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Nein zum Masermontag

Max Goldt schreibt entschieden gegen die Geschwätzigkeit unserer Zeit an und entdeckt Alternativen zum "Quatschen ohne Ende“. „QQ“ – so lautet der Titel seines neuen Buches, in dem der Autor sich wortgewandt für Atempausen einsetzt.

Von: Gabriela Häfner, Foto: Rowohlt Verlag

vom 21.05.07

Auf den Titel seines neuen Buches will Max Goldt durch ein Schlagwort aus den USA gekommen sein: „QQ“ stehe dort für alles, was nicht spritzt und schreit, und sei die Abkürzung von „quiet quality“ – stille Güte. Im Vorwort spricht eine der Figuren Goldts diesen vermeintlich neuen Trend an. Die Krimiautorin Petra Hipproth zeigt einen Faible für „QQ“, kommt aber auch auf Schwachpunkte zu sprechen: Sie müsse leider „noch fünf Jahre schreien und spritzen“, um den eigenen Lebensabend ökonomisch abzusichern – dann könne es „losgehen mit QQ“.


Max Goldt scheint es da besser getroffen zu haben. Als Kolumnist für die Zeitschrift Titanic hat er das „Schreien und Spritzen“ stets den anderen überlassen können und war dennoch nie in der Gefahr, überhört zu werden. Schließlich hat Max Goldt vieles zu bieten, was andere nicht haben – vor allem auch das Herz, den oft verzerrten und manchmal entgleisenden „O-Tönen“ unserer Zeit einen Funken Hirn abzufordern.


Und so wendet sich der Autor auch in seinem neuen Buch gegen die Stumpfsinnigkeiten, denen wir täglich begegnen, ob vor der Glotze oder in der Fußgängerzone, ob nun in sprachlicher Form oder als Lebensart. Wörter, Floskeln und Phrasen, die entweder vor Zeitkolorit vibrieren („Rohlingsspindel“) oder sich als glanzlose Geschöpfe aus dem Munde der Sprachbürokratie entpuppen, geraten dabei zuhauf in den Blick. So etwa auch der Begriff „bildungsfern“ oder die Rede von „Jugendlichen mit Migrationshintergrund.“ Max Goldt findet diese gar nicht schön, und gibt zu bedenken, dass seine Eltern 1945 aus Schlesien geflohen seien – ein Grund, sich selbst nun als „Menschen mit Vertreibungshintergrund“ zu sehen? Und schließlich: Das Blatt könne sich auch wenden, so meint der Autor, und dann wäre über die vermeintlich „Alteingessenen“ in der Zeitung vielleicht nur noch als „migrationshintergrundferne Personen“ zu lesen, was wohl auch niemand wirklich wolle.


Max Goldt hat seine Titanic-Kolumnen selbst einmal als „Experimente der Themenverfehlung und Themenvermeidung“ bezeichnet. Entsprechend präsentieren sich auch seine neuen Texte, die in den letzten zwei Jahren entstanden sind und nun in dem neuen Buch „QQ“ zusammengebracht wurden - als Plaudereien über alles und nichts. Über einen Aufenthalt auf der Mittelmeerinsel Malta etwa als – Urlaubsparadies oder Touristenhölle?


Weder das eine noch das andere, so meint Max Goldt, der für eine platte Sicht auf das Rundherum in unserer Welt eben nicht zu haben ist. Zwar wird im Malta-Text auch gewarnt: Vor Hotels,wo zum Frühstück alte Wurstscheiben nicht nur unter den Tischen zu entdecken , sondern auch auf den Tellern zu finden sind. Vor Betten mit alten, geblümten Tagesdecken, an die man sich versehentlich im Schlaf kuschelt, obwohl an ihnen „schon der eine oder andere verarmte Landadelige verblutet sein mag“.

Aber Goldt wäre natürlich nicht Goldt, wenn er es dabei beließe und nicht auch nahelegen würde: „Ferien von der Welt der Premium-Produkte“ sind durchaus zu empfehlen, sozusagen als Testlauf für einen sozialen Abstieg, von dem derzeit ohnehin alles spricht.


Zu empfehlen ist allerdings auch die Kolumne, in der Max Goldt über die unausgewogene Verteilung von Feiertagen im Kalenderjahr ins Grübeln kommt. Sollte man nicht einen weiteren „richtig schön gesellschaftslähmenden und wirtschaftsschädigenden Doppel- und Dreifachfeiertag“ einführen – spaßeshalber unter dem Namen „Masern“ und am besten im Frühherbst? Was auf diese Überlegung folgt, ist eine vernichtende Bilanz dessen, was Festtage so mit sich bringen. Mittendrin nämlich immer auch diesen Moment, in dem „die ganze Sippe ins Auto“ verladen wird, „um einen dreißig Kilometer entfernten See mit Wildschweingehege zu umrunden.“


Zu den besonderen Stärken von Goldt gehört unter anderem, dass er die Kunst des „Kill your darlings“ beherrscht und einen witzigen Einfall auch wieder fallen lassen kann. So sagt er am Ende doch noch Nein zum Masermontag. Der „QQ“ dagegen bleibt er bis zum letzten Satz des Buches gewogen, der da heißt: „ Immer schön ist es hingegen, wenn jemand endlich schweigt.“

Nun ja – aber nur bis zur nächsten Kolumne.