Fürs Auge

Neue Wege gehen

In ihren Bildern drückt sich die Enge aus, die das Leben von Frauen in Afghanistan noch immer bestimmt. Aber auch Kraft und Phantasie. Eine Ausstellung in Berlin zeigt erstmals Werke junger afghanischer Malerinnen.

Sie wollen nicht länger unsichtbar sein. Weder als Frauen in einem Land, in dem bis vor kurzem alles Frausein noch in der Öffentlichkeit unter Schleiern versteckt werden musste. Noch als Künstlerinnen. Deshalb präsentieren sie sich nun vor einem internationalen Publikum. 23 Malerinnen, die an der Kunsthochschule in Kabul studieren, zeigen ihre Arbeiten derzeit erstmals auch außerhalb der Heimat: In Berlin sind die Bilder in der sächsischen Landesvertretung zu sehen, danach sollen sie weiterreisen. China und die USA sind als nächste Stationen schon vorgesehen.

Krieg, Zerstörung und Unterdrückung – das sind die Themen, die in der Ausstellung immer wieder anklingen. Allerdings oft gebrochen durch einen Blick, der sich in die Zukunft richtet und von neuen Freiheiten träumt: „Smile“ heißt einer der Titel, der hier zu entdecken wäre: Das Werk stammt von Zarghuna Hotak und zeigt einen roten Mund, der lächelnd und wie schwerelos sich von einer stark schematisierten Frauenfigur im Hintergrund abhebt.

Sinnbild einer Loslösung? Eines Abschieds vielleicht sogar – von einer Zeit, in der die Taliban die Macht im Lande hatten und mit ihm die Burka, der Ganzkörperschleier, der Frauen so gesichtslos machte?

„Alle unsere Arbeiten sind politisch“, betont Sheenkai Alam Stanekzai, 21 Jahre alt. Sie ist eine der jungen Künstlerinnen, die derzeit am Center for Centemporary Arts Afghanistan ausgebildet werden. Die Hochschule wurde 2004 gegründet, im vergangenen Jahr begann man, auch Frauen zum Studium zuzulassen. Ein Zeichen, dass sich kulturell einiges in dem Land bewegt?

Zumindest glauben Sheenkai Alam Stanekzai und ihre Kolleginnen an den Aufbruch zu neuen Selbstverständnissen – sowohl in Kunst als auch gesellschaftlich. Und sie glauben, dass ihre Bilder zu diesem Aufbruch beitragen könnten:  „Ich bin davon überzeugt, dass die künstlerischen Aktivitäten einiger weniger Frauen den anderen Kraft verleihen können, um neue Wege zu beschreiten“, erklärt beispielsweise Sheenkai Alam Stanekzai.

Diese Kraft werden die Frauen in Afghanistan brauchen. Nur knapp 20 Prozent von ihnen können überhaupt lesen und schreiben. Nicht nur die Kriegszerstörungen der letzten Jahre lasten schwer auf ihrem Leben. In den vergangenen Jahren war ihnen auch vieles verweigert worden, was eine bessere Zukunft hätte bringen können: Schulbildung, Berufstätigkeit – sie wurde selbst jenen Frauen nicht zugestanden, die allein stehend waren, etwa auch weil der Krieg sie zur Witwe gemacht hatte.  

„Wie sollten wir Bäume und Blumen malen“, fragt da Sheenkai Alam Stanekzai nach, „was würde das ändern?“ Blumen und Bäume malen, das durfte man selbst unter den Taliban. Anderes dagegen allerdings nicht: Menschen oder Tiere darzustellen, war verboten, und wer gegen dieses Bildverbot verstieß, musste sogar fürchten, mit Peitschenhieben bestraft zu werden. Landschaften als Motiv waren dagegen erwünscht. In den Bildern aus Kabul, die gerade in Berlin zu sehen sind, muss man nach diesem Motiv nun ziemlich Ausschau halten. Stattdessen sind es immer wieder Frauengesichter und Gestalten, die einem hier begegnen.

Etwa in dem Bild „In the Extremety of Looks“ von Jahan Ara Rafi auch, aus dem Wut und Zorn sprechen. Ein anderes Gemälde dagegen, „Passion“ von Khadija Hashemi, demonstriert eher, wie zerrissen noch immer die eigenen Selbstbilder sind und wie unsicher nach neuen Rollen getastet wird. Eine Frau, halb „Vamp“, halb in traditioneller Rolle, wird hier gezeigt.

Die Ausstellung, die aufgrund von Visa-Schwierigkeiten später als geplant erst eröffnet werden konnte, ist noch bis zum 16. Juli in Berlin zu sehen. Unter dem Titel „Make Art not War“ ist aber gleichzeitig im Patchworld Verlag auch schon ein Buch, das Werke und kurze Portraits der Künstlerinnen versammelt, erschienen. Und auch das möchte natürlich neugierig machen auf die ausdrucksstarken Farben und Formen, mit denen eine junge Kunst aus Afghanistan, von Frauen geschaffen, nach Perspektiven sucht – für sich und ihr Land.

Ausstellung: Zeitgenössische Malerei von Künstlerinnen Afghanistans
noch bis zum 16. Juli in Berlin 
in der Vertretung des Freistaates Sachsen beim Bund
(Brüderstr. 11/12 - 10178 Berlin)

„Make Art not War“
Center for Contemporary Arts Afghanistan
Gegenwartskunst islamischer Malerinnen aus Afghanistan.
Patchworld-Verlag, Berlin 2008. 

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Bildnachweise:

1. Khadija Hashemi: „Passion“.
Öl au Leinwand, 90 x 130 cm, Kabul 2007.

2. Zarghuna Hotak: „Smile“.
Acryl auf Leinwand, 65 x 90 cm, Kabul 2008.

3. Sheenkai Alam Stanikazai: „From Reality to Fiction“.
Foto & Zeichnung, 53 x 62 cm, Kabul 2008.

4. Jahan Ara Rafi: „In the Extremety of Looks“.
Öl auf Leinwand, 65 x 90 cm, Kabul 2007.