Weibchenschema

Nicht mit Rotkäppchen!

Brave Mädchen essen stets alles auf. Und nur böse Mädchen lassen kalt stehen, was gar nicht schmeckt? Die italienische Kinderbuch-Illustratorin Chiara Carrer erzählt das Märchen vom Rotkäppchen neu – und greift auf ältere Versionen zurück. Darin geht es oft grausamer zu, teilweise aber auch emanzipierter.

Rot ist in dieser Bildergeschichte vieles, aber ein rotes Käppchen trägt das Mädchen, das seine Großmutter besuchen soll, nicht. Mit langem, unbedecktem Haar und energischen Schritten stapft es durch den Wald, in dem der böse Wolf schon lauert – hungrig und lüstern. Doch am Ende steht dieser nur dumm da und bekommt eine rote Tür vor der Nase zugeschlagen. Rotkäppchen hat sich mit einem Trick abgeseilt und zeigt dem Bösewicht, was Sache ist: Fairplay statt mieser Tour!?

Man kann Chiara Carrers Kinderbuch natürlich auch als Geschichte lesen, die Mädchen ermutigen soll, deutlich und klar auch nein zu sagen (bei was auch immer). Aber das griffe sicher zu kurz. Denn die wunderbar klaren Linien und Farbgebungen, mit denen Carrers Zeichnungen uns in die Märchenwelt entführen, sind auch für Erwachsene der reinste Genuss. Wie überhaupt so manches nicht unbedingt für ganz kleine Leser geeignet scheint – so grausam, wie es auf dieser oder jener Seite des Buches zugeht.  

So verspeist etwa der Wolf hier die alte Großmutter nicht ganz, sondern lässt ein wenig übrig, um es der Enkelin auf einem Teller als Mahl zu reichen. Diese wiederum aber lehnt ab, einfach herunterzuschlucken, was ihr da vorgesetzt wird. Und als der Wolf das Rotkäppchen auffordert, sämtliche Kleider abzulegen, um zu ihm ins Bett zu steigen, nimmt das Mädchen schließlich Reißaus. 

Chiara Carrer hat Wendungen wie diese keinesfalls frei erfunden. Vielmehr befasste sich die Illustratorin, die für ihre Kinderbücher schon mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet ist, mit älteren Fassungen des populären Märchens und entdeckte dabei, was die Gebrüder Grimm uns lieber ersparen wollten: eine Reihe von sexuellen und „wenig schicklichen“ Motiven, die dem damaligen Publikum vorenthalten wurden, als 1812 der erste Band der Grimmschen „Haus- und Kindermärchen“ erschien.  

„Das Mädchen und der Wolf“ aber, von Chiara Carrer erzählt, holt einiges von dem, was hier verloren ging, wieder zurück in die Geschichte. Mit Bildern, die nur in Rot und Schwarz und Weiß gehalten sind und ungeheuer suggestiv wirken. Allein schon für diese lohnt es sich, das Märchen mal wieder zur Hand zu nehmen und sich mit ihm durch einen Wald zu blättern, der ebenso finster ist, wie mit bösen Ahnungen beladen. Von den Wölfen, die es hier gibt, ganz zu schweigen!