Wissenswertes

Parfümieren statt waschen

Wasser ist zum waschen da? Nun, früher sah man das völlig anders. Nicht etwa weil einem Körperhygiene schnurz war. Gerade die Adligen hatten weiß Gott viel Anstrengungen unternommen, gut zu riechen. Trotzdem hätten wir heute nur die Nase gerümpft. Ein Ausflug in die Körperkultur des 18. Jahrhunderts.

Von: Isabel Huster, Fotos: stock.xchng

vom 26.03.07

Heute legen die meisten Menschen großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Das tägliche Waschen des Körpers und der Haare sowie der Gang zum Friseur oder zur Fußpflege sind längst zur Gewohnheit geworden. Viele besuchen außerdem regelmäßig Solarien, um gesund und fit auszusehen.

 

Im 18. Jahrhundert wurde eine von unserem Ideal abweichende Körperpflege betrieben. Am Hofe Friedrichs des Großen benötigten die Damen und Herren wie heute oft mehrere Stunden für ihre Toilette. Das Waschen mit Wasser galt jedoch im höchsten Maße als gesundheitsgefährdend. Die damaligen Ärzte glaubten nämlich festgestellt zu haben, dass das kühle Nass die Menschen krank machen würde. Sie rieten ihren Patienten deswegen, sich möglichst wenig zu waschen. Ihrer Beobachtung nach würden Wasser und Hitze dazu beitragen, die Poren der Haut zu öffnen. Hierdurch könnten Krankheitserreger ungehindert in den Körper eindringen und ihr Unwesen im Körper des Betreffenden treiben.

 

Bekanntschaft mit tödlichen Seuchen hatten die Menschen bereits in Form der Pest und Syphillis gemacht. Die Ärzte waren der Ansicht, dass die noch bis ins ausgehende Mittelalter existierenden Badestuben zur Verbreitung dieser Krankheiten beigetragen hätten. Die Badehäuser waren seit dem Mittelalter feste Institutionen gewesen, die überall in den Dörfern, Burgen und Klöstern zur Verfügung gestanden hatten.

 

Im 18. Jahrhundert wuschen sich die Adligen aus Angst vor ansteckenden Krankheiten nur noch die nicht bedeckten Körperteile wie Gesicht, Hände und ab und zu die Füße. Hierfür reichte ein halber Liter mit Rosenblüten- oder Orangenschalenzusatz aus. Aus damaliger Sicht war es völlig überflüssig, in den Schlössern Wasserrohre zu installieren oder Badezimmer einzurichten. Wasser musste aus den Brunnen, Flüssen oder Seen herantransportiert werden. Die Wasserreservoirs waren im Vergleich zu heute ziemlich schmutzig, da hier ein großer Teil des Abfalls entsorgt wurde. Aus diesem Grund stellte das Wasser in der Tat ein gefährliches Sammelbecken für Bakterien und Krankheitserreger dar.

 

Als Ersatz für das Waschen mit Wasser verwendeten die Höflinge Puder für die Haare und Parfüm für den Körper. Die natürlichen Haare und auch die zur damaligen Zeit verwendeten Perücken wurden seit etwa 1720 mit Mehl bestäubt. Der Puder entzog den Haaren das Fett und wurde später wieder herausgekämmt. Der Vorläufer unseres Trockenshampoos war geboren. Um Läusen vorzubeugen, rasierten sich die Männer die Haare völlig ab. Frauen und Kinder behielten ihr natürliches Haar. In der Öffentlichkeit trugen jedoch die meisten Höflinge Perücken. Das Haar wurde nicht nur aus hygienischen Gründen gepudert, denn die weiße Farbe hatte auch den Vorteil, dass es die Menschen älter und damit würdiger erscheinen ließ. Die Adligen wollten sich außerdem mit aller Kraft vom einfachen Volk unterscheiden, das keine künstlichen Haare trug. Perückenträger galten in der Gesellschaft als weise und wurden als Respektpersonen angesehen.

 

Um die Gerüche eines ungewaschenen Körpers zu übertönen, parfümierten sich die Damen und Herren. Unter den Kleidern trugen sie kleine Behälter, die mit gutriechenden Substanzen wie Moschus oder Ambra gefüllt waren. In die Säume der Damenkleider wurden wohlriechende Duftkissen eingenäht. Eine andere Möglichkeit, dem Geruch zu trotzen bestand darin, den Körper mit getrockneten und zerkleinerten Rosenblättern abzureiben. Gegen den schlechten Mundgeruch spülte man diesen mit Zimtwasser oder kaute kleine Duftkügelchen. Es galt als absolut vulgär, zu riechen. Trotz der erbitterten Versuche, den Körper auch ohne Wasser sauber zu halten, war die Haut der meisten mit einer Art von Kleister überzogen.

 

Zum Pflegeritual eines Adligen gehörte neben dem Pudern und Parfümieren auch das Schminken. Hierdurch versuchten die Menschen, Hautunreinheiten, Pockennarben oder andere Verunstaltungen zu kaschieren. Zur Herstellung der weißen Schminke, die als Grundierung diente, gab es verschiedene Rezepte: Eine beliebte Zusammensetzung bestand aus Eiweiß, Honig, Gummi und zerstoßenen Schneckenhäusern. Zusätze von Bleiweiß oder Quecksilber bewirkten zwar einen strahlend glänzenden Teint, waren jedoch äußerst schädlich. Sie fraßen sich nämlich in die Gesichtshaut hinein und griffen sogar die Zähne an. Um von den schlechten Zähnen abzulenken, klebten sich die Frauen Schönheitspflästerchen aus Samt oder Taft, die sogenannten mouches, ins Gesicht. Gummi-Arabicum diente dabei als Klebstoff.

Es galt als äußerst unschicklich, auf die Schminke zu verzichten. Mit ihr versuchten die Menschen außerdem, den Eindruck ewiger Jugend zu vermitteln. Mit der weißen Farbe im Gesicht konnte keiner das wirkliche Alter des Geschminkten bestimmen, was allen schmeichelte.

 

Mit dem Auflegen der Schminke war die erste Phase der Toilette, die sogenannte platrâge, abgeschlossen. Danach bemalten die Höflinge ihre Wangen mit Rouge. Es gehörte zum guten Ton, das Wangenrot extrem dick aufzutragen. Die natürlichen Gesichtszüge durften nicht mehr zu erkennen sein. Als vulgär oder animalisch wurden diejenigen bezeichnet, die sich nur dezent puderten und wenig Make-up benutzten. Der Weiß-Rot-Kontrast zwischen Schminke und Rouge galt als vorbildlich.

 

Die Lippen wurden ebenfalls kräftig rot gemalt und die Augenbrauen geschwärzt. Eine Besonderheit der damaligen Zeit bestand im Nachzeichnen blauer Äderchen im Gesicht. Auf diese Weise sollte die Zerbrechlichkeit und die Noblesse des adligen Blutes nach außen deutlich sichtbar werden.

 

Das Schminken diente den Trägern ebenfalls dazu, sich von der arbeitenden Bevölkerung abzugrenzen. Eine braun gebrannte Haut war absolut verpönt. Die Höflinge wollten unnatürlich und kränklich aussehen. Manche Frauen aßen Kies oder Asche, damit sie nach dem Erbrechen besonders leidend aussahen.

 

Da die Verwendung von Parfüm nicht immer genügend Sauberkeit gewährleistete, wurde das häufige Wechseln der Unterwäsche zur Mode. Schon ein kleiner Fleck konnte dazu führen, dass die Wäsche gewechselt wurde. Die Menschen glaubten, dass die Unterwäsche die Reinigung des Körpers übernehmen könnte.

 

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts schafften die Überwacher der Hygiene die Verwendung von Puder und Schminke nach und nach ab. Sie hatten die gesundheitsschädliche Wirkung des Bleiweißes oder Quecksilbers endgültig erkannt. Das Desinfizieren des Wassers durch die Verwendung von Chlor wurde gängige Praxis. Dies hatte die allmähliche Verbreitung des natürlichen Umgangs mit Wasser und Seife, wie wir ihn heute pflegen, zur Folge.