Männerecke

Papa, ärgere dich nicht

Gibt es etwas Freudvolleres, als mit seinen Kindern zu spielen? Erstens macht es unbändigen Spaß, zweitens lernen die Kleinen dabei elementare Dinge fürs Leben, und drittens oder eigentlich erstens: Man gewinnt häufig.

Ephraim Kishon hat darüber geschrieben, wie er mit seinem minderbegabten Sohnemann versucht, Tischfußball zu spielen – und schließlich in seiner Verzweiflung all seinen eigenen Holzfiguren Füße und Beine abbricht, nur um seinen unfähigen Jungen siegen zu lassen und dessen Selbstbewusstsein zu heben. Wie erbärmlich! Wie soll es das Selbstwertgefühl eines Pimpfes befördern, wenn er sich gegen einen sichtlich wehrlosen Gegner durchsetzt? Das verstärkt doch nur das Schwächlingstum. Nein, Kinder entwickeln Siegeswillen, Kampfkraft und Durchsetzungsvermögen nur dann, wenn man ihnen mit Härte und Ehrgeiz entgegentritt. Steffi Graf wird man nicht im Streichelzoo. Mit diesem Wissen spiele ich mit, das heißt: gegen meine Töchter.

Reine Glücksspiele lehne ich ab. Würfeln kann jeder Depp. Etwas Geschick, Strategie und Taktik sollten schon von früh an gefordert werden dürfen. Natürlich gibt es hin und wieder Tränen, wenn ich Dana bei »Ene mene mu« alle ihre Kühe und Pferde aus dem Pappstall ziehe oder wenn sie merkt, dass sie bei »Tiere füttern« schon wieder weniger Nuss-, Apfel- und Getreide-Karten gesammelt hat als der schlaue und emsige Papa. Meine Frau wirft mir dann vorwurfsvolle Blicke zu, aber die halte ich aus, denn ich weiß, dass es zum Besten aller Beteiligten ist, wenn ich konsequent auf Sieg spiele und jeder Verweichlichung entgegenwirke. Michael Schumacher wird man nicht im Kuscheleck.

Apropos meine Frau. Die sollte ich beim Spielen eigentlich überhaupt nicht mittun lassen. Sie verschont bei »Mensch ärgere dich nicht« – ohnehin ein selten blödes reines Glücksspiel – ihre gefährlich aussichtsreich in Führung liegende Tochter und schlägt lieber mit lautem Taraaa eine meiner Figuren. Leider muss ich dann, wenn ich an der Reihe bin, meine Tochter ebenso verschonen, weil ich nun meine Frau raushauen muss. Mit noch lauterem Taraa. Dummerweise gewinnt nun meine Tochter das Spiel, weswegen ich meiner Frau Vorhaltungen mache. Sie sagt, natürlich, unausweichlich: »Mensch, ärgere dich nicht«, Dana lacht, ich werde noch saurer, worauf meine Frau wiederum meint, wenn ich schon wollte, dass mein Kind beim Spielen etwas lerne, dann könnte ich ihr doch mal vormachen, wie man ein guter Verlierer wird. Boris Becker war nie ein guter Verlierer.

Meine Töchter sollen zwar durchaus lernen, gute Verlierer zu werden, das ist eine ehrenwerte Fähigkeit, aber das sollen sie durch Verlieren lernen. In erster Linie aber sollen sie für ihr späteres Leben lernen, Siegerinnen zu werden, Championettes, Triumphatorinnen, und das geht nur auf hartem Wege. Indem sie sich mit ihrem überlegenen Vater messen und, durch Niederlagen angestachelt, wachsen. Warum ist Beckenbauer wohl Weltmeister und Kaiser geworden? Weil er 1966 das WM-Endspiel verloren hat.

Das alles bedeutet allerdings, dass ich gegen Dana nicht im Memory antreten sollte. Wenn wir mit nur zehn Kartenpaaren spielen, habe ich noch eine Chance, aber bei mehr als 20 Bilderkärtchen sehe ich gegen die Vierjährige kein Land. Ich stiere auf das Spielfeld, konzentriere mich verbissen, merke mir ganz genau, wo welches Motiv versteckt liegt, Ball, Sonnenblume, Auto, Bausteine, Bonbon und so weiter; dann decke ich Ball und Auto auf. Oder Bärchen und Schuh. Oder Brezel und Bonbon. Ein Debakel. Dana hingegen blickt kaum auf die Karten, ihr Blick schweift durch den Raum, sie bohrt gedankenverloren in der Nase, und dann deckt sie auf: Ball und Ball, Auto und Auto, Schuh und Schuh.

So kann es nicht weitergehen. Was lernt Dana denn, wenn sie sich immer spielerisch leicht durchsetzt? So einfach geht es im Leben nicht zu, das muss sie erfahren. Auch wenn es mir selbst schwerfällt.

Ich beginne, die Spielregeln ein wenig zu variieren. Ich deute mitten im Spiel aus dem Fenster und sage: »Dana, schau da hinten läuft ein Pferd«. Während sie mit den Augen draußen nach den Viechern sucht, blicke ich rasch unter die Karten, um mir einen kleinen Wissensvorsprung zu verschaffen. Der Erfolg: Ich fühle mich mies, und Dana gewinnt noch immer.

Während der nächsten Runde greife ich zu Schokolade, die mir wie aus Versehen aus der Hand und unter den Tisch fällt. Während Dana die Schokolade aufhebt, vertausche ich die Karten ein wenig. Ich fühle mich wieder mies, aber immerhin hat Dana etwas Süßes bekommen, und außerdem verliere ich wieder, wenn auch nur knapp. Aber ich verliere.

Offenbar muss ich zu extremeren Methoden greifen. Möglichst unauffällig beschrifte ich die Rückseiten der Karten, schreibe »Schuh«, »Brezel« und »Bonbon« darauf. Dana kann schließlich noch nicht lesen. Meine Frau allerdings schon. »Schäm dich«, sagt sie. Ich schäme mich, aber ich mache das doch nur zum Besten unserer Kinder. Später werden sie es mir danken. Später werden sie aber auch Lesen können, fällt mir ein. Ich sollte rechtzeitig ein neues Memoryspiel kaufen. Und lernen, ein guter Verlierer zu werden.

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Magdi Aboul-Kheir ist deutscher, als es klingt. Er lebt in Ulm und arbeitet dort als Kulturredakteur einer Tageszeitung. Der vorliegende Text ist in dem Webblog kolumnen.de erschienen und wurde uns freundlicherweise für eine Zweitveröffentlichung zur Verfügung gestellt.

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Fotonachweise:

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