Weibchenschema

Natascha from Russia

Ausstaffiert mit Minirock, Highheels und Push-up-BH, den Kopf leicht zur Seite geneigt – so lockt die Russin gekonnt? Während die Deutsche sich zu tough und emanzipiert gebiert und sich dadurch um alle Chancen beim Mann bringt? Eine Journalistin behauptet das und bringt damit gehörig Blut in Wallung.

Ihre Sichtweise ist weit verbreitet und lautet auf einen kurzen Nenner gebracht: Russinnen sind sexy und verführerisch, Deutsche unweiblich und zu dominant. Glaubt man dem Artikel, sind Russinnen beim anderen Geschlecht so begehrt, weil sie „im Gegensatz zu deutschen Frauen, keine Hemmungen haben, weiblich zu sein.“ Weil sie beim Flirten auf die alten Regeln der Kunst setzen, sich in Schale werfen und sich hofieren lassen. Deutsche Männer stehen auf sie. Die 147 Kommentare sprechen eine deutliche Sprache. Haben wir uns zu früh gefreut, als wir meinten, wir hätten die traditionellen Frau-Mann-Spielchen hinter uns gelassen?


„In Russland dürfen und sollen Männer noch Männer und Frauen noch Frauen sein“, gibt ein männlicher Kommentator zum Besten. „Ich weiß schon, warum ich keine Deutsche habe. Zusätzlich zur nur mangelhaft ausgebildeten Weiblichkeit kommt dann noch die Karrieregeilheit. Oder der Frust, wenn es mit der Karriere nicht geklappt hat. Oder der Frust, wenn es mit den Kindern nicht und nur mit der Karriere geklappt hat. Oder alles zusammen. Sorry, aber mein Leben ist zu kurz, um es mit den geistigen Nachgeburten von Alice Schwarzer zu vergeuden“, bläst ein anderer ins gleiche Horn. Dass Eman(n)zipation und Weiblichkeit sich nicht vertragen, will uns hier weisgemacht werden. „Gang, Sprache und Auftreten. Viele hiesige Frauen kann man z.B. am Gang kaum mehr von Männern unterscheiden. Und das liegt nicht nur an der Jeanshose. Grobe Sprache und dominantes, forderndes, oft latent aggressives Auftreten geben den Rest“ usw., usw.


Es scheint, als gäbe es einen Retrotrend, was die Partnerwünsche unter den Männern angeht – die Sehnsucht nach dem alten Modell. Ein finnischer Audi-Manager diktierte einem Frauenmagazin neulich in den Block: „Weigert sich eine Frau zu bügeln und sauber zu machen, wird der Beziehung bald die Luft ausgehen.“ Wegen entsprechender Unsensibilität der weiblichen Kundschaft gegenüber war alsbald Herr Esko Kiesi, wenig überraschend, seinen Arbeitsplatz los. Denn er hatte noch einiges mehr auf Lager: „Das Aussehen eines Autos hängt stark von den Rädern und der Aufhängung ab. Bei einer Frau sind es die Schuhe.“ Und gab gleich noch seine Formel für das ideale Alter der Frau an seiner Seite preis – Alter des Mannes geteilt durch zwei plus sieben.


Na, geht's noch? Möchte man (frau) da rufen. Da beschwören gestandene Kerle die guten alten Zeiten, als Frauen noch scheinbar Frauen waren. Und hübsch anzusehen und erotikversprühend soll sie dann auch noch sein. Aber was genau heisst das? Eine tief dekolletierte Eva-Herman-Version, die Apfelkuchen backend den Herrn des Hauses versorgt und sich nach dem Abwasch die Spülhände manikürt, um sich dann lasziv auf dem Sofa zu räkeln? Das klingt schwer nach eierlegender Wollmilchsau. Nach einem Klon aus allen Wunschphantasien. Und zurück bleibt die irritierende Frage: Wenn Frauen früher echte Frauen waren, was sind dann Frauen heute (Frauen, die sich damit nicht wohl fühlen)?


Die Krux ist, dass das, was hier Männer, und das, was Frauen wollen,  diametral entgegenläuft. Es scheint fast, als gelte, je weiter sich Frauen emanzipieren, desto größer wird die Sehnsucht der Herren nach dem lockenden Vamp, der sich umwerben lässt. Während Frauen sich aus überholten Rollenvorstellungen verabschieden, rufen die Männer laut nach der guten alten Zeit.


Kuckt man aber genauer, finden sich dann doch ein paar Männer (in den Kommentaren zum Beispiel), die eine Lanze für "die deutsche Frau" brechen. „Ich sehe überall schöne begehrenswerte Frauen, wenn ich durch die Gegend schlendere“, bekennt einer. „Was für ein Blödsinn. Allein dafür, dass das (hierzulande überwiegend) vorbei ist, bin ich echt froh, nicht mehr im 20. Jahrhundert zu leben. Die starren Geschlechterrollen sind endlich aufgebrochen“, sagt ein anderer Mann und bringt es auf den Punkt, was viele Frauen denken – und das nicht nur in Deutschland. Da bin ich mir ganz sicher.


Glaubt man dem Artikel, liegt die russische Kernkompetenz darin, sich einen Mann zu angeln, der einem ein hübsches Leben bietet. Viele Frauen in Deutschland wollen dagegen einen Partner – vom Versorgermodell haben sich die meisten verabschiedet. Und diese Uhr lässt sich nicht zurückdrehen.