Reizthema

Parkettboden sucht Putzfrau

Das „Dienstmädchen“ kehrt zurück. Immer mehr private Haushalte greifen auch hierzulande auf seine Arbeitskraft zurück. Die „Dienstbotin des 21. Jahrhunderts“ aber, sie kommt immer häufiger aus den ärmeren Ländern unserer Welt und macht in Westeuropa nicht nur das Parkett schön sauber. Alltagsglanz zaubert sie auch in die Beziehungen der Geschlechter, die von Konflikten um Küche und Kinderstube gleich mit bereinigt werden. Wer spricht davon? Wir doch nicht. Schließlich wähnen wir uns gerade auf dem Laufsteg eines „neuen Feminismus“ – mit Scheuklappen vor den Augen?

Von: Gabriela Häfner, Fotos: photocase.com und stock.xchng

vom 19.04.07

„Wir müssen unser Land für die Frauen verändern“, lautet der Titel eines Buches, das gerade erschienen ist. Die TV-Journalistin Maria von Welser präsentiert darin Gespräche mit Ursula von der Leyen, in denen die Familienministerin ihre Politik erläutert. Der Titel hat etwas viel versprechendes – aber gilt dieses Versprechen auch für alle? Auch für jene Frauen, die hierzulande nur wenig Öffentlichkeit bekommen, obwohl unsere Leistungsgesellschaft ohne sie als Stützen aus dem Gleichgewicht käme?

 

Gemeint sind jene „cosmobilen Putzhilfen“, auf die Maria Rerrich unlängst mit ihrem Buch „Die ganze Welt zu Hause“ aufmerksam machte. Die Münchener Soziologin beschreibt in diesem Buch die prekären Lebenssituationen von Frauen, die als Migrantinnen nach Deutschland kommen, um in unseren Wohnungen den Alltag am Laufen zu halten. Doch wo sie putzen, Kinder betreuen oder die Alten pflegen, geschieht dies nicht selten ohne arbeitsrechtlichen Schutz, weil entweder Aufenthaltspapiere fehlen oder die Arbeit sich ohnehin nur dann rechnet, wenn sie schwarz geleistet wird – sich für den Arbeitgeber rechnet, versteht sich.


Maria Rerrich beleuchtet in ihrem Buch eine „Schattenwirtschaft“, die sie scharf kritisiert. Eine „Schattenwirtschaft“, in der illegale weibliche Arbeitskraft billig gehandelt und gleichzeitig Mechanismen der Ausbeutung preisgegeben wird. Wobei es viele Akteure sind, die hier mitwirken. Und Zahlen und Fakten sind natürlich nur schwer zu ermitteln, weil der zu reinigende Teppichboden eben zunächst als „Privatsache“ gilt.


Ganz gut dokumentiert ist dennoch zumindest die Situation philippinischer Frauen. Mehrere Millionen sind es, die sich heute als Haushaltshilfen weltweit ihr Geld verdienen – wenn auch weniger in Deutschland, wo vor allem Frauen aus Osteuropa in diese Rolle schlüpfen. Dennoch: Was Rerrich und auch andere hier beispielhaft beobachten, muss irritieren.


So sind es viel öfter, als man annehmen möchte, gerade auch gut ausgebildete Frauen, die ihr Land verlassen, um anderswo in der Welt zu putzen. Dass in den Herkunftsländern dieser „brain drain“ und Exodus von Fachwissen hingenommen wird, hat natürlich Gründe. Die größte Devisenquelle des Landes ist für den philippinischen Staat derzeit eben nämlich Geld, das im Ausland durch Haushalthilfen erwirtschaftet wird und in die Heimat zurückfließt. Denn „daheim“ – auch das gehört ins Bild der „cosmobilen Putzfrau“ – gibt es meist Familien, die unterstützt werden müssen, sogar Jahre der Trennung werden dafür mitunter in Kauf genommen. Fast ein Drittel aller philippinischen Kinder wächst laut Rerrich heute von Mutter oder Vater zumindest zeitweise getrennt auf, in der Obhut von Verwandten oder auch eines Kindermädchens. Und dass dieses Kindermädchen wiederum nur billigst bezahlt werden kann, sozusagen am Ende einer Kette globalen Lohndumpings, liegt auf der Hand.


Die Fragen, die Maria Rerrich mit ihrer Studie aufwirft, muss man ernst nehmen. Vor allem auch die Fragen zu einem Geschlechterkonflikt unserer Zeit, der noch lange nicht gelöst scheint – zumindest nicht vor dem Hintergrund dieser „neuen, weltweiten Frauenbewegung“, auf die Maria Rerrich den Blick lenkt. Haben wir nur verschoben und verlagert, verdeckt und besänftigt, was wir zwischen den Geschlechtern an Konflikten eigentlich austragen wollten? Auf dem Rücken eben dieser anderen „von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkten Frauenbewegung“, die selbstverständlich nicht Emanzipationsideale verfolgt, sondern nur der Armut ausweicht?


"Die Dienstbereitschaft der (Haus-) Frauen, die jahrzehntelang so selbstverständlich umsonst zur Verfügung stand wie frische Luft, ist heute eine knapper werdende Ressource“ so schreibt Maria Rerrich. Immer mehr Frauen in den Wohlstandsländern dieser Welt möchten heute berufstätig sein und sind es auch. Wo sie aber aus der alten Rolle der vollzeitbeschäftigten Haushaltskraft aussteigen, sind es noch lange nicht die Männer, die in diese Rolle mit einsteigen. Weshalb in den Familiennestern unserer Tage gewisse Engpässe sich zunehmend bemerkbar machen. Und wie lassen sich solche Engpässe beheben – im Zeichen einer neuen Gleichstellung der Geschlechter eben auch? Nun ja, nicht immer, aber immer öfter scheinbar nur so:


„Es muss ungefähr 1997 gewesen sein. Mein Freund Gunio und ich zogen in eine Dreizimmerwohnung. Das war der erste ernste Schritt auf dem Weg in die geteilte Haushaltführung. Als bedrohlich für unser Zusammenleben erwiesen sich Unordnung und Schmutz. Ungefähr ein Jahr lang hielten wir es mit den fast täglichen Streitereien über eine gerechte Verteilung der Haushaltsaufgaben aus, dann taten wir das bis dahin Undenkbare und engagierten eine Putzfrau – aus Polen“ so das Bekenntnis einer Journalistin, die auf das Buch „Die ganze Welt zu Hause“ in der FAZ reagierte und eigene Erfahrungen hinzuzog.


In vorsichtigen Schätzungen nehmen Wissenschaftlerinnen an, dass jeder achte Privathaushalt in Deutschland heute eine Haushaltshilfe beschäftigt – Tendenz steigend. Im Hintergrund dazu ist natürlich auch der Richtungswechsel zu sehen, den wir gerade in der Familienpolitik erleben und der zuversichtlich stimmen möchte: dass auch hierzulande die Karten neu gemischt werden und Aufgaben zwischen Berufswelt einerseits und Haushalt und Familie andererseits zwischen den Geschlechtern neu verteilt. „Haushaltsnahe Dienste“ – sie erscheinen derzeit ein wenig wie das „Ass im Ärmel“, mit dem ein neues Familienmodell spielerisch zum Laufen gebracht werden soll. Familienministerin Ursula von der Leyen fordert deshalb auch ein besseres Angebot an Dienstleistungen in diesem Bereich. In ihren Gesprächen mit Maria Welser erläuterte sie diese Forderung etwa so:


„Wir brauchen ein breitflächiges Netz transparenter, legaler haushaltsnaher Dienstleistungen. Das beginnt bei der Kinderbetreuung, das geht über den Wäscheservice, über Hol- und Bringdienste für Getränke und Lebensmittel bis hin zu Pflegediensten. Diese Dienstleistungen gibt es im Ausland viel professioneller, deshalb kostengünstiger und vielfältiger. Aus diesem Grund sind sie einfacher nachzufragen und abzurufen. Und sie schaffen Arbeitsplätze, hinter denen auch wieder Familien stehen. Wenn es solche Dienstleistungen gibt, ist es leichter für junge Frauen zu sagen: Ich möchte in meinem erlernten Beruf arbeiten. Aber ich kann nicht gleichzeitig Kochgenie, Ladenschlusszeitenexpertin, Gärtnerin, Putzfrau, Ärztin, Nachhilfelehrerin, Fuhrunternehmerin, liebevolle Mutter, interessante Partnerin und was sonst noch alles sein.“


Natürlich bleiben in dieser Erläuterung viele Fragen offen. Nicht nur die, ob Männer eigentlich gar nichts können. Die entscheidende Frage ist natürlich, wie alles das, was hier gewünscht wird, sich rechnen soll. Dass es sich bei diesem besseren Angebot an neuen Dienstleistungen um legale Beschäftigungen handeln muss, steht außer Frage und wird schließlich auch von Ursula von der Leyen betont. Dennoch: Schon das Wort „kostengünstig“ weckt Unbehagen. Schließlich sind es zu mehr als 90 Prozent Frauen, die heute im „haushaltsnahen Bereich“ eine Beschäftigung finden. Und wo man „ein Land für Frauen verändern“ möchte, wird man mit Blick auf diese Zahlen aufpassen müssen, nicht in neuen Sackgassen zu landen. Mindestlöhne sind also das Mindeste, was hier gleich mit zu diskutieren wäre – und dann zu schaffen.


Schließlich ist anzunehmen, dass auch die doppelt- und vollberufstätigen „neuen Eltern“, die dieses Land sich wünscht, abends das wollen, was alle Eltern wollen. Hin und wieder am Bettrand der Kinder sitzen und aus Büchern vorlesen. Das Märchen vom „Aschenputtel“ vielleicht auch – aber möglichst ohne Erröten.