Lesen

Nicht nur zur Weihnachtszeit

Eichendorffs Romantik als Kontrapunkt zu den Katastrophen und zum Realismus unserer Zeit.

"Das eigentliche Wesen aller romantischen Kunst", sagt Joseph Karl Bendedikt Freiherr von Eichendorff " ist das tiefe Gefühl der Wehmut über die Unzulänglichkeit und Vergänglichkeit der irdischen Schönheit."

 

Wir schreiben heute Anträge statt Gedichte

Da liegt der Unterschied zwischen dem Romantiker, der vor 200 Jahren lebte, und uns. Wir schreiben keine Gedichte mehr über Nachtigallen und ihr Leid. Wir sperren sie auch nicht mehr in Käfige, sondern unterschreiben einen Antrag, ihre Habitat in ein Bioreservat zu verwandeln. Lohnt es sich trotzdem, heute noch Eichendorffs Gedichte zu lesen? Der kleine Band "Und es schweifen leise Schauer" mit seinen "schönsten Gedichten" (Titelunterzeile) beweist: Es lohnt sich. Und sei es nur, um sich ganz gebildet zu fühlen, weil man plötzlich weiß, wer "Mondnacht" geschrieben hat.

"Es war als hätt´ der Himmel
Die Erde leis geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogen sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus."

Schön, oder? Heute noch. Auf eine Zeile wie "Die Luft ging durch die Felder" muss man erst einmal kommen. Uns würde, nehmen wir mal an, wie könnten dichten, so eine Assoziation gar nicht einfallen. Weil wir weniger sentimental sind? Wahrscheinlich. Realismus ist das Motto der Zeit und Nostalgie im Zeitalter von Facebook, Klimakatastrophe und Occupy Wallstreet nicht angesagt. Das Leben ist zu spannend. Zu viel ändert sich, zu stark sind die Einflüsse von außen.

 

Dunkle Einfärbungen

Eichendorff lebte auch nicht gerade in einer ruhigen Zeit. Der oberschlesische Landadelige kämpfte immerhin gegen Napoleon und war nicht nur beim Einzug der siegreichen preußisch-russischen-österreichischen Armeen in Paris dabei, sondern blieb ein Jahr lang als Besatzungsoffizier dort. Dann allerdings wurde er preußischer Beamter, zwar häufig versetzt, aber er führte alles in allem ein ruhiges Leben. Und dichtete, am liebsten mit einem Bezug auf verborgene Schmerzen, auf den dunklen Hintergrund des Lebens.

Weil er überzeugter Katholik war und an Hölle und Fegefeuer glaubte? Egal. Seine Gedichte zupfen immer noch an den Saiten unseres Unterbewussten, die gern mal feuchte Augen verursachen. Auch wenn wir das nicht zugeben wollen. Zum ersten Mal seit der Schulzeit mal wieder Eichendorff zu lesen, ist eine Freude, denn er hat die urmenschliche Zwiespältigkeit der Gefühle perfekt in Reime gegossen:

"Über Bergen, Fluss und Talen,
Stiller Lust und tiefen Qualen
Webet heimlich, schillert, Strahlen!
Sinnend ruht des Tags Gewühle
In der dunkelblauen Schwüle,
Und die ewigen Gefühle,
Was dir selber unbewusst,
Treten heimlich, groß und leise
Aus der Wirrung fester Gleise,
Aus der unbewachten Brust,
In die stillen weiten Kreisen."

 

Ein gelungener Sammelband an Gedichten von dunkler Schönheit des meistvertonten deutschsprachigen Lyrikers. Und natürlich fehlt auch "Weihnachten" nicht.