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Opa Keith

Es gibt Werbung, und es gibt Luxuswerbung.

Normale Werbung zeigt zum Beispiel Hackepeter mit Zwiebelringen an Petersilienbeilage. Luxuswerbung zeigt halbnackte, verträumt in die Gegend starrende Menschen an Swimmingpools in bergigen Landschaften. Gemeinsam haben normale Werbung und Luxuswerbung die Anregung fleischlicher Gelüste. Manchmal! Meistens sollen materielle Gelüste geweckt werden. Neuerdings muss Werbung Geschichten erzählen, Storytelling nennt man das. Besonders beliebt sind diese Geschichten bei Koffermarken aller Art. Eine dieser Koffergeschichten, genauer gesagt, eine Louis-Vuitton-Geschichte, fotografisch in Szene gesetzt von Annie Leibovitz, spielt sich um drei Uhr morgens in einem Hotel in New York ab: 

Da sitzt ein schrumpeliger alter Mann in Lederjacke mit einem schwarz-weißen Haarband, das von einer Nadel mit Perle gehalten wird, einem Hemd im Tigerlook und allerlei silbrigem Gebamsel an seinen Handgelenken auf dem Bett und schrammelt versonnen auf seiner schwarzen E-Gitarre herum. Er heißt Keith Richards, und er ist allein.

Keith hat es sich ein bisschen gemütlich gemacht und gewährt dem Betrachter der Anzeige einen Einblick in das Leben eines alternden Rockstars bei Nacht. Das will man allerdings angesichts des Fotos gar nicht wissen, denn es muss ziemlich einsam und öde sein. Keith hat schon ein Kännchen Tee auf ex gesoffen, das steht jetzt auf dem kleinen Plüschsessel neben der Badezimmertür.

Jetzt, mitten in der Nacht, spielt Keith E-Gitarre, aber ohne Verstärker. Einen Blues in C-Dur stimmt er an - so steht es zumindest unter dem Bild, wie auch Ort und Uhrzeit. Das ist wichtig, denn schließlich soll der Betrachter sich ja sozusagen mittendrin fühlen, um drei Uhr nachts mit Keith und seiner Gitarre im Bett in New York. Man weiß allerdings nicht, ob man das wirklich will, einen tuntig geschminkten, depressiv vor sich hin klampfenden Keith Richards um drei Uhr nachts neben sich im Bett. Vermutlich ist der Keith aber genau deshalb so allein. Armer Kerl! Na ja, selbst schuld! Wer sich ein Leben als Rockstar aussucht, der muss im Alter mit dem Schlimmsten rechnen, selbst damit, dass er mal ein langweiliger Spießer wird, der sich für Nobelmarken prostituiert.

Oder ist es das wirklich, wonach sich alternde Rockstars sehnen? Statt Sex, Drugs 'n' Rockn' Roll, heißt es jetzt: Tea, Books, 'n’ Louis Vuitton. Wozu auch Sex, man hat ja sein Louis -Vuitton-Köfferchen im Bett. Wer braucht schon Groupies, wenn er so einen schicken Louis -Vuitton-Koffer hat? Das muss die Botschaft der Anzeige sein: Hey you Rocker, Louis Vuitton ist besser als Sex!

Aber nein, der Keith ist nicht so einer. Nichts da mit Koffersatisfaction, auch das letzte Itzelchen an Illusion eines aufregenden Rockerlebens wird mit der Anzeige zerstört: Keith benutzt seinen Koffer lediglich als Buchunterlage. Das ist aufgeschlagen, und zwischen den Seiten liegt eine altmodische Lupe mit Holzgriff! Wenn Opa Keith also nicht Klampfe spielt, dann ist er also ein somnambuler Lupenleser und Teekännchentrinker. Ach! Ach! Ach! Was ist nur aus unseren Rockstars geworden? Jugend, lasst euch das eine Warnung sein, selbst Bankangestellte führen im Alter ein aufregenderes Leben als Keith Richards!