Weibchenschema

Neuer Feminismus: Für die linke Spur zu langsam, für die rechte Spur zu schnell

Vom Feminismus – einem neuen angeblich – ist in den Medien viel zu hören. Dabei wirkt die Bewegung an vielen Stellen so bemüht, als wollten die derzeitigen Ikonen vor allem einen vorhandenen Trend für sich nutzen. Kann das sein?

Es fing nicht mit Eva Hermann an, aber sie brachte die neuen Frauen durch ihre althergebrachten Weisheiten auf die Palme. Auch Charlotte Roche ist nicht die Erfinderin des neuen Feminismus, wenngleich sie ein Alphamädchen sein könnte, – und auch die Autorinnen des gleichnamigen Buchs können nicht als Pionierinnen gelten. Feminismus gibt’es schon lange, die Frauen haben viel erstritten, und inzwischen sind – so könnte man meinen – vielerorts die patriarchalischen Strukturen – eingeholt und mitunter auch überholt. Leider auch die wenigen Männer, die bereit gewesen wären, mitzufahren.

Was die heutigen Frauen wollen, ist schnell zusammengefasst. Es geht nicht mehr um einen Teil des Kuchens, es geht um die gerechte Hälfte. Selbstverwirklichung, gute Jobs, soziales Leben - plus Familie natürlich. Und lustvoll, bitte. Es geht also um all das, was Männern aufgrund des biologischen Zufalls ihrer Geburt schon seit Jahrtausenden zusteht.

Eine mediale Mädchenfront formiert sich

Neben der vielfältigen Literatur einer Handvoll sendungsbewusster junger Frauen und deren Folgen sind vor allem Krippenplätze, Frauen-Quoten und Talkshows die Instrumente bzw. Schauplätze, mit und auf denen zurzeit gekämpft wird. Fernsehauftritte, Hörbücher, Lesereisen: Der „neue“ Feminismus der medienaffinen Mädchen erinnert an Identitätssuche und orientiert sich sehr an Äußerlichkeiten. Ein kollektives „Wir“ traut sich nach vorn - was will es dort? Die eine redet über Porno und Selbstbefriedigung, die anderen verpassen sich eine verniedlichende Selbstbezeichnung. Zudem behaupten sie unisono, neuer Feminismus mache Spaß und ginge nicht ohne Männer. Aber kann man Frauen, die sich als Alphamädchen bezeichnen, ernst nehmen? Nicht, wenn man Alice Schwarzer oder etwa der Schriftstellerin Juli Zeh glaubt, die in diesem Zusammenhang von „freiwilliger Infantilisierung und Degradierung“ spricht.

Und wecken Charlotte Roches Feuchtgebiete nicht auch den Verdacht, dass mit ordinären Bekenntnissen vor allen Dingen die Verkaufszahlen angeschoben werden sollen? Reduzieren sich diese bekennenden Alphamädchen nicht selbst auf ein rotziges Äußeres mit kesser Lippe. Das ist plakativ, provokativ und hat Unterhaltungswert. Aber es bringt nur wenig Resonanz – abgesehen davon, dass es die Mann-Frau-Debatte am Laufen hält. Zur Not über Feindbilder und Abgrenzung. Das hat auch der Apfelkuchen-Appell Eva Hermanns geschafft. Und vielleicht ist es als Zwischenergebnis nicht zu verachten.

Maximum Respekt

Was fehlt, ist der Appell nach mehr Respekt und Anteilnahme. Gemeint ist Respekt vor dem Anderen, nicht (nur) vor seinem Geschlecht. Gemeint sind Begegnungen auf Augenhöhe. Gemeint ist auch, dass Achtung vorgelebt und gelehrt werden muss.

Frauen können sich im dritten Jahrtausend die Achseln rasieren, Stilettos tragen, Muschi sagen und trotzdem ein vollwertiges Gegenüber sein, das stimmt. Doch der derzeitigen Bewegung fehlt die politische Komponente, denn die größeren Themen drohen, unter den Tisch zu fallen. Schließlich kann es beim Thema Feminismus und Emanzipation nicht nur um wohlbehütete Europäerinnen aus guten Verhältnissen gehen. Das wäre selbstgerecht, denn immer noch gibt es – auf der Welt, im eigenen Land, der eigenen Stadt – Zwangsheirat, Frauenhandel und Gewalt gegen Frauen.

Daran ändert sich nichts durch die Selbstverwirklichungsmöglichkeiten einer glücklichen Minderheit. Jenen betroffenen Frauen helfen weder Krippenplätze noch Quoten. Schlimmstenfalls Talkshows könnten Einfluss nehmen, indem sie das Private ins Öffentliche ziehen, die Dramen abbilden und sie dadurch ins Bewusstsein rücken.

Das andere Geschlecht

Wo sind all die Männer hin, wo sind sie geblieben? Sie kommen gar nicht mehr vor – außer als Randfiguren für tabulosen Sex oder als diejenigen, die jetzt an der Reihe sind, den Frauen den Rücken freizuhalten. Auch die, die der Frauenbewegung gewogen waren, sind längst nicht mehr im Boot. In welchem auch? Denn es geht in der aktuellen Diskussion vor allem und immer wieder darum, was Frau noch immer nicht kann, darf, soll, muss oder schon längst tut. In der Tat, es ist an der Zeit, dass der Fokus verschoben wird, sich in der Mitte einpendelt. Doch ohne das wirkliche Verständnis der anderen Hälfte der denkenden Gesellschaft wird sich niemals eine gleichberechtigte Emanzipation etablieren.

Wenn wir Frauen uns nur um uns selbst drehen, versuchen wir genau das zu gewinnen, was wir Herrschaftsanspruch genannt haben. Möglicherweise sind die Alphamädchen im Begriff, ihre Betajungs am Straßenrand stehen zu lassen.

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Sabine Priess ist Redakteurin und Autorin, sie pendelt zwischen Berlin Prenzlauer Berg und Potsdam.

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