Weibchenschema

Mutti arbeitet und Vati ist fein raus?

Oder haben wir mit dem Ende des Hausfrauenmodells nun endlich das, was wir Frauen immer wollten: nämlich mehr partnerschaftliche Verteilung? Das neue Unterhaltsrecht, ein Grundsatzurteil und die Folgen.

Nach der Scheidung müssen Alleinerziehende nun rascher wieder in den Vollzeitjob zurück und verlieren früher den Anspruch auf Unterhaltszahlungen des Ex-Mannes. Grundsätzlich könne es Müttern zugemutet werden, eine volle Stelle anzunehmen, sobald ihre Kinder drei Jahre alt sind und einen Kita-Platz haben. So zumindestens liest sich das neueste Urteil des Bundesgerichtshofs zum neuen Unterhaltsrecht. Was ist das nun konkret? Ein Vorstoß für die Gleichberechtigung? Oder eine weitere Überforderung für Mütter, die alleine Beruf und Kind jonglieren müssen?


Die Karlsruher Richter hatten ganz unverhohlen eines im Sinn: Die Eigenverantwortung der Geschiedenen zu stärken. Das Prinzip: Jeder muss nun nach einer Trennung selbst für sich sorgen. Doch so radikal, wie das klingt, wird es vermutlich nicht werden. Denn die Richter haben klargestellt, dass es keine Pauschalregelung geben kann, sondern jeder Einzelfall zu prüfen ist. Das wird den Familiengerichten zwar viel Arbeit bescheren, ist aber mit Sicherheit gerechter. Dabei ist das Alter des Kindes gar nicht so entscheidend, sondern vielmehr, ob die Betreuung des Kindes sichergestellt ist und ob die Mutter realistische Chancen hat, eine Vollzeitstelle zu bekommen. Außerdem sind die Gerichte angehalten, alle Umstände der Vollzeittätigkeit und der Kinderbetreuung (Schichtarbeit, Entfernung, Öffnungs- und Arbeitszeiten) so zu berücksichtigen, dass sie keine übermäßig hohe Belastung für die Mutter bedeuten. Denn dass es ein Kraftakt ist, eine Vollzeitstelle auszufüllen und „nebenbei“ ein oder mehrere Kinder zu versorgen, zu erziehen und einen Haushalt zu führen, wird durchaus erkannt und dem wird Rechnung gezollt.


Es wird also ziemlich genau darauf geschaut, wie die Möglichkeiten der betreuenden Mutter (oder des Vaters) tatsächlich sind, selbst arbeiten zu gehen. Für die Feinsteuerung haben die Familiengerichte vom BGH dafür eine ganze Reihe von Kriterien an die Hand bekommen: „Existiert eine Ganztagsbetreuung? Leben hilfsbereite Großeltern in der Nähe? Wie lange hat die Ehe gedauert? Und wie waren die Rollen verteilt - Hausfrauenehe oder Doppelverdiener?“ Wurde beispielsweise in der Beziehung das klassische Hausfrauenmodell gelebt und war die Frau lange aus ihrem alten Beruf draußen ist, kann von ihr nach der Scheidung nicht erwartet werden, mit dem 4. Lebensjahr des Kindes wieder Vollzeit in die Arbeitswelt zurückzukehren.


Wenn die Einzelfallprüfung klappt und nicht zu Lasten der Alleinerziehenden geht, könnte der Urteilsspruch durchaus eine Erlösung von der (überholten) Vorstellung sein, eine Mutter habe sich selbst um ihre Kinder zu kümmern und hierfür ihre beruflichen Ziele hinten an zustellen. „Der Familiensenat bricht explizit mit dem konservativen Verdikt, nur Rabenmütter vertrauen ihr Kind den ganzen Tag Profis an“, schlussfolgert Monika Kappus von der Frankfurter Rundschau.


Auch in anderer Hinsicht könnte das Zusammenleben von Mann und Frau beeinflusst werden: Wenn die Frau stärker als bisher darauf drängt, während der Ehe trotz Kinder ihren Beruf ausüben zu können, wird der Mann stärker seinen Anteil bei Haushaltsarbeiten und Erziehung übernehmen müssen. „Ich könnte mir vorstellen, dass Frauen und Männer künftig ihre Beziehung partnerschaftlicher planen“, sagt Familienrechts-Expertin in der Frankfurter Rundschau.


Die Meinungen gehen allerdings weit auseinander, ob das Urteil tatsächlich fortschrittlich ist oder eben nicht. „Wenn eine Frau, die ihre Ehe nicht mehr ertragen kann, heute vor der Alternative steht, im Scheidungsfall voll arbeiten und ihren Kindern eine Ganztagsbetreuung zumuten zu müssen, wird sie vielleicht in der ungeliebten Beziehung bleiben. Das ist antiquiert, „ findet Erika Andreß, Präsidentin des Hanseatischen Oberlandesgerichts Hamburgs. Und außerdem: Wo bleibt die lebenslange Solidarität, die einst die Grundlage für einen Ehebund bildete, rufen Kritiker. Indem der Anspruch auf Unterhaltszahlungen so drastisch zurückgefahren wird, wird die Pflicht des lebenslangen Einstehens füreinander aufgelöst.

 

Das höhlt zwar das Prinzip des Gemeinsinns, der Verantwortung für andere aus, ja. Aber ob die Institution Ehe dabei wirklichen Schaden erleidet, ist fraglich – die nämlich lässt sich mit ökonomischer Abhängigkeit ohnehin nicht am Leben erhalten. „Individuen lassen sich in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht mehr zwingen, an einer ungeliebten Partnerschaft festzuhalten, weil sie wirtschaftlich abhängig sind“, wie es Monika Kappus von der Frankfurter Rundschau treffend formuliert. Insofern ist der Urteilsspruch nur eine notwendige Anpassung an eine wahrlich emanzipierte Beziehung.