Fürs Auge

„One people, many journeys“

Ein Reisebildband? Schon wieder einer? Ist denn nicht schon längst alles fotografiert worden?

Von: Bärbel Kerber, Fotos: Lonely Planet Verlag

vom 03.11.06

Nun, selbst wenn dem so wäre – entscheidend ist so häufig der Kontext. Auch hier geht es um einen besonderen Blickwinkel. Nämlich um uns -, um „ein“ Volk, das gemeinsam die Erde bewohnt. Darum wie jeder einzelne in so verschiedener Weise sein Leben bestreitet und wie sich am Ende des Tages unsere Wege irgendwie doch wieder ähnlich sind. „While each and every one of us may follow our own unique path, we are all on the same journey,“ heißt es nicht umsonst in dem Buch.

 

 

                  

Der Bildband vom „Lonely Planet“-Verlag ist eine fantastische Zusammenstellung von Bildern, die zeigen, wie Geburt, Spiel, Liebe, Arbeit, Feiern und Tod (dem Lebenszyklus folgend) von den Menschen in allen Winkeln dieser Welt gelebt und praktiziert wird. Ganz eigentümlich wird uns dabei klar, wie gleich wir uns doch alle darin sind, in dem was wir tun und fühlen. Und dann – gleichzeitig – demonstrieren die Fotos ungnädig und vielleicht ungewollt, wie entfernt wir wiederum davon sind, wirklich „one world“ zu sein. Die Wohlstandunterschiede sind nicht zu übersehen. Hier existenzielle Not, dort Überfluß, der neidisch macht. Hier unmenschliche Arbeitsbedingungen in einer indischen Ledergärberei, dort ein Gärtner auf einem Sitzrasenmäher im Baseballstadion von Seattle, Washington.

 

 

Trotzdem: Entweder die Gefühle oder die Situationen, die gezeigt werden, kennen wir alle aus eigener Erfahrung. Sei es das Fussballspiel, die Umarmung, die Hochzeit, das Entsetzen, die unbändige Freude, die Hoffnungslosigkeit. Und so kommt es, dass beim Betrachten es plötzlich nicht mehr „die“ und „wir“ sind, sondern vielmehr ein „uns“ sich einstellt – wie es Maureen Wheeler, die Mitbegründerin vom Verlag „Lonely Planet“,  im Vorwort ausdrückt.

 

Nachdenklich, erheiternd, bizarr, herzerwärmend und manchmal auch schockierend.

 

Dabei ist es oft gerade die gelungene Gegenüberstellung zweier Fotos, die jeden Kommentar überflüssig macht: Wenn beispielsweise eine linke Buchseite zeigt, wie ein unterernährtes Kind aus Kitgum (Uganda) gewogen wir, während auf der rechten Seite das Foto ein australisches Neugeborenes mit einem rekordverdächtigen Geburtsgewicht von 5,2 kg demonstriert. 

 

Der bemerkenswerte Bildband ist einer, der wohl kaum im Bücherregal neben den vielen anderen Wälzern verstaubt. Es ist ein Buch, das mit jedem Durchblättern Neues entdecken lässt. Auch Kinder fasziniert es, zu sehen, wie andere Menschen leben. Das Betrachten der Fotografien ist eine Bereicherung für alle Leute, die eine Vorliebe für Bilder und Reisen haben, und hinterläßt einen merkwürdig berührt zurück.

 

 

 

 

 

Zu den Fotos:

 

1. Die Fotoaufnahme ist für den Jungen im Flüchtlingscamp in Gabcikovo (Slowakei) eine willkommene Abwechslung. – Fotograf: Balazs Gardi

 

2. Der Stolz ist groß auf eine selbstkonstruierte Satellitenanlage für Telefon- und TV-Empfang in einem Flüchtlingslager in Tschad, wo sich Flüchtlinge aus Dafur (Sudan) auf eine dauerhafte Bleibe einstellen müssen. – Fotograf: Sven Torfinn

 

3. Junge Mönche in Hsipaw (Myanmar) spielen mit einer Plastikpistole. – Fotograf: Corey Wise

 

4. Buchcover: Oben: Jungs beim Zeitvertreib in den Strassen von Hargeisa (Somalia). - Fotograf: Kevin Fleming; Unten: Pause für die Nonnen in Arequipa (Peru). - Fotografin: Melissa Farlow