Starke Frauen

"Oh Gott! Ein weiblicher Schlosser."

Die einen kommen zu ihnen, weil sie Frauen sind, - die anderen trotzdem.

Von: Astrid Ann Jabusch, Fotos: Astrid Ann Jabusch, autoviva

vom 29.12.06

Obwohl Frauen hierzulande inzwischen alle Berufe offen stehen, wählen die meisten Mädchen nach wie vor klassische Frauenberufe. Ein verschwindend geringer Anteil an jungen Frauen wagt sich in typische Männerberufe, wie  den des KFZ-Mechatronikers. Astrid Ann Jabusch hat Anna Kennerknecht und Simone Palm, die beiden Chefinnen eines KFZ-Betriebs in Berlin-Spandau, gefragt, wie die Zukunft und der Alltag derjenigen Frauen aussieht, die diesen Beruf wählen.

 

Ihr seid von ca. 600 bundesweiten Bosch-Service-Betrieben, der einzige, der von Frauen geleitet wird. Simone, hattest du Schwierigkeiten, deinen Berufswunsch zu realisieren?

Simone: Nein, ich wollte Autoschlosser werden und bin das eben geworden. Es hat mich niemand gefragt, ob ich noch ganz richtig ticke. Im Gegenteil, ich habe immer nur gehört: „Wenn Frauen das wollen, dann wollen die das wirklich und dann wird das auch was“. Ich begegne natürlich auch Vorurteilen. Es gibt schon den einen oder anderen Kollegen, der sagt :„Ach du lieber Gott, ein weiblicher Schlosser!“.

 

Aber ich kann nicht sagen, dass ich wahnsinnig diskriminiert werde. Es ist selten, dass jemand offen ordinär wird, zum Beispiel als einmal einer sagte, die Meisterprüfung hätte ich nur bestanden, weil ich mit dem Prüfer was hatte. Meistens kommt es so subtil rüber, dass man erst nicht merkt, was die wirklich denken. Erst betonen sie, wie toll sie das finden. Dann plötzlich umdribbeln sie dich, bis schließlich rauskommt, dass sie eigentlich damit gar nichts anfangen können. Die sind nicht bösartig oder so. Es fällt dabei nur auf, wie weit entfernt von wahrer Gleichberechtigung wir noch sind. Früher haben die Leute ganz deutlich gesagt: „Frauen? Nee, zurück an den Herd!“ oder „Das ist doch nichts für das zarte Geschlecht“. Heute ist es anders herum. Ich erlebe, dass die Leute sagen: „Eine Frau? Da gehen wir mal hin. Da muss es ja besonders gut sein.“ Dabei will ich einfach ganz normal meine Arbeit tun und möchte nicht deshalb hervorstechen, nur weil ich Frau bin. Die Leute sollen nicht deshalb zu mir kommen, sondern weil ich Qualitätsarbeit liefere. Genau genommen ist das auch Diskriminierung. Die Leute schaffen es oft einfach nicht, meine Arbeit als normal zu sehen.

 

Wenn man früher über Frauen in Männerberufen berichtete, war das stets mit einem Unterton, als hätte man Affen das Klavierspielen beigebracht. Wie ist das heute?

Simone: Von unseren Kunden oder Kollegen kommt so was nicht rüber. Das traut sich auch keiner, dafür sind die Frauen auch einfach zu schlagfertig. Die Konkurrenzsituation ist aber unter den Mitbewerbern sehr groß. Da müssen Frauen eher aufpassen, dass sie sich nicht unterbuttern lassen. Bei Fachgesprächen untereinander stehen dann die Männer zusammen. Ich beteilige mich an solchen Gesprächen nicht, weil mich das nicht weiter bringt. Das sind solche unterschwelligen Diskriminierungen. Aber damit haben wir beide eigentlich keine ernsten Probleme. Wir wissen genau, was wir wollen.

 

Wenn Kunden kommen, „weil“ ihr Frauen seid, kann euch das doch eigentlich nur recht sein.

Simone: Wenn sie kommen, weil wir Frauen sind, können sie das gerne tun. Mir ist es egal, aus welchen Gründen sie kommen. Jeder Kunde wird von uns individuell behandelt. Letztendlich ist es die Arbeit, die stimmen muss.

Anna: ... und dann kommen die Leute auch wieder , und zwar weil wir gute Arbeiten machen und nicht, weil wir zwei Frauen sind.

Simone: Wir sind ja nicht die einzigen, die gute Arbeit machen. Es mag schon sein: Dass, wenn die Kunden schon auswählen können, dass sie lieber dorthin gehen, wo sie es sympathisch finden. Es ist eben schon anders hier. Aber wenn das Auto nicht repariert ist, hast du keine Chance - auch als Frau nicht. Es geht dann letztendlich doch um die fachliche Ebene.

Simone: Wir mussten einen Serviceleiter einstellen, der auch Kundenbetreuung macht. Jetzt hat er interessanterweise festgestellt, dass die Kunden alle männerfixiert sind. Ein Beispiel: Wir stehen hier zu dritt ,  und nur er wird angesprochen. Er steht nur zufällig hier, hat das Gespräch noch nicht mal begonnen. Anna und ich standen beide zusammen und hatten schon mit dem Kunden geredet, als unser Mitarbeiter rein kam. In diesem Moment schwenkte der Kunde über und hat nur noch mit dem Mann gesprochen.

Anna: Es werden immer automatisch die Augen auf den Techniker, den Meister, eben den Mann gerichtet werden.

 

Wie haltet ihr beide das mit der Arbeitsteilung?

Anna: Buchhaltung machen wir mittlerweile beide. Aber grundsätzlich übernehme ich den kaufmännischen Teil und Simone den technischen. Natürlich bin ich auch in der Beratung und der Reparaturannahme, jedenfalls soweit es mein fachliches Wissen zulässt. Alles, was zu sehr in die Technik geht, übergebe ich Simone.

 

Wie kamst du in diese Branche rein?

Anna: Ursprünglich mal über meinen Ex-Mann. Ich habe von Anfang an seinen Laden geführt und habe ihm den dann abgekauft.

 

 Habt ihr einen Überblick, wie viele KFZ-Mechatronikerinnen es zur Zeit gibt?

Anna: Nein. Ich hatte vor Jahren einmal die Anfrage bei der Innung gestellt, wie viele selbstständige Meisterinnen es in Berlin gibt. Als selbstständig erfasste Frauen in der Branche gab es damals rund 30. Aber man kann nicht unterscheiden, ob die Frauen auch in dem Beruf arbeiten oder nur ihren Namen geben. Wie viele KFZ-Meisterinnen es gibt, ist nicht so einfach heraus zu bekommen.

 

Wieviele weibliche KFZ-Mechatronikerinnen habt ihr momentan in euerm Betrieb?

Simone: Wir haben zur Zeit nur zwei Auszubildende. Es ist schwierig , Mechanikerinnen zu finden. Männer finden wir wie Sand am Meer. Deswegen haben sich die Frauen in der Werkstatt bei uns etwas dezimiert. Ich hätte gerne auch eine Service-Leiterin eingestellt oder eine Meisterin meinetwegen. Aber ich habe keine gefunden.

 

Ausbildung und Schule sind ja noch geschützte Bereiche. Die große Frage ist nur, wie geht es danach weiter. Wie sind denn die Chancen für die jungen Frauen, diesen Beruf zu lernen und nach der Ausbildung auch auszuüben?

Simone: Ich kenne eine Werkstatt, die bildet hauptsächlich Mädchen aus, weil es dafür Fördergelder gibt. Man bekommt vom Arbeitsamt eine Förderung, wenn man Mädchen einstellt, die in einem frauenuntypischen Beruf arbeiten –  als frauenuntypisch gilt ein Beruf, in dem der Frauenanteil unter 20 % ist. Aber nach ihrer Ausbildung werden KFZ-Mechatronikerinnen dort nicht übernommen.

Anna:  Die, die bei uns lernen wollten, haben in ihrem Bundesland nichts bekommen, darum kamen sie nach Berlin.

Simone: Es kam auch vor, dass sich die Mädels bei uns nicht wohlfühlten. Man muss dazu sagen, dass es mit Mädchen manchmal auch nicht ganz leicht ist. Mit Jungs ist es einfacher.

 

 

Und warum? Sind Frauen nicht so belastbar? Oder sind die Azubis heute generell zu verwöhnt?

Simone: Nein, Frauen sind nicht weniger belastbar. Aber sie haben andere Vorstellungen von ihrer Ausbildung, wenn sie sich einmal für diesen Weg entschieden haben. Wenn du Jungs zur Ausbildung hast, dann machen die, was du sagst und vertrauen irgendwie darauf, dass es nach drei Jahren einen Gesellenbrief gibt. Bei den Mädels ist es was anderes: Erstens nehmen sie alles persönlich, was du sagst und wenn sie einen Tag lang mal Arbeit machen mussten, die nicht ganz so anspruchsvoll ist, dann ist für sie der Tag verschenkt.Bisher haben noch alle die Gesellenprüfung geschafft, auch die, die mal einen Tag die Werkstatt gefegt haben. Ein Junge macht da weniger Probleme, er kann sich gar nicht vorstellen, dass du es persönlich gegen ihn meinst. Auf der einen Seite ist es natürlich gut, dass die Mädels das so anspruchsvoll sehen und auch so bewusst ihre Ausbildung machen. Aber so ist das Leben einfach nicht. Ich muss mich ganz stark zusammen nehmen, um da nicht selbst ein Vorurteil herauszubilden.

Anna: Wir hatten auch schon öfters „ältere Damen“, die sich mit 30 überlegt haben, diese  Ausbildung zu machen. Das waren Frauen, die erst etwas anderes gelernt hatten, weil ihre Eltern das so wollten und erst dann ihre eigenen Ziele verfolgen konnten. Für die hatte dieser Beruf dann noch eine besondere Bedeutung.

 

Vielleicht wird das ja auch in dem Maße normaler, indem es mehr Werkstätten gibt, die von Frauen geführt werden ...?

Simone: Könnte sein. Wir geben es jedenfalls nicht auf. Wir haben erst jetzt wieder ein Mädchen eingestellt. Wobei ich auch sagen muss, dass sich schon viele hier beworben haben, bei denen man sich gefragt hat, wie die je einen Hammer hochkriegen wollen. Ein bisschen muss man schon drauf haben. Man muss zupacken können und darf keine Angst davor haben, denn man kann nicht alles im Kopf lösen als KFZ-Mechatronikerin. Und wenn hier ein Mädel rein kommt, das aussieht wie 12, dann geht das nicht. Dann ist sie für den Beruf körperlich ungeeignet. Bestimmte Sachen musst du einfach bringen, da nutzt es nichts, wenn du intelligent bist. Oder du musst Fahrzeugtechnik studieren, das geht ja auch.

 

Nun siehst du aber auch nicht gerade aus wie eine russische Diskuswerferin ...

Simone (lacht): Nein, so sah ich auch noch nie aus. Trotzdem habe ich Kraft und bin trainiert. Aber wir haben schon viele gehabt, die einfach Angst davor hatten, richtig fest zu zupacken. Anfangs ist das normal. Aber wenn es dann richtig gezeigt wird und das Mädchen beim zehnten Mal immer noch mit zarten Fingerchen ein Radlager anfasst, ist sie für den Beruf nicht geeignet. Aber ich will nicht in die Kerbe reinhauen zu schwer für dich. Zu schwer war früher mal, als man noch keine Hebewerkzeuge und Schlagschrauber hatte. Im Grunde ist es ähnlich, wenn ich Sportlehrerin werden will: Da muss ich einfach bestimmte körperliche Voraussetzung mitbringen.

 

Werden KFZ-Mechatronikerinnen gebraucht in der Zukunft?

Simone: Ja, da ist auf jeden Fall Bedarf. Bei den Fahrzeugen, die jetzt gebaut werden, kann man weder einen Service durchführen noch die Bremsflüssigkeit wechseln ohne Einsatz des Rechners. Wenn du heute ein Auto instand setzen oder warten willst, musst du in der Lage sein, Fehlerspeicher auszulesen, zu löschen, zurückzustellen und mit dem Rechner Routinen abzufahren. Neben einem Schraubenschlüssel ist auf jeden Fall der PC das Werkzeug, mit dem du in Zukunft ein Auto reparierst. Jemand, der diesen Beruf wählt, muss sich dessen bewusst sein.

Der klassische Beruf sah anders aus. Die Leute müssen sich heute vorstellen können, wo im System der Fehler liegen könnte, denn man sieht ihn nicht mehr. Man muss Rückschlüsse ziehen. Es kommen sogar viele Werkstätten als Kunden zu uns, weil sie das Equipment nicht haben und auch nicht das Know-how. Das ist einerseits gut für uns und wir investieren ständig weiter in diese Ausrüstung. Aber man muss auch Mitarbeiter haben, die das bedienen können. Die Leute müssen laufend geschult werden, immer wieder auf teure Speziallehrgänge für Mechatronik, Elektronik und Diagnose gehen.

Das und die Software, die man dafür Jahr für Jahr kaufen muss, kosten Unmengen von Geld. Leider sehen die Leute das nicht. Wenn ich dann für eine Motordiagnose 40,- € nehme, ist das schwer zu vermitteln. Der Angestellte, der diese Untersuchung macht, steckt ja nur einen Stöpsel ein und hat hinterher kaum dreckige Hände. Aber er muss ja damit umgehen können und über die nötige Erfahrung verfügen. Es steht ja  nicht auf dem Display „Wechseln Sie bitte Fühler Sowieso aus“. Das wäre schön - dann könnte das ja meine Mutter machen. Nein, die Fehlermeldungen lauten anders, und das muss man dann deuten können.

 

Meinst du, dass Frauen dafür besonders geeignet sind?

Simone (zögert): Nein, ich glaube nicht, dass Frauen in irgendeinem Punkt, was diesen Bereich angeht, besonders geeignet sind. Das hat nichts mit Frauen oder Männern zu tun, glaube ich. Natürlich, wenn eine Frau eine Zeit lang im Servicebereich tätig ist, kann es sein, dass die Kommunikationsbasis zum Kunden eher hergestellt ist als bei männlichen Angestellten. Das aber hat nichts mit diesem Beruf an sich zu tun, sie könnte auch Roll- Läden verkaufen. In unserem Beruf habe ich nicht die Erfahrung gemacht, dass es geschlechtsspezifische Vor- oder Nachteile gibt. Jeder, der anfängt, reißt erstmal die Schraube ab, statt die ordentlich anzuziehen, weil er einfach erstmal ein Gefühl dafür entwickeln muss.

 

Also sollte wohl jeder das machen, was er am besten kann – egal ob Männlein oder Weiblein. Das war ein sehr informatives Gespräch. Danke, dass ihr mir die Zeit geschenkt habt.