz stellen, was er wann wo tut: „Da müsste er doch schon ziemlich meschugge sein.“

Da meine Mutter sich einfach nicht vorstellen kann, nicht sie selbst zu sein, ist sie weiterhin fest davon überzeugt, dass Wolfgang Schäuble Wolfgang Schäuble ist. Außerdem will sie das gar nicht anders glauben, weil sie ihren Freundinnen dann nicht mehr erzählen kann: „Ich twitter mit Herrn Schäuble! Ich followe den und der followt mich!“ Ihre Freundinnen wissen zwar nicht, was das ist, aber es muss mehr als eine staatstragende Affäre sein, dem Bohei nach, das meine Mutter um dieses „Gezwitscher“ macht.