Starke Frauen

Obwohl, auch oder nur – weil sie eine Frau ist?

Sie wollte Frankreichs erste Präsidentin werden. Ségolène Royal hat es nicht geschafft und die Wahl gegen ihren konservativen Widersacher Nicolas Sarkozy verloren. Dabei setzten viele große Hoffnungen auf die Kandidatin der französischen Sozialisten, die als „Frau an der Macht“ auch zu einem Wandel der politischen Kultur hätte beitragen können.

Von: Gabriela Häfner, Fotos: Marie-Lan Nguyen, stock.xchng, Guillaume Paumier

vom 07.05.07

Ob Merkel, Royal oder Hillary Clinton – allerorts auf der internationalen politischen Bühne ist dieses Spektakel zu beobachten: eine Frau greift nach der Macht und Männer geraten ins Schwitzen. Wer den französischen Wahlkampf der vergangenen Wochen und Monate verfolgte, der musste feststellen, dass es hier nicht allein um politische Gegnerschaften und Inhalte ging. Sondern auch um eine brisante neue  Geschlechterkonstellation, die vielen als ein „Zeichen der Zeit“ galt.

 

„Die Zeit der Frauen ist gekommen, um das Haus Frankreich wieder in Ordnung zu bringen“, so hatte auch Ségolène Royal selbst ihren schnellen Aufstieg zu einer der populärsten Politikerfiguren des Landes gedeutet . Dabei musste die Sozialistin sich auf ihrem Weg „nach oben“ gegen männliche Kollegen und Kontrahenten zu Haufe  durchsetzen – gegen die Männerriegen in der eigenen Partei zunächst, in der so manches karrieremuntere „Schwergewicht“ in erster Reihe saß und die Nominierung Royals eher leise murrend als laut applaudierend hinnahm. Ségolène Royal galt laut Umfragen als die einzige Kandidatin der Linken, die eine ernsthafte Chance hatte, die Konservativen zu schlagen. Und deshalb fiel der Entschluss, lieber diese Frau anstelle anderer möglicher Bewerber ins Rennen zu schicken, obwohl einige der Mitstreiter Royal als viel zu moderat ansahen – als eine politische „Light-Version“ der eigentlichen „Leit-Vision“ im Programmatischen.

 

Dennoch: Noch nie hatte in Frankreich eine Frau eine so gute Chance, Präsidentin zu werden. Und für diese Chance hat Ségolène Royal zu kämpfen verstanden. Immer wieder warf man ihr vor, sie bleibe in den Inhalten zu vage, habe kein überzeugendes politisches Konzept und setze ihre Weiblichkeit zu sehr in Szene  – sei es in der Rolle der vierfachen Mutter oder der Rolle der unverheirateten „modernen Frau“, in denen Royal auch gerne und selbstbewusst auftrat. Die 53-jährige Politikerin hat zusammen mit „ihrem“ sozialistischen Parteivorsitzenden François Hollande, dem langjährigen Lebensgefährten, vier Kinder. 

 

Und in der Tat: Ségolène Royal hat hier und da gezielt auf die „Frauenkarte“ gesetzt. Nicht zuletzt aber auch in Reaktion auf den chauvinistischen Herrenverein, der es sich leicht machen wollte – und auch einfach mal so die „Männerkarte“ spielte. Als feststand, dass Royal für das präsidiale Amt kandidieren würde, fragte etwa der Parteikollege und Ex-Premier Laurent Fabius süffisant nach: „Wer soll sich denn nun um die Kinder kümmern?“ Und ein anderer meinte, daran erinnern zu müssen: „Die Präsidentenwahl, Madame Royal, ist kein Schönheitswettbewerb.“ Royal konterte, fragte im Gegenzug nach den sexistischen Dimensionen solcher Äußerungen – und überzeugte insbesondere, wo sie für einen neuen „femininen  Politikstil“ warb. Viele erhofften sich, dass eben dieser Stil der politischen Kultur Frankreichs ein „weiblicheres“ Gesicht geben könnte.

 

So trat Ségolène Royal in ihren Wahlkampagnen etwa mit dem Schlagwort der „teilhabenden Demokratie“ an und machte sich stark dafür, den Belangen der sozial Schwächeren, der Ausgegrenzten und kleineren Leute mehr Gehör zu verleihen. Sie gab sich „bürgernah“, ließ unzählige Regionalkonferenzen ausrichten, um zu erfahren, was ganz unten an der Basis die Leute an Sorgen und Hoffnungen bewegte, und sie wollte den vermeintlich „weichen“ Themen von Alltag und Sozialem, Familie, Schule und Umwelt zu neuem gesellschaftlichen Gewicht verhelfen.

 

„Wir stehen am Ende einer bestimmten Art, Politik zu machen“, so hat Ségolène Royal einmal verkündet . Und man darf annehmen, dass sie mit diesen Worten auch auf eine Politikerfigur wie Nicolas Sarkozy zielte – auf die Hardliner-Attitüden dieses Mannes, der im Jahr 2005 die explodierende Gewalt in den französischen Vorstädten mit den Worten kommentierte: Man sollte die betreffenden Viertel mit einem Kärcher-Hochdruckreiniger säubern. Von einem „Abschaum“, der sich eben dort bemerkbar mache.  

 

„Alles, nur nicht Sarkozy!“ So lautete denn auch eine Parole in der Endrunde der Präsidentenwahl, mit der die Wähler des bereits ausgeschiedenen liberalen Kandidaten François Bayrou dazu mobilisiert werden sollten, nun im Weiteren für Ségolène Royal zu stimmen. Sie haben es nicht getan oder jedenfalls nicht so zahlreich, dass es für einen Wahlsieg reichte. War ihnen das Versprechen, im „Haus Frankreich“ für Gerechtigkeit, Ausgleich und ein gutes Auskommen aller zu sorgen ­­– dann doch zu populistisch und zu schön, um wahr zu werden? Oder scheiterte Ségolène Royal vor allem auch, weil sie eine Frau ist?

 

Die Frage, ob man die Kandidatin der Linken wählen sollte – obwohl, auch oder nur weil sie eine Frau ist – hielt zumindest nicht nur die französischen Medien in Atem, sondern beschäftigte auch hier. Und je nach Standpunkt fiel der Versuch, den symbolischen Wert einer „Wahl Royal“ auszumachen, unterschiedlich aus.

 

So gab es Stimmen, die sich gegen die Ansicht zur Wehr setzten, man könne doch Royal nicht nur und schon deshalb wählen, weil sie eine Frau ist. „Das wäre ja Sexismus, nur falsch herum!“ Die Französische Schriftstellerin Benoite Groult war da völlig anderer Meinung: „Unter einem Sexismus, der richtigherum ist, leiden wir doch schon seit Jahrhunderten!“

 

Nur 12 Prozent der Abgeordneten im französischen Parlament sind Frauen, das „andere Geschlecht“ stellt also im „Macho-Club der französischen Politik" (die englische Zeitung „The Guardian“) noch immer eine Größe dar, die stark unterrepräsentiert ist. Dennoch wurden Warnungen laut, man dürfe sich von Royals Rolle als „Frau in der Politik“ nicht einen Weiblichkeitsruck per se auf dieser Bühne versprechen. Auf ihr „weibliches Image“ lege die Politikerin zwar großen Wert – auf einen eher straffen und autoritären Stil habe sie aber dennoch nicht verzichtet, um zu Erfolg zu kommen. Und zumindest das sah Alice Schwarzer in der EMMA als einen Grund zum Jubel: „Der Kokon, in dem Frauen bisher als Geschlechtswesen eingeschlossen waren, bekommt Risse!“ Denn in der Politik träten Frauen zunehmend als „komplexe Persönlichkeiten“ in Erscheinung, „männlich“ und „weiblich“ zugleich agierend.

 

„Ihre Kraft ist nicht feminin oder maskulin, sondern persönlich“, so meinten auch andere mit Blick auf Royal zu beobachten. Und genau diese persönliche Kraft sei es, die Ségolène Royal in Frankreich so populär mache: „Denn auch in Frankreich ist die Skepsis der Bürger gegenüber der angeblichen Kompetenz der Führungseliten gewaltig. Deren Arroganz kann niemanden mehr darüber hinwegtäuschen, dass die Versprechungen nur selten in Erfüllung gehen und die Schwäche der Mächtigen groß ist.“ Der Aufstieg von Frauen in der Politik, so die These von Sozialhistorikern, sei auch vor diesem Hintergründen zu sehen, da nur sie in der Lage scheinen, „den verlorenen Kontakt der Regierenden zur Zivilgesellschaft wiederherzustellen.“

 

Als Ségolène Royal sich der eigenen Parteibasis direkt nach ihrer Nominierung für den Wahlkampf präsentierte, hat sie auf diesen Aspekt höchst provokativ angespielt. Sie thematisierte diese Krise in der Autorität einer politischen Klasse des Landes und ließ ein Brecht-Zitat folgen: „Wäre es nicht da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

 

Was bleibt, nachdem nun Ségolène Royal den Sprung in die Rolle einer Madame la Présidente de la République nicht geschafft hat? Es bleibt eine Hillary Clinton ante portas im Jahr 2008. Und es bleibt in Erinnerung, was uns Ségolène Royal in dieser Wahlnacht erspart hat – weil sie eine Frau ist. Die Gerhard-Schröder-Nummer nämlich: Merkel? Das Volk muss sich irren!